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„Helden scheißen nicht“

Die perfekte Mischung aus Tarantinos Trash und Eminems Wut: DBC Pierres Roman „Jesus in Texas“

Von: Cosima M. Grohmann, Foto: aufbau-verlag.de

vom 10.01.07

Der fünfzehnjährige Texaner Vernon Gregory Little hat ein Problem: er kann seinen Stuhlgang nicht regulieren. Dieses Leiden ist die Triebfeder des ganzen Romans von DBC Pierre, einem Autor, der mit „Vernon God Little“, wie der Roman im englischsprachigen Original heißt, 2003 den Booker-Preis gewann.
 

Ausgehend von einem Schulmassaker, verübt von Vernons texanischem Freund Jesus, der sich anschließend selbst umbringt, wird aus der Perspektive eben jenes pubertierenden, wütend-trashigen Trailerpark-Jungen Vernon eine schnoddrige Satire erzählt, die sich sowohl gegen die Lynchjustiz der amerikanischen Kleinstädter und ihre pervertierten Konsumbedürfnisse richtet als auch gegen die Diskriminierung von südamerikanischen Einwanderern.

 

Nach dem Massaker will die Stadt einen Schuldigen, die zuständige Deputy eine Beförderung und außerdem sind die Medien angereist, um alles in bester „Natural Born Killers“ - Manier zu dokumentieren. „Sie haben sich meinen Schwanz gegriffen und mich ans größte verfügbare Kreuz genagelt. Wie können sie nur glauben, dass ich das war? Doch ich kenne die Antwort: Ausgeschert aus der Meute bin ich, hab’s gewagt, mit dem Underdog rumzuziehen, und jetzt bin ich selber der Underdog.“

 

So erklärt es sich Vernon, der auf der Flucht vor der Polizei vom Underdog zum flüchtigen Outcast wird und schließlich in der Todeszelle landet, um von da aus endlich zurückzuschlagen: „Me ves y sufres“-„Mich ansehen und leiden“ tätowiert er sich auf den Oberkörper und die Medien übertragen live seine Hinrichtung, die – im Gegensatz zur Kreuzigung Jesus Christus – eine überraschende Wendung nimmt. Denn als „Vernon Gott Little“ hat der sympathisch-trottelige Junge auf seinem langen Weg zu sich selbst gelernt, den Menschen das zu geben, was sie haben wollen: Die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, ihre individuelle „Buttercreme“, die für Vernons Mutter der neue crémefarbene Kühlschrank, für ihre Hamburger fressende Nachbarin eine eigene TV-Show und für die Polizei von Texas der medienträchtige Ausgang der Tragikkomödie ist. Und so bekommt am Ende jeder das, was er verdient. Diese neutestamentarische Metaphorik, die im deutschsprachigen Titel etwas verwirrend wirkt, da sie sich sowohl auf den Protagonisten Vernon als auch auf dessen toten Freund mit Namen Jesus münzen lässt, zieht sich durch den Roman wie ein blutroter Faden ohne allzu schwerverdauliche mythische Schlüsse zu erzwingen. Vielmehr ist der Vergleich mit Jesus Christus eine von vielen möglichen Lesarten, den Roman neben Mediensatire und Amerikakritik als Entwicklungsgeschichte zu lesen, eine Geschichte über die „Kondischen-Üh-Mähn“, vor der Vernon warnt: „ist `fiese Sache, passt bloß auf“.

 

Es ist aber auch die ungewöhnliche Coming-of-Age Story eines nach Antworten suchenden Jungen, der die Erwachsenen gleichzeitig hasst und liebt, der für seinen diskriminierten Texaner-Freund Jesus einsteht und am Ende Verantwortung für sich selbst übernimmt. Und selbst wenn er am Anfang seiner Odyssee, die mit einem plötzlichen Bedürfnis nach einer Toilette beginnt, verzweifelt feststellt: „Van Damme würde so was nie passieren. Helden scheißen nicht, niemals. Sie ficken und töten, das war`s“, wird trotzdem ziemlich schnell klar: Vernon Gregory Little ist doppelt so cool wie Van Damme und ein ziemlich heldenhafter Motherfucker.