CD des Monats

Glitzerfummel hin, Discokugel her

Funky Fräuleins 2 - Female beat, groove, funk from Germany 1968 bis 1981

Mit den zweiten oder gar dritten Aufgüssen von Themen-Compilations verhält es sich meistens wie mit den Sequels zu erfolgreichen Filmen: sie sind ihr Geld nicht wert. „Funky Fräuleins 2“, wie auch sein Vorgänger beim Hamburger Label bureau b erschienen, ist allerdings ein ganz anderer Schnack.

 

Von den späten 1960'er- bis zu den mittleren 1980'er-Jahren suchten deutschsprachige Schlagersängerinnen und ihre (überwiegend männlichen) Produzenten nach neuen Ausdrucksformen, die weniger betulich klangen als das übliche Hitparadenliedgut. Für viele lag die Lösung im Funk und – in den '70'ern – im gerade aus den USA herüberschwappenden Discosound.

 

Erstaunliches statt Langweiliges

 

Vor gut einem Jahr sorgte die 18-Song-Collection „Funky Fräuleins 1“ für einige Aha-Erlebnisse, zum Beispiel, dass Marianne Rosenberg mit Songs wie „Ich will dich für immer“ durchaus internationales Format besaß, oder dass Hildegard Knef eine überzeugende Gospelsängerin abgegeben hätte. Und zum Glück versuchten sich so viele Schlagersängerinnen auf dem weiten Feld von Funk, Beat und Disco, dass die Kompilatoren für „Funky Fräuleins 2“ nicht auf langweiliges Material zurückgreifen mussten, sondern erneut Erstaunliches zutage fördern konnten.

 

Natürlich kam bei den deutschen Disco-Übungen viel albernes Zeug heraus, z.B. wenn Evelyn Künnecke versuchte, groovy zu sein oder die eher brave Schauspielerin Heidelinde Weis ihre laszive Seite entdeckte. Skurrilitäten ähnlicher Güteklassen gibt es auch auf Nummer 2 zu hören, die Mannheimer Bluesröhre Joy Fleming etwa mit ihrer zwar stimmlich beeindruckenden Coverversion von „Fever“, die sich im Text aber nicht um Liebesglühen, sondern um einen arbeitsfaulen Opa dreht.

 

Kuriositäten und Überraschungen

 

Weitere Kuriositäten wie die Mitropa-Lobeshymne „He, wir fahr´n mit dem Zug“ von DDR-Star Veronika Fischer oder das rührend keusche „Mein Wochenende“ von „Schätzchen“ Uschi Glas, die in diesem Lied von ihrem Freund schwärmt, der, uiuiui, manchmal Samstag abends Bier trinkt, lassen die echten Perlen umso heller strahlen: allen voran die „schwärzeste weiße Stimme Deutschlands“, Su Kramer mit dem knochentrockenen Funkmonster „Weißer Sand“, oder Bluesrockerin Inga Rumpf mit ihrer knackigen Coverversion von Stevie Wonders „Superstition“, begleitet von Peter Herbolzheimer.

 

Auch Peggy March, Hildegard Knef und Heidelinde Weis, die alle schon auf „FF 1“ vertreten waren, sind mit guten Songs zu hören: besonders Hilde Knefs jazzig-groovendes „Gern Bereit“ klingt auch für heutige Ohren zeitgemäß und elegant swingend. Caterina Valente huldigt mit „I Dig Rock and Roll Music“ den Beatles und anderen Rockbands, was man beim „Tipitipitipso-beim-Calypso-sind-dann-alle-wieder-froh“-Funkenmariechen nicht unbedingt vermuten würde, eine weitere Überraschung auf diesem an Überraschungen nicht gerade armen Album wartet am Schluss: der psychedelische Beat-Track „Can´t Understand“ von einer gewissen Donna Gaines, die wenig später als Discoqueen Donna Summer Weltkarriere machen sollte...

 

Groovende Geh- bzw. Tanzversuche - ausgerichtet auf Erfolg

 

Auch wenn uns heutzutage viele der hier versammelten Lieder albern, gezwungen lässig oder gar peinlich vorkommen, muss man sie vor dem Hintergrund ihrer Zeit betrachten: vor 35 Jahren verhießen Disco und Funk Ausschweifung, künstlerische und persönliche Entfaltung, und – natürlich - Sexyness. Für deutschsprachige Schlagersängerinnen, die mit ihrem biederen und altbackenen Image kämpften, eine willkommene Gelegenheit, ein bisschen Glamour á la Dusty Springfield zu erhaschen.

 

Gleichzeitig darf man in die groovenden Geh- bzw. Tanzversuche von Lill Lindfors, Uschi Moser und wie sie alle heißen, nicht zu viel hineininterpretieren. Hinter fast allen Sängerinnen standen männliche Komponisten, Arrangeure, Produzenten, Manager und Musiker, die – ausgerichtet auf Erfolg – die Geschicke ihrer Schützlinge lenkten. Der Einfluss der Sängerinnen selbst blieb auf ein Minimum beschränkt. Joy Fleming, Hildegard Knef, Su Kramer, Anne Haigis und Inga Rumpf mögen Ausnahmen sein, von künstlerischer Emanzipation kann jedoch keine Rede sein. Glitzerfummel hin, Discokugel her.

 

Erscheinungsdatum der CD:  07.01.2011

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend schreibt sie für das Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine. 

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