Weibchenschema

(Halb-)Nackt, schlüpfrig - aber nicht sexuell?

Wenn Prominente sich auf Nacktfotos präsentieren, geht uns das durchaus etwas an.

Sportlerinnen und Schauspielerinnen, die sich ausziehen, scheinen im Trend zu liegen. Das Problem nur ist: Was Thomalla, Friesinger, Teter und Co. damit bezwecken und was sie damit tatsächlich erreichen, sind zwei grundverschiedene Dinge.


Sie haben nichts Böses im Sinn. Soviel ist klar. Sie räkeln sich vor dem Betrachter und zeigen, was sonst gut verhüllt unter ihrer Sportlerkleidung oder ihrer Filmgarderobe liegt. Und unschuldig verstehen sie die Welt nicht mehr, wenn es durchaus auch Kritik gibt und nicht alle über die Darstellung ihrer zweifellos knackigen Körper jubeln. So wie im jüngsten Fall geschehen.


"Ich wollte das unbedingt machen, denn ich finde, dass sich Frauen wegen ihrer Körper nicht schämen sollten. Das ist einfach so falsch", moniert Hannah Teter gegen die Kritiker. "Die Bilder sind ein bisschen schlüpfrig, aber absolut nicht sexuell", sagt die Snowboarderin und schiebt nach: "Man sollte daraus kein Drama machen. Die Naturvölker laufen in einigen Ländern ständig nackt herum, und keiner denkt an Sexualität.“


Ach, hätte sie doch besser nichts dazu gesagt.


Schließlich ist Nacktheit nicht gleich Nacktheit. Wir leben im Gegensatz zu den Naturvölkern in einer sexualisierten Gesellschaft. Das heißt, Nacktheit ist bei uns nur selten ein Ausdruck von Natürlichkeit, sondern wird meistens in sexuellem Kontext wahrgenommen (und oft wird genau damit kokettiert.) Dazu kommt: Viele der Promi-Bilder haben unverhohlenen lasziven Charakter – sonst würden sie sich vermutlich auch nicht so gut verkaufen.


Dass Kritik an ihnen laut wird, ist selten. Wer heutzutage gegen solche Fotos in den Medien seine Stimme erhebt, riskiert damit, als verklemmt und spießig zu gelten. Als Spaßverderber. Weshalb viele den Mund halten. Welche Signale die sexualisierten Posen der Promis in der Öffentlichkeit aussenden, wird heruntergespielt. Der Lackmustest dagegen ist die Frage: Würden Sie es gutheißen, Ihre eigene Tochter so abgelichtet in den Auslagen der Kioske zu sehen? Als eine Frau, die „zu allem bereit“ scheint, auf ihre sexuellen Reize und Äußerlichkeiten reduziert?


Man muss nicht in Illustrierten posieren, um zu demonstrieren, dass man ein natürliches Verhältnis zu (s)einem Körper und zu seiner Lust hat. Diese Bilderstrecken manifestieren vor allem eines: Nackte Körper sind für uns mehr denn je nur dann schön, wenn sie durchtrainiert und schlank und faltenfrei sind. „Normale Körper“ dagegen mag, wenn sie unbekleidet sind, keiner öffentlich dargestellt sehen. Warum? Weil wir verlernt haben, deren ganz eigenen Reize wahrzunehmen bzw. zu erkennen – so wie z. B. auch ein Geliebter die Hüftröllchen und Falten der Geliebten schön findet.


Die sexuellen Freiheiten, die wir heute leben können, sollten wir nicht an anderer Stelle begraben, indem wir unaufhaltsam und schleichend in uns einen Druck erzeugen, im Bett etwas bestimmtes „performen“ zu müssen, und das noch möglichst ästhetisch. Vaginalschönheits- chirurgie und sexueller Leistungsdruck bei Teenagern sind erste alarmierende Zeichen, wohin wir marschieren.


Soll heißen: Ein natürlicher Umgang mit Nacktheit wird durch das Sportlerinnenvorbild nicht gerade gefördert. Auch wenn diese so vehement das Gegenteil vertreten. Oder wie es die Psychotherapeutin Claudia Haarmann formuliert: „Ich glaube, dass die Kluft zwischen dem, was die sexualisierte Gesellschaft an perfekten Bildern bietet, und dem, was im Inneren erlebt wird, immer größer wird“