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Große Fußballgefühle vor dem Altar

Erst Stirnrunzeln, dann kam die Neugierde: Das EM-Finale auf Großleinwand verfolgen – und zwar in einer Kirche, ohne Ton, aber dafür mit Live-Begleitung von der Orgel. Wer kommt denn auf so eine Idee?

Eine Kirche in Berlin-Kreuzberg hatte zu diesem Programm eingeladen – die Emmaus-Kirche, mit dem Stummfilm-Pianisten Carsten-Stephan Graf v. Bothmer an der Orgel: Das mussten wir uns ansehen! Wenn es zu andächtig würde, zu leer oder befremdlich, könnten wir uns jederzeit ja noch den Public Viewing-Angeboten rund um die Kirche zuwenden, so dachten wir uns.

Wurde aber nichts. Denn dafür war das Ereignis dann doch zu skurril. Mehreren Leuten ging es so wie mir, als sie das gut gefüllte Gotteshaus betraten: Sie mussten laut lachen. Weil hier Bereiche zusammengeführt wurden, auf die man sonst nur strikt getrennt trifft? Fußball und Kirche. Ein aus den letzten Wochen vertrauter Anblick von Großleinwand – und der von Orgel, Altar und Kirchenbestuhlung. Hinter mir merkte jemand ganz richtig an: „Daran muss man sich erstmal gewöhnen.“

Stimmt, wir hörten uns ein. Die Belustigung aber blieb, meine Irritation auch. Ich konnte mich von Stummfilm-Assoziationen einfach nicht freimachen: Die bekannten Fußballer wurden unter der Begleitung des Filmmusikers mehr und mehr zu theatralischen Filmhelden ohne Worte. Viele Szenen bekamen durch die Musik und den fehlenden Kommentar eine zusätzlich kunstvolle Dramatik: Fallen, Purzeln, Rutschen und Rollen der Spieler wurden zum gekonnten Slapstick.

Komödiantisch stießen da der schlaksige Mertesacker und ein spanischer Stürmer mit den Köpfen zusammen. Schweinsteigers verzweifelte Mimik, mit der er sich beim Schiedsrichter über einen Pfiff mokierte, wurde zum flehenden Betteln um sein Leben. Nach Ballacks Zusammenstoß mit Senna folgten Szenen aus dem Genre des stummen Horrorfilms, in denen erst Blut floss und der Kapitän dann zusammengeflickt wie Frankenstein und mit starrer Miene wieder ins Spiel trat.

Heiterer wurde es wieder, als der eingewechselte Kuranyi mehrmals spanische Spieler tölpelhaft über den Haufen rannte und dann, den Zeigefinger heftig im Takt der Musik schwenkend, den Moralapostel mimte. Weitere Höhepunkte: Das Zusammentreffen von Podolski und Silva mit anschließendem Kopfstoß – bestes Kasperletheater wie aus Kindertagen. Und: ein Tritt in Kloses empfindlichste Gegend, dem die Orgel in der Zeitlupenwiederholung besonderen Tiefgang verlieh.

Während ich mich den kuriosen Momenten dieses Spektakels hingab, schafften es „echte Fans“ um mich herum mühelos, auch ohne Kommentator und Stadiongeräusche, echte Fußballgefühle zu entwickeln und der Veranstaltung unterzumischen: Klatschen. Anfeuern. Ausrufe des Bangens, Hoffens und Jubelns – unterstützten die Orgelklänge nach Kräften.

Mir aber war ein Mitfiebern, das sich auf den Spielverlauf selbst richtete, unter diesen Umständen einfach nicht möglich. Trotzdem oder gerade deshalb war das Finale der Fußball-EM 2008 für mich – großes Kino.

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Hilde Hauser ist Sprachwissenschaftlerin und lebt in Berlin.

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