Männerecke

Heimaturlaub

Von: Claudius Holzwarth, Foto: photocase.com

vom 05.01.07

Schwäbische Nachbarn sind was Tolles! Erzählt man dem einen aus Haus Nummer 13, dass man einen Besuch aus Berlin macht, dass man nicht studiert und immer noch keine anständige Arbeit hat, fragt der aus Haus Nummer 9 zwei Tage später, was man denn in dem Callcenter so machen muss...
Das ist fast wie beim Donnerstagfreundeskreisessen.

 

Neben meiner Mutter, ins Haus Nummer 12, ziehen jetzt "Assis" ein, das sagen jedenfalls alle anderen Nachbarn. Auch meine Mutter. Die Türken unten in dem Haus Nummer 18 seien ja viel ruhiger und sauberer als erwartet. In Berlin soll das ja nicht so sein, sagt Familie Kormoran. Die sind Ärzte, haben fünf Kinder, und bekommen jedes Jahr einen neuen roten BMW. Ob ich schon mal in Neukölln war, werde ich gefragt, und der Name des Stadtteils wird dabei ausgesprochen, als ob dort Ausnahmezustand herrscht und zu erwarten ist, dass in Kürze die Amis einmarschieren müssen.

Für alle Großstädter hier mal ein kleiner Bericht aus einer (meiner) kleinen schwäbischen Heimatstadt in folgender Reihenfolge (auch für Hip-Hopper verständlich):
Mein Haus, Mein Block, Meine Stadt.

Mein Haus:
In meinem Haus wohnen meine Mutter, eine andere Frau, die mal mit einem Türken verheiratet war (was eigentlich total unspannend ist, aber überall immer hinter vorgehaltener Hand erzählt wird), mein Onkel und ich. Jeweils manchmal. Mein Onkel und ich leben großteils in Berlin (er ist damals vor der Bundeswehr geflohen, ich vor anderen Dingen).
Meine Mutter kann erzählen, was in Sichtweite so alles passiert. Zum Beispiel von dem Künstler mit schwarzem Porsche, der nur schwarze Boxershorts trägt und vorzugsweise betrunken und nachts seinen Sportwagen testet, indem er sich in den Wagen setzt und einfach das Gas durchdrückt.

Mein Block:
Bis vor kurzem haben hier nur gutbürgerliche ältere ordentliche deutsche Schwaben gewohnt. Da aber auch ältere ordentliche deutsche Schwaben mal sterben, werden die Bewohner nach und nach ausgetauscht. Die Häuser werden von den Kindern bzw. Familienangehörigen verkauft und es ziehen andere ein. Keine ordentlichen alten Schwaben mehr, sondern, wie im Haus nebenan, Asis mit Tattoos auf dem Arm und vielen lauten Kindern. Oder wie in dem anderen Haus eine ganze türkische Großfamilie. Klassisch mit VW-Bus und Kopftuch.

Meine Stadt:
A S P E R G, ca. 13000 Einwohner.
Die Bahnhofstraße ist die Hauptverkehrsdurchgangstraße. 30-Zone. Mittags um 12, wenn alle Geschäfte geschlossen haben und Mittagsruhe ist (das ist hier wirklich so), kann man mitten auf dieser Hauptstraße einen Mittagschlaf halten, ohne sich in Gefahr zu bringen. Laufe ich diese Straße etwas später am Tag entlang, von Anfang bis Ende, dann treffe ich auf ca. 1,5 Kilometern ca. 50 Menschen, von denen ich von mindestens 75 Prozent den Namen, oder den Beruf, oder die Familie, oder den Wohnort kenne. Oder ich war sogar mit ihnen auf der Schule.

Die Jungs, die mich damals geschlagen haben, grüßen mich heute nett und zeigen mir ihren Sohn im Kinderwagen. Da gibt’s auch noch die Bärbel. Sie stand damals auf mich. Und ich ja so irgendwie eigentlich auf sie, jedenfalls steht das so in meinem Tagebuch. Problem war, dass Stefan und ich immer über sie gelästert haben und so. Mensch, das ist äh 15 Jahre her... Heute spricht sie nicht mehr mit mir. Also sie spricht schon mit mir, das klingt dann aber so: Ja, das wären dann 15,80 Euro. Brauchen Sie vielleicht eine Tüte? Treffe ich sie auf der Straße, lässt sie mich voll auflaufen, ich bleib stehen, weil sie auf mich zu kommt, und sie geht einfach wort- und grußlos an mir vorbei, obwohl ich mit ausgestreckter Hand da stehe.

Toll ist überhaupt, dass ca. 80 Prozent der Mädchen, mit denen ich damals auf der Schule war, mir heute etwas verkaufen. So erfahre ich von Ayla beim Bäcker, wie es Yvonne im MediaMarkt geht, und von der weiß ich, dass ich doch zu Tina in den Saturn soll, da ist das billiger, und Eysche erzählt mir, dass Nihal die jetzt bei H und M arbeitet, mit Achmed verheiratet ist, der aber auch mal mit Zehra zusammen war, die verkauft auch, allerdings verheiratet in der Türkei und mit Kindern, mehreren wohl...

Die Jungs, mit denen ich auf der Schule war, haben alle ihren Traumjob gefunden. Toni übernahm die Pizzeria Italia Italia seiner Eltern. Tom kann mein Auto reparieren, und Steffen erklärt mir in meiner Hausbank, dass ich mittlerweile kreditunwürdig geworden bin. (Wahrscheinlich weiß das auch schonToni in der Pizzeria, er hat mich gleich gefragt, ob ich mir denn die Frutti Di Mare Pizza auch wirklich leisten kann, aber vielleicht war das ja auch nur ein Witz...)

Sonst kenne ich nicht wirklich jemanden mehr. Ich mache zwar immer nochmal einen Abstecher in meine ehemalige Lieblingsstammdiscothek, und die sieht immer noch gleich aus, aber das Durchschnittsalter ist auch immer noch das gleiche wie vor 10 Jahren. Was schade ist, ich frage mich, wo diejenigen sind, die mit mir damals die Nächte durchgemacht haben.
Und immer wenn ich mich das frage, merke ich, wie alt ich geworden bin, dass die Zeit wahnsinnig schnell verflogen ist, und mir fällt ein, dass Leute in meinem Alter oft schon zum ersten Mal geschieden sind und sich um das Sorgerecht der Kinder streiten.

Und wenn ich mir dann anfange, diese Sorgen zu machen, ist es immer Zeit für ein letztes Bier, bei dem ich darüber sinniere, ob ich nicht endlich bald was tun sollte, um auch in die Rentenkasse einzahlen zu können, und etwas, mit dem ich auf Familienfeiern angeben kann. Wobei Familienfeiern wieder eine Sache für sich sind. Es sind meistens Beerdigungen, die mich bewegen, Berlin zu verlassen und meine schwäbische Heimat zu besuchen. Na ja gut, zwischendurch treibt mich der Hunger nach Mamas Küche oder die Pflicht, mich wenigstens an Weihnachten mal zu Hause blicken zu lassen...

Wenn ich dann das Bier ausgetrunken und in meinem alten Kinderbett ausgeschlafen habe, ist dann auch wieder Zeit, mich von Mama zu verabschieden und mir selbst zu sagen, so schnell kommst du nicht wieder. Aber schön wars trotzdem, irgendwie.