Cool Tour

Gonzales- ein schräges Genie

Seine DVD rettete Heiligabend. Ich bin verliebt, meine Schwester ist es, und meine ganze Familie verfiel dem kollektiven Tauschwahn. Leidenschaftlich werden DVDs, Konzertmitschnitte und CDs ausgeliehen, dabei verschwörerisch geflüstert, damit es nicht die Falschen mitbekommen. Von wem hier die Rede ist? Von Gonzales. Kennen Sie nicht? Dann wird`s aber Zeit!

Von: Miriam von Versen, Fotos: Universal und Simon Law fia Flickr.com

vom 16.04.07

So vielfältig der gebürtige Kanadier Jason Beck musikalisch ist, so vielzählig sind auch seine Künstler- und Spitznamen, um hier nur einige zu nennen: „Chilly Gonzales“, „Gonzo“, „The One-eyed yew“, „Fuckeye“, The Worst MC“ oder wie meine kleine Schwester anmerken würde: „The Sexiest Quasimodo Alive“. Ja, rein optisch ist er wohl eine aparte Mischung aus dem genialen Pianisten Glenn Gould und dem Schauspieler Daniel Day Lewis.

 

Jason Beck studierte Jazzpiano an der Concordia University in Montreal, wurde in den 90ern Mitglied der alternativen Rockband Son in Toronto, und nach mäßigem Erfolg ging  er auf Kurs zur Belebung der Berliner Musikszene. In seiner Heimat wenig beachtet , schlägt er in der Hauptstadt ein wie eine Bombe, nicht eben schüchtern, aber glücklicherweise mit einer dicken Portion clownesker Selbstironie ernennt er sich selbst zum „Präsidenten des Berliner Untergrunds“. Beim Label Kitty-Yo veröffentlicht er 2000 sein erstes Album: „Gonzales über alles“, in dem sich schon sein eklektischer, experimenteller Stil Bahn bricht_- wie aus einem Guss melancholischer Synthie-Pop mit verspieltem Rapgesang und Chanson-Elementen.

 

Die daraus stammende Single „Let´s Groove“ schaffte es sogar bis in die britischen Charts, das Szene-Magazin „The Face“ wählte sein Debut zu einem der besten zehn Alben des Jahres.  Bei der zweiten LP (ebenfalls 2000 erschienen),“The Entertainist“, blieb er uns die Antwort schuldig, ob er den Rap neu erfinden oder schlichtweg verarschen wollte.

 

Auf dem drittem Album  „Presidential Suite“( 2002) findet sich eine geniale, eigenwillige Mixtur aus HipHop, französischem Chanson, Dance und chilligen Grooves, dargeboten z.B. vom House- Urgestein Louie Austen, Feist und der französischen Sängerin Guesch Patti.  Von letzterer erscheint „Dans Tes Yeux“ als Single- Auskopplung. Auch mit anderen Musikern gab es fruchtbares Zusammenarbeiten, z.B. mit Daft Punk. Bevor Gonzales Berlin verlässt, von der Spree an die Seine wechselt, mischte er einige seiner besten Stücke auf seiner Best-Of-Compilation „Z“ neu.

 

Dann, in puristischer Abkehr elektronischer Exaltiertheit scheinbar die musikalische Wende: 2003 erscheint „Solo Piano“, darauf „sechzehn Themen für linkshändige Begleitung und rechtshändige Melodieführung“. Tatsächlich ist es wohl eher eine Rückbesinnung auf seine jazzig- klassischen Wurzeln. „Solo Piano“ weckt Assoziationen; das verträumte Werk erinnert an die klassische französische Klaviermusik von Maurice Ravel  oder Eric Satie  oder auch an die Jazzmusiker Keith Jarrett und Nina Simone. Aber er wäre nicht Gonzales, wenn er nicht mit seinem schelmischem Witz nachgewürzt hätte, so heißen z.B. zwei Titel „Basmati“ und „Oregano“.

 

Auf der 2006 veröffentlichten Doppel- DVD „From Major To Minor“ findet sich eine prall gefüllte Wundertüte aus dem Werk von Gonzales; er präsentiert Ausschnitte seiner „Solo Piano- Darbietungen“ (teils mit Ninja Pleasures Projektionen) ,“Le White Gloves Concert“ (für Piano, Gitarre, Tamburine, weiße Handschuhen, Jamie Lidell und andere), schräge Video-Clips aus Kitty Yo-Tagen und so manches mehr.

 

Besonders hervorheben möchte ich das „Piano- Battle Gonzales vs. Jean- Francois Zygel“, spätestens hier fand mein letzter Heiligabend seinen vergnüglichen Höhepunkt, zwei ausgezeichnete Pianisten messen sich, so sollen sie sich z.B. in drei Minuten musikalisch darstellen, Themen voneinander abnehmen, nur weiße oder nur schwarze Tasten benutzen...spaßig!