Starke Frauen

Hendrika

„Starke Frauen heißt Eure Rubrik?“ Hendrika lacht. „Was sollen das für Frauen sein - Möbelpackerinnen?“ Wir telefonieren, denn Sie wohnt jetzt in Den Haag.

Von: Pauline Gstanzl, Fotos: Hendrika Simonis

vom 12.01.07

 

Ganz jung war sie und es war noch Krieg, als sie von Holland aus mit einem Begabtenstipendium nach Berlin ging, um Kunst zu studieren. Aber die „Mappe“ mit Talentbeweisen, die sie vorlegen musste, erwies sich als Hürde. Hendrika* hatte darin auch die Zeichnung einer schwarzen Frau. Mit einer schwungvollen Linie hatte sie den attraktiven Körper geschildert. Das Blatt wurde als „entartet“ eingestuft  – es war ja eine schwarze Frau dargestellt! Überhaupt – die ganze Mappe war den Kunstprofessoren suspekt. Irgendwie hatte sie nicht die richtige politische Einstellung. Ein Schriften-Spezialist und ein Dozent für Werbegraphik erlaubten ihr immerhin, sich einschreiben zu lassen. Damit hatte sie auch Zugang zur Universität und studierte dort Kunstgeschichte und ein bisschen Architektur. „Was mich interessierte eben.“

 

Als nach dem Krieg zögernd wieder normales Leben begann, war die wunderschöne junge Frau, die Hendrika nun war, schon vielen aufgefallen. Die bekannte Bildhauerin René Sintenis hatte von ihr eine Büste gemacht. Vor allem aber wurde Heinz Oestergaard auf sie aufmerksam, der nach dem Krieg in Deutschland wieder international anerkannte Haute Couture entwickelte. „Hendrikje“  wurde auf dem Laufsteg eine hinreißende Interpretin seiner damenhaften Mode. Der Spiegel schrieb 1949 über Hendrikje: ‚Das Zentimetermaß stoppte an ihrer Taille bei 59 cm vor dem Mittagessen und bei 61 cm danach.‘ Gerd Hartung, der begabte Modezeichner, hat wunderschöne Zeichnungen von ihr gemacht. Sie sind im Berliner Stadtmuseum aufgehoben.

 

Dann kam der Film. Sie hatte sogar eine Hauptrolle an der Seite eines damals angehimmelten Stars, Rudolph Prack. Herrlich das Bild von einem Filmkuss zwischen den beiden! Aber heute muss sie lachen über soviel Schmelz und Schmalz. 

 

Die Filmphase ging vorüber, als Hendrika begriff, dass Filmen vor allem warten bedeutet – es langweilte sie. Als sie sich auch noch den leichten holländischen Akzent abtrainieren lassen sollte, ließ sie die Filmwelt sausen.

 

Sie arbeitete als Graphikerin in Berlin und später in Hamburg,  entwarf auch selbst Modekollektionen, lebte in wilden, schönen Ateliers inmitten eines Chaos’ von Farben und Pinseln und Stiften, mal allein, mal mit einem Freund, Katzen waren immer dabei. Wenn sie zeichnete, wusste sie immer vollkommen sicher, wo  aus einem verwinkelten Körper eine Hand, ein Knie, eine Pfote hervor zuschauen hatte. Ihre gezeichneten Körper lebten!

 

Niemand bemerkte, dass  Hendrika älter wurde. Sie war schön, geistreich und eine wunderbare Freundin. Diese Eigenschaften wurden wahrgenommen – das Alter nie. Dann wurde die Mutter in Holland so krank, dass Hendrika kurzerhand alle Verbindungen in  Deutschland aufgab und vier Jahre lang ihre Mutter bis zu deren Tod betreute. Als diese Phase vorüber war, bemerkte sie verblüfft, dass sie versäumt hatte, für ihr eigenes Alter zu sorgen und auch keine Verdienstmöglichkeiten mehr nachwuchsen.

 

Eine kleine Sozialrente hält sie über Wasser, Freunde hat sie – selbstverständlich – immer noch und zwei Katzen fühlen sich auch wohl bei ihr. Am Telefon lacht sie – auch etwas, was sie sehr gut kann. Und Kunst, Kultur und Politik gehen nie unbeachtet an ihr vorbei. Sie lebt! 

„Du  b i s t eine starke Frau, Hendrika!“

Aber sie lacht: „Ach was - als Möbelpacker bin ich eine Niete!“

 

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*Hendrika Simonis