Reizthema

Gott als Irrglaube

Nicht nur religiösen Fundamentalismus möchte er verdammen. Für Richard Dawkins ist der Glaube an das Göttliche an sich schon ein Übel, das aus der Welt geschafft gehört. Warum? Um Antworten ist der britische Evolutionsbiologe nicht verlegen – weder in Interviews noch in seinen Büchern. Gerade ist „Gotteswahn“ auch auf Deutsch erschienen und sorgt für Diskussionen: Ist Religion eine Form von mentalem Kindesmissbrauch? Sind ethische Werte und kirchliche Moral zwei Paar Schuhe? Und hatte Darwin schon damals die besseren Argumente, uns die Schöpfung nahe zu bringen, als alle Glaubensrichtungen von heute? Richard Dawkins provoziert und spaltet.

Das "Unwahrscheinlichkeitsgebirge" erfand der seit seinem "egoistischen Gen" weltberühmte, von fast allen Fachkollegen bewunderte Evolutionsbiologe Richard Dawkins schon in einem früheren Buch. Es liefert ein sehr anschauliches Bild für die Evolution:

Stellen Sie sich ein Gebirge vor, dessen eine Seite vom Gipfel herab scharf abbricht. Auf dieser Seite sehen wir eine senkrechte Wand. Kann es sein, dass an ihr all die vielen Tiere mit (zum Beispiel) unterschiedlich vielen Flügelprozent hinaufgeklettert sind, bis sie sich vom Flughörnchen zum Kondor entwickelt haben? Sehr, sehr unwahrscheinlich. Wenn das Gebirge sich aber auf der anderen Seite ganz langsam, kaum merklich auftürmt? Wenn dort sanft ansteigende Wiesen bis zum Gipfel führen? Dann kann sich ohne Schwierigkeiten aus dem ersten Auge eines Tiefseefisches, das gerade mal das Blinkzeichen eines potentiellen Partners erkennt, leicht das Facettenauge einer Libelle, das unglaublich unterscheidungsfähige Auge eines Uhus oder unser nützliches Sehorgan entwickeln. Gaaaanz langsam.

Verzeihen Sie, darum geht es im "Gotteswahn" eigentlich nur am Rande, denn Richard Dawkins will die Überflüssigkeit eines Schöpfergottes oder - so wird er ja heute gern genannt - eines "intelligenten Designs" widerlegen. Denn, so behaupten die sogenannten Kreationisten, die an beides glauben: Die Natur ist viel zu komplex, um sich sozusagen aus dem Nichts entwickelt zu haben.

Pustekuchen, beweist Dawkins. Die flache Rückseite des Unwahrscheinlichkeitsberges bietet allen Geschöpfen alle Möglichkeiten, sich zu verändern, ihre Organe weiterzuentwickeln, Seitenwege auszuprobieren. Und wenn sie es schaffen, sich fortzupflanzen, ihre durch zufällige Mutation entstandenen Neugene weiterzugeben, dann kann aus den Zutaten Zufall plus Zeit etwas Neues entstehen. Sogar der Mensch. Ein planender Gott ist dazu völlig überflüssig.

Richard Dawkins will überzeugen. Er will das Coming-out all jener, die nicht an Gott glauben. Sein "Gotteswahn" ist ein flammendes Manifest für Atheisten, die sich mit unserem Alleinsein auf der Welt abgefunden haben und auf den Trost der Religion verzichten können. Mutige Menschen. So wie Richard Dawkins ein mutiger Mensch ist, denn zum Beispiel in den USA (erst recht im zivilisierteren Europa) ist es heute verhältnismäßig leicht geworden, sich als schwul zu outen. Wer offen bekennt: "Ich bin ein Atheist", erntet auch in Europa entsetztes Schweigen. Oder in den USA sehr oft Morddrohungen und wüste Beleidigungen, wie auch Dawkins erfahren musste.

