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Herr Vogelsang hat einen Rennwagen

Breitbeinig sitzt Herr Vogelsang vor mir auf einem schwarzen Ledersofa. Er hämmert beim Reden mit den Händen auf die Lehnen. Ich muss mich sehr konzentrieren, in Herr Vogelsangs Gesicht zu gucken, denn die Erschütterung lässt die Jeans von Herrn Vogelsang bei jedem Armlehnenschlag noch ein wenig strammer werden und ich mache mir aus medizinischer Sicht ein wenig Sorgen um Herrn Vogelsangs Geschlechtsteil.

Von: Cosima M. Grohmann, Fotos: photocase.com

vom 28.02.07

 

Herr Vogelsang berichtet mir gerade von der neuen Taktik, die sein Verlag sich ausgedacht hat, und deswegen muss ich jetzt aufpassen und kann mich nicht länger mit der donnernden Armlehne und seinen eventuellen Auswirkungen beschäftigen. Ich muss hinhören, wenn Herr Vogelsang mir jetzt von der neuen Taktik erzählt: Es ginge nämlich nicht mehr darum, die Abonnenten der betreffenden Zeitung „mit der Keule auf der Straße niederzuknüppeln, damit sie sich auf ein Probe-Abonnement einlassen, ha“, nein, es ginge darum, die so genannte Kalt-Akquise jetzt am Telefon durchzuführen, also den Abonnenten mittels einer vermeintlichen Leserumfrage zu einem Abo zu überreden! Ob das ein Problem für mich wäre? Bei dem Wort „Problem“ klatscht Herr Vogelsang in die Hände und grinst. Ich lächle lässig zurück, das wäre natürlich überhaupt kein Problem und das über dehne ich dabei gerade so lange, dass Herr Vogelsang nicht mitbekommt, wie groß das Problem zu diesem Zeitpunkt schon geworden ist.

 

„Gut, dann fangen wir diesmal nicht erst mit dem Polo, sondern gleich mit dem Rennwagen an“, sagt der abgeklemmte Call-Center-Agent Assistent Manager vor mir und grinst dabei schon seit ein paar Sekunden effekthaschenderweise, denn er will, dass ich treudoof nachfrage: „Hä, wasn für 'n Rennwagen?“

 

Endlich kann das angestaute Wissen herausplatzen und sich in einem zehnminütigen Vortrag über die neue, von ihm konzipierte Maske auf den PCs für die Verwaltung der Abonnentendaten über mich ergießen. Dabei blendet sich die Stimme des Möchtegern-Schumis langsam aus. Übrig bleibt eine grinsende, mit den Armen wedelnde Gestalt, während mir – in eine plötzliche Hysterie verfallend – klar wird, dass ich hier niemals als Call Center-Agent arbeiten werde. Die gespielt entrüstete Stimme eines Freundes klingt mir in den Ohren: „Call Center? Lieber geh’ ich auf den Strich!“ Ich hatte emphatisch mit einem Vortrag über die Angestrengtheit der angehenden Geisteswissenschaftler geantwortet, die sich ständig mit Jobs brüsten, in denen sie „schon jetzt was machen, was dann irgendwie auch mit dem späteren Beruf zu tun hat und deshalb zwar unheimlich stressig ist aber auch total Spaß macht, und sie sich dafür aber nicht für irgendeinen kapitalistischen Job ausnutzen lassen“, bewunderndes Nicken ist meist die Reaktion, wobei sich natürlich alle an die ungeschriebene Regel halten: Frage niemals, was dieser Beruf genau sein wird.

 

Herr Vogelsang hat sich in der Zwischenzeit so richtig in Fahrt geredet und greift nun ganz tief in die Kiste der angesammelten Erfahrungen: „Und wenn nun ein Kandidat nicht gleich anbeißen will - (großzügiges Abwinken mit beiden Armen) nicht gleich rehabilitieren!“ Eisiges Schweigen. Wir starren uns an. Nein, Herr Vogelsang ist keiner von der Sorte, die nicht merken, dass sie ein Fremdwort falsch benutzt haben. Herr Vogelsang hat schließlich die neue Rennwagen-PC-Maske entworfen und weiß worauf es im Call Center-Gewerbe ankommt. Deswegen taumelt er auch nur kurz auf dem schmalen Grad der Konversation für Fortgeschrittenen und bringt die Empfangsdame Cindy ins Spiel: Sie soll ihm sagen, wie dieses „Dingsda“, na, wie das denn nun gleich hieße mit der Reha- oder Resignation. Starre Arbeitshierachien werden hier nebenbei durchlässig gemacht, denn Cindy sitzt mit im Raum und bügelt nichts ahnend die aus dem Ruder gekommene Präsentation des mittleren Managements aus: „Hab’ grad nicht zugehört‚ `tschuldigung Scheff“. Ich helfe Herrn Vogelsang aus der kurzzeitigen Unkenntnis auf dem Einsatzgebiet der Fremdwörter und bringe gleich meine so eben ausgeklügelte Ausrede zum Besten: „Einarbeiten? Sowas ärgerliches, ich dachte heute wäre erstmal das Gespräch, nun habe ich anschließend einen furchtbar wichtigen Termin…“.

 

Dank diesem kleinen Manöver hat Herr Vogelsang seine ursprüngliche Überlegenheit zurück gewonnen und kann mir wegen meines Fluchtversuchs gar nicht böse sein. Er klappt seine Beine zusammen und erlaubt sich sogar eine kleine Wortspielerei, die er mir diesmal mit voller Souveränität präsentiert: „Dann steigen wir eben am Dienstag in den Rennwagen, ha!“ sagt er, als wir bereits an der Tür stehen und ich hauche ein unterwürfiges „Ja, danke“ in seine Richtung.

 

Draußen verfalle ich in eine Stimmung, die am ehesten mit "Mathestunde-schwänzen-und-CDs-anhören- gehen" zu vergleichen ist. Ein trügerisches, weil kurzzeitiges Hochgefühl der inneren Freiheit, denn ich brauche ja Geld. Ich werde nun gleich all die Lounges, Coffeeshops und Cocktailbars im Kiez abklappern. Morgens die Kunst und abends die Arbeit, dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin! Ich wollte mich wohl auflehnen, gegen ein ungeschriebenes Gesetz, welches irgendetwas mit moralischen Grundsätzen und emotionaler Belastbarkeit zu tun hat.

 

Aber warum gibt es liebe, kluge Menschen in meinem Umfeld, die damit keine Probleme haben und nicht mit den oben genannten Schlagwörtern in Konflikt geraten? Die Antwort ist so erschütternd, dass ich mir erst einmal einen Latte Macchiato mit Karamelgeschmack gönnen muss. Mir fallen Assoziationen von armen Frauen ein, die einen saufenden Ehemann und drei schreiende Kinder versorgen müssen. Das schlechte Gewissen packt mich, jaja, wenn ich’s nur so richtig nötig hätte… Die einzig wirkliche Antwort ist erschreckend banal: Ich fühle mich einfach nicht wohl bei dem Gedanken, mich zu Cindy und dem armschwingenden Manager auf die schwarze Ledercouch zu setzen und Abonnentenzahlen abzufeiern.

 

Also beschließe ich, erneut in den Sumpf des Kapitalismus zu springen und mich ein wenig selbst zu belügen: Kellnern als Kompromiss zwischen der Förderung von halblegalen Vertