Abgefragt

"Haare auf den Zehen“ - 2.Teil

Julia, Frieda und Nele sind drei Berliner Freundinnen, die gerade ihr Abitur gemacht haben. Sie sind zwischen 19 und 20 Jahre alt und genießen nun das Leben in vollen Zügen. Wir haben uns an einem Mittwochabend in einer gemütlichen Kneipe in Prenzlauer Berg getroffen, um dieses Interview zu führen.



Habt Ihr Humor, wenn Ihr alleine seid?

Frieda: Ja, durchaus. Ich muss manchmal einfach über mich selber lachen. z.B. wenn ich die Straße entlang laufe und plötzlich stolpere und dann einfach weiter laufe und so tue, als hätte es niemand bemerkt, dann muss ich schon mal lachen.

Nele: Ich kann mich auch wunderbar selber amüsieren und über mich lachen. Auch alleine habe ich meist sehr viel Spaß.

Julia: Mir geht es auch so. Ich lache sogar sehr viel alleine. Mittlerweile kann ich die gesamte Tonleiter rauf und runter lachen. Allerdings habe ich manchmal Angst, dass mich jemand durchs Fenster dabei sehen könnte...


Kennt Ihr Tiere mit Humor?

Julia: Katzen! Eindeutig Katzen! So blöd kann man nur mit Humor sein, wenn unsere Katze z.B. die Wände hoch springt oder ihr Spiegelbild anzugreifen versucht.


Gesetzt den Fall, Ihr glaubt an einen Gott: Kennt Ihr Anzeichen dafür, dass er Humor hat?

Frieda: Ich glaube eher, dass er ironisch ist. Erst vor kurzem ist mir da so was Merkwürdiges passiert, wo ich mir schon verarscht vorkam: Die ganze Zeit scheint die Sonne, dann muss ich losgehen zur Sparkasse. Natürlich fängt es an zu regnen, kaum dass ich aus dem Haus gehe. Als ich in der Sparkasse drinnen bin, hört es auf. Als ich mich weiter auf den Weg zu den Arkaden mache, fängt es wieder an. Als ich drinnen bin, scheint wieder richtig schön die Sonne. Und was passiert wohl, als ich das Gebäude wieder verlasse?! Na klar, Regen!

Nele: Ich glaube, dass sich Gott köstlich amüsiert. Mir geht es öfter so, dass ich runter gehe den Müll weg bringen. Dann habe ich was vergessen und muss wieder hoch. Kaum bin ich wieder unten, fällt mir noch mal was ein. Und das geht dann manchmal bis zu dreimal so hin und her.

Julia: Ich sage einfach nur: Katzen!


Haltet Ihr die Dauer einer Freundschaft für einen Wertmaßstab dieser?

Julia: Nö! Warum auch? Es gibt so viele Dinge, woran man sie messen kann...

Frieda: Nein! Es gibt auch wunderbare kurze und intensive Freundschaften. Sie müssen nicht unbedingt lang sein, um gut zu sein.

Julia: Ja genau! So sehe ich das auch.


Was fürchtet Ihr mehr: das Urteil eines Freundes oder eines Feindes?

Frieda: Warum sollte ich ein Urteil fürchten?

Nele: Es muss ja nicht unbedingt negativ sein. Aber wenn, dann würde ich das eines Freundes mehr fürchten. Freunde sind ehrlicher und Feinde nimmt man in dieser Hinsicht wahrscheinlich nicht so ernst, und daher prallt es viel mehr von einem ab.

Julia: Ich finde beides beängstigend. Ich glaube, ein Freund drückt sich noch besser und sensibler aus. Feinde sind da viel härter und ehrlicher. Aber ich bin da auch schlecht beim Differenzieren. Freunde raffen manches vielleicht auch nicht so, und ein Außenstehender schon eher.... Das ist schwierig.


Wie viel Aufrichtigkeit ertragt Ihr von einem Freund?

Frieda: Ich vertrage da ziemlich viel. Ich bin froh, wenn sie ehrlich zu mir sind, und es ist ein Vertrauensbeweis. Außerdem denke ich dann viel eher darüber nach und überlege, ob derjenige Recht hat oder nicht. Dementsprechend würde ich mich dann auch ändern oder nicht.

Nele: Er muss es aber sensibel rüberbringen. Wenn er einem plötzlich irgendwelche Sachen sagt, kann es dich *peng* einfach umhauen.

Julia: Ich hab da 'ne dicke Haut. Ich vertrage da einfach sehr viel!

Nele: Es kann aber auch eine Freundschaft daran kaputt gehen. Mir ist das schon passiert...


Wie steht Ihr zu Säuglingen?

Julia: Im Gegensatz zu vielen anderen finde ich sie unglaublich hässlich. Sie sind zerknittert, unhygienisch, glibberig - muss ich noch mehr sagen?

Frieda: Ach was, sie sind nur die ersten ein, zwei Tage zerknautscht, danach sehen sie ganz normal aus. Also bei mir wirkt das Kindchenschema. Ich finde sie so niedlich!

Julia: Ich bleibe dabei. Igitt!


 

Möchtet Ihr mit vollem Bewusstsein sterben oder lieber plötzlich z.B. durch einen herabfallenden Ziegel?

Frieda: Ich möchte ganz plötzlich sterben. Aber erst wenn ich 80 Jahre alt bin. Ich möchte nämlich unter keinen Umständen ein Pflegefall werden.

Julia: Ich möchte auf keinen Fall mit vollem Bewusstsein sterben. Ganz schnell ist mir lieber und plötzlich. Möglichst ein sofortiger Tod durch eine Bombe. Das wäre perfekt!


Wenn Ihr jemanden liebt: Warum möchtet Ihr nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem anderen überlassen?

Frieda: Wer sagt denn, dass ich das will?!

Julia: Ist doch o.k. so. Ich bin egoistisch und will zuerst sterben, warum sollte ich denn freiwillig leiden wollen?

Frieda: Na ja, wahrscheinlich ist der Mensch einfach egoistisch. Aber es kann auch nach dem Tod des Partners gut weiter gehen.

Julia: Für mich wäre es so furchtbar. Ich würde auch nicht mehr leben wollen.

Frieda: Es gibt Menschen, die haben danach noch mal ganz neu angefangen und sind regelrecht erblüht.



::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::


Die Fragen stammen aus dem Buch „Fragebögen“ von Max Frisch.