Macht nichts. Die sorgfältige Lektüre seines "Gotteswahns" ist sogar für Nicht-Atheisten, ich finde sogar: für Gottesgläubige aller Religionen eine echte Offenbarung. Noch in keinem seiner Bücher hat der Autor seine Theorien und die für ihre Verifizierung inzwischen angehäuften Beweise so klar, so verständlich und so einleuchtend dargelegt. Überzeugte Gottgläubige werden sie nicht anerkennen - Glauben hat ja nichts mit wissenschaftlichen Beweisen zu tun, existiert jenseits aller Logik , aber langweilen werden sich weder Atheisten noch Gläubige, denn Dawkins schreibt oft witzig, einen immer geschliffenen, ganz "unwissenschaftlichen" Stil, der Gedanken ans Querlesen gar nicht aufkommen lässt (ich wünsche mir, alle Romanautoren könnten so gut schreiben wie dieser Biologe!).

Durch den "Gotteswahn" werden Sie begreifen, wie Evolution funktioniert, sich dabei amüsieren, einen Aha-Moment nach dem anderen erleben, unendlich viel über die Welt lernen, in der wir leben. Mehr kann man von einem einzelnen Buch wirklich nicht verlangen. Selbst wenn Sie ein sehr viel spirituellerer Mensch sind als ich - bitte lesen Sie es. Es bereichert nicht nur Ihren Fundus an Wissen und trainiert Ihr Gehirn. Es macht Sie schlauer! Ob Sie am Ende Richard Dawkins Beweise akzeptieren oder sie immer noch ablehnen, ist dafür egal.

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DER SPIEGEL (37/2007) sprach mit Richard Dawkins (S. 160 - 164).
Hier ein kurzer Auszug:


SPIEGEL: "Wenn Gott nicht existierte, wäre alles erlaubt", meinte Dostojewski. Wo wären wir ohne die christliche Ethik?

Dawkins: Unsere heutige Ethik haben wir doch gar nicht aus der Bibel. Unsere Werte - Gleichberechtigung zum Beispiel oder das Verbot von Sklaverei und Folter - haben der Schrift nichts zu verdanken. Sie sind entstanden in einem liberalen Konsens, den wir mit allen Menschen teilen, die wir zivilisiert nennen. Wenn wir unsere Ethik wirklich aus der heiligen Schrift bezögen, wäre die Welt ein entsetzlicher Ort. Wie das Afghanistan unter den Taliban....

(...)

SPIEGEL: Sind Sie im Lauf der Jahre radikaler in Ihrer Religionskritik geworden?

Dawkins: Wahrscheinlich. Der 11. September 2001 hat mich sicherlich radikalisiert und auch die Antwort der Christenheit, deren Kreuzzug gegen die neuen Feinde, die Aufteilung der Welt in Gute und Böse.

SPIEGEL: Menschen führen aus vielerlei Gründen Krieg, nicht nur aus religiösen. Wir verstehen noch nicht ganz, woher Ihr Furor gegen den Glauben rührt.

Dawkins: Besonders empört mich die Indoktrinierung der Kinder. Ich halte Religion für eine Form mentalen Kindesmissbrauchs. (…) Es bürdet den Kindern eine Menge Gepäck auf, es macht sie verletzlich. Vielleicht nicht in Deutschland, aber ganz sicher in Nordirland, im Irak, in Israel. Und selbst wenn es nicht unmittelbar gefährlich ist - es ist eine Bevormundung. Lange bevor das Kind alt genug ist, eine eigene Meinung zu haben über den Kosmos, die Moral, die Menschheit, wird es abgestempelt zu jemandem, der an die Dreieinigkeit glaubt .

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Anne von Blomberg schreibt am liebsten über neue Trends: Psycho-, Sozio-, Mode-, Ess- oder Parfumtrends. Aber ihre größte Freude sind die Bücher, die sie auf "readme.de" vorstellt - vom nüchternen Sachbuch bis Fantasy, vom Krimi bis zum guten Roman. Vorbildung? Stellvertretende Chefredakteurin bei "Petra" und "Brigitte", Chefredakteurin bei Gourmet- Magazinen, heute u.a. Trendschreiberin für die Zeitschriften des Mode-Centrums Hamburg.

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