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Hedwig Bollhagen - die Kunst des Einfachen

"Kunst? Ach ja, manche nennen es so. Ich mache Tassen, Teller und Kannen."

 

So charakterisierte Hedwig Bollhagen (1907-2001) ihr Werk. Immer auf der Suche nach der optimalen Verbindung von Funktionalität und Ästhetik entwarf sie fast 75 Jahre lang Alltagsgeschirr nach den Ideen des Werkbundes und des Bauhauses, das für jeden bezahlbar und nutzbar ist. Dass Keramik aber auch “politisch-ideologisch wirken konnte“, belegt eine Notiz aus dem „Neuen Deutschland“ von 1962.


Hedwig Bollhagen zeigte auf der V. Kunstausstellung der DDR ein schwarzes Mokkaservice, das zusammen mit den Arbeiten anderer Künstler als „funktionalistisch, formalistisch, kosmopolitisch“ verfemt wurde. Die ostdeutsche Schauspielerin Gisela May schrieb daraufhin in einem Leserbrief: „Mit ideologischem Vorschlaghammer wurden harmlose, klar geformte weiße Vasen zertrümmert, Liebhaber für graue Stoffe wissen nun, wenn sie es noch nicht wussten, dass sie nicht positiv und optimistisch in den Sozialismus schauen - und wer gar den Wunsch hätte, aus einem schwarzen Mokkaservice Kaffee zu trinken, der muss nun endlich wissen, dass er eine schwarze Seele hat“. Von der Staatsmacht kritisiert, fand das schwarze Mokkaservice Bollhagens danach wohl gerade deswegen reißenden Absatz.

 

Zum 100. Geburtstag der“ bedeutendsten Keramikerin des 20. Jahrhunderts“
eröffnete Kulturstaatsminister Bernd Neumann am 21.06.2007 in Potsdam eine große Retrospektive. Schirmherrin der Ausstellung ist Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es ist die erste bedeutende Werkschau der Keramikerin Hedwig Bollhagen, die wie keine zweite die geschichtlichen Entwicklungen im Deutschland des 20. Jahrhunderts in ihrer kleinen Werkstatt am Rand von Berlin zu spüren bekam.

 

Geboren 1907 und aufgewachsen in einer aufgeklärten, reformierten Familie in Hannover, begann sie 1924  ihr Handwerk von der Pike auf zu lernen. Als Praktikantin in verschiedenen Töpfereien, Studentin an Kunstakademien, Absolventin der Keramischen Fachschule Höhr und nach ihrer Ausbildung als Keramikmalerin zog sie durch Deutschland auf der Suche nach Eigenständigkeit im Künstlerischen und Privaten.

1934 übernahm sie mit dem Volkswirt Heinrich Schild die von den Nazis arisierten „Häel-Werkstätten für Keramische Kunst“ in Marwitz und gründete die „HB-Werkstätten für Keramik GmbH“. Dadurch konnten viele Mitarbeiter übernommen werden, und auch aus den insolventen Veltener Steingutfabriken kamen Künstler nach Marwitz.

 

Die ehemaligen jüdischen Eigentümer, die Familie Grete Loevenstein, wurden 1961 als NS-Opfer anerkannt und entschädigt. 1946 übersiedelte Heinrich Schild nach Westdeutschland und Hedwig Bollhagen übernahm die alleinige Leitung der Werkstatt. 1972 wurden die Werkstätten verstaatlicht und dem Staatlichen Kunsthandel der DDR untergeordnet. Von 1990 an gab es Reprivatisierungsbemühungen und 1993 konnte Hedwig Bollhagen mit Wolfgang Scholz als Teilhaber und Geschäftsführer die „HB-Werkstätten für Keramik GmbH„ neu gründen. Bis zu ihrem Tode 2001 war sie die künstlerische Leiterin.

 

Die Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam würdigt nicht nur das künstlerische Schaffen von der 1937 bei der Weltausstellung in Paris mit der Goldmedaille prämierten Vase, den Baukeramiken bis hin zu den  Klassikern der Geschirrkollektionen, sondern zeigt auch an Hand von Briefen und Dokumenten viel von dem Menschen Hedwig Bollhagen. Mit ihrer Fähigkeit unter widrigen Umständen immer ein Maximum an Qualität zu bewahren und sich selbst nie zu verleugnen, war Hedwig Bollhagen ein Vorbild für viele Künstler und sie wirkte in gleicher Weise auf viele ihrer Kunden, die sie persönlich kannten und verehrten.

 

 

 

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