Anderswo

Guter Porno, schlechter Porno!?

Die Debatte ist neu entfacht, die Frage aber noch immer die alte: Hat die Pornobranche auch anderes im Repertoire, als nur mehr Bilder sexueller Gewalt und erotischer Verarmung - wie etwa das Magazin EMMA seit jeher ihr vorwirft? Jens Brüning ist fest davon überzeugt, dass es Alternativen gibt. Gerade fand zum zweiten Mal das Pornofilmfestival Berlin statt, das der Regisseur und Produzent organisiert. Eine Chance für das einstige „Schmuddelkind“ Sexfilm, an Salonfähigkeit zu gewinnen?

Für den Kreis um Alice Schwarzer stellt sich diese Frage natürlich so gar nicht. Mangel an Salonfähigkeit? Das sei schon lange kein Problem mehr, mit dem die Pornographie heute zu kämpfen hätte. „Porno ist schick und stylish und überaus gesellschaftsfähig“ so heißt es in der vorletzten Ausgabe des Magazins (5/2007). Einer der Gründe für EMMA, zurzeit eine neue PorNO-Kampagne auszurufen – die dritte nach dem legendären Stern-Prozess im Jahr 1978.

„Wer nein zu Porno sagt, sagt nein zu Sex“, so schallt es aber auf EMMAS Aufruf mittlerweile unerwartet zurück. Ein Echo aus der Ecke der „üblichen Verdächtigen“? Keinesfalls. Alice Schwarzers PorNO-Botschaften scheinen auch unter jüngeren Frauen heute nicht ohne weiteres mehr auf Gehör und Verständnis zu stoßen: „Die Frage ist doch nicht ob, sondern wie man Pornos macht", lautet das Argument, dass hier immer wieder bemüht wird.

Auch Jens Brüning bringt das Argument der anderen Machart ins Spiel, wenn er für sein Pornofilmfestival Berlin wirbt. Der Filmemacher, der im Independent-Bereich arbeitet, daneben aber auch als Produzent kommerzieller Schwulenpornos auftritt, hat sich in einem Gespräch mit dem Magazin "Zitty" über den „anderen Ansatz“ geäußert, den sein Festival verfolge. Man lege großen Wert darauf, andere Akzente zu setzen, was die Bilder von Sexualität, von Beziehungen, Frauen und Männer angehe. Und immerhin seien zu 30 Prozent Filmemacherinnen eingeladen gewesen, hier mitzuwirken. Bleibt nur die Frage: Gibt es an einem Porno, der nicht im problematischen Fahrwasser von Kommerz und Ausbeutung schwimmen möchte, - überhaupt ein echtes Interesse? Hier ein Auszug aus dem Interview, das weitere Fragen aufwirft.

„(…) Porno ist in den letzten Jahren Teil der Popkultur geworden. Ist das Interesse an Pornografie ein Feuilletonhype? Nun ja, sich theoretisch mit Pornografie auseinandersetzen, ist die eine Sache, sich konkret Pornografie angucken, etwas anderes. (…) Es gehört zur Popkultur, so zu tun, als ob einem das alles nichts mehr ausmacht: „Kenn ich alles, weiß ich alles”. Aber es ist eben eine andere Sache, über seine eigene Sexualität nachzudenken.

Das wollen Sie wirklich in Gang bringen? Natürlich. Ich finde Sexualität ist eines der wichtigsten Themen auf der Welt. Es wird nicht unbedingt zu wenig, aber zu flach darüber geredet. Was die Feinheiten bedeuten, darüber redet niemand. Genau das muss man für sich selbst herausfinden.

Ein Pornfilmfestival mit pädagogischem Anspruch? (lacht) In der „Siegessäule” stand neulich: „Alice Schwarzer – die ja ihre PorNo-Kampagne hat aufleben lassen – und Jürgen Brüning kämpfen für dieselbe Sache”. Das war dann doch ein bisschen schräg. (…)“

Alle Fragen geklärt? Und alte Gegnerschaften beseitigt? Man darf das bezweifeln und mit einem Blick in die EMMA feststellen: Auch hier ist anregender Lesestoff zu Hauf zu finden. So schreibt etwa Annette Anton im Dossier des Heftes 5/2007:

„Viele Bereiche unseres Lebens von der Werbung, über die Mode bis zu den Videoclips der Musikindustrie sind von der Ästhetik der Pornografie durchzogen, meist so konsequent - oder auch so subtil -, dass man es schon gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Oversexed and underfucked stehen wir unter dem Dauerbeschuss der pornografischen Zeichen. (…) Offenbar ist in den letzten Jahren etwas passiert, das der Pornografie nicht nur zu breiter Akzeptanz verholfen hat, sondern ihr auch noch Glamour verleiht. (…)

Und was machen die Frauen? Viele reagieren darauf, indem sie sich ins Warenangebot der Pornografie einfach einreihen. Das fängt mit Styling und Kleidung an und hört bei Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen noch lange nicht auf. Sogar in deutschen Kleinstädten können Frauen Pole-Dancing-Kurse besuchen, die aus jedem Muttchen binnen zehn Abenden eine passable Stripperin an der Stange machen, und nahezu jede Frauenzeitschrift gibt Ihnen heutzutage Sextipps, die Sie bei sorgsamer Befolgung recht rasch zu einer Professionellen im eigenen Ehebett werden lassen“.

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Fotos:

1. weenakanya plangkamol (via flickr.com)
2. neguan (via photocase)