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Gute Mütter kochen – böse lieben Tiefkühlkost

Ich bekenne mich dazu: Ich hasse es, mir Speisepläne ausdenken. Dabei ist es völlig indiskutabel, als Mutter von vier Kindern nicht um das leibliche Wohl der Kleinen besorgt zu sein. Aber ich habe einfach keine Lust auf Kochen. Punkt.

Von: Bärbel Kerber, Foto: photocase.com

vom 11.01.07

Und dann packt es mich manchmal doch: Das schlechte Gewissen, meine Kinder zu Fast-Food-Konsumenten und „Was-ich-nicht-kenne-mag-ich- nicht“- Penetranten zu machen. Nicht auszudenken. Ich renne zum nächsten Feinkostgeschäft, Wochenmarkt, Küchenshop. Ich kaufe Kochbücher und in einem ersten Anfall koche ich sogar mit Leidenschaft, viel Zeit und gebe mir richtig Mühe.

 

Bis dann das Essen auf dem Tisch steht und ich erwartungsvoll in die Gesichter meiner Lieben blicke. „Iiih“, höre ich von meiner Ältesten. „Was ist das denn?“, nörgelt die Kleine. Mein lieber Gatte versucht die Situation zu retten: „Das ist Gemüse-Lasagne mit Blatt-Salaten. Das macht so stark wie die Power-Puff-Girls und ….“ Ungläubige Blicke meiner Ältesten. Alles schaut auf mich. „Ach nee, Mama…“ Ich gebe auf.

 

Warum eigentlich sich Sorgen machen? Skorbut bekommt heute keiner mehr. Gummibärchen sind gut für Gelenke und Knochenaufbau. Und Ketchup ist besser als sein Ruf, las ich neulich. Weil Konserventomaten – hört, hört – mehr wertvolle Pflanzenstoffe (z.B. Lycopin) als frische Tomaten enthielten. Außerdem: Früher verabreichte man uns Kindern die Vitamin- und Kalziumbombe Multi-Sanostol. Daraus schließe ich, dass selbst Mütter-Generationen, die noch etwas von Einwecken, Kochen aus frischen Zutaten und der Bedeutung gemeinsam eingenommener Familienmahlzeiten verstanden, diese ansteckende und merkwürdige „Mein-Kind-isst-nicht-das-Richtige“-Panikattacken befiel.

 

Somit ist klar: Derartige mütterlichen Selbstzweifel sind nur das Resultat einer ausgebufften Marketing-Masche der Wirtschaft – früher steckten die Hersteller der Nahrungsergänzungsmittel dahinter, heute die Buchverlage mit ihren Bestsellern wie  „Kochen für Kinder“, „Babybreie selbst machen“. Die hohe Kunst des Selbst-alles-frisch-Kochens wird ja bereits den frisch Entbundenen eingeschärft: „Das Stillkochbuch“ will Frauen weismachen, dass ihre Muttermilch nur dann wirklich gesund für ihr Kleines ist, wenn sie sich mehrmals täglich an den Herd stellt und sich selbst ein vollwertiges, ökologisch-dynamisches Mahl bereitet.

 

Ich mach da nicht mehr mit. Gott sei dank gibt es ja Kapitän Iglu und Fertigpasta aus der Kühltheke in unserem Supermarkt. Meine neueste und beliebteste Entdeckung ist aber diese geniale Lieferfirma, die uns die Tiefkühlprodukte (alles, was das Kinderherz begehrt im Sortiment – von Fischstäbchen über Pizza bis zu Würstchen, auch die tatsächlich tiefgekühlt!) direkt ins Haus liefert und sogar fachmännisch in meine Kühltruhe packt. Ich habe diese Firma vor allem so lieb gewonnen, weil sie mir die Augen öffnete. Plötzlich nämlich sah ich, wie häufig dieser Lieferwagen in unserer Strasse hält. Es scheint da draußen eine Menge kochunwilliger Mütter zu geben. Kommt raus und outet euch! Dann können wir endlich alle unbeschwert die Mahlzeiten mit unseren Sprösslingen angehen. Und gleich unsere Emanzipation vom Herd gebührend feiern.

 

By the way: Ich habe noch nie etwas von einem Vater gehört, der sich nachts schlaflos im Bett wälzt, weil er tags zuvor mit seiner Brut bei einem hinlänglich bekannten amerikanischen Schnellrestaurant war, statt ihr ein nach neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengestelltes Abendbrot zu servieren. Vielleicht weil es keine Rabenväter gibt, sondern nur Rabenmütter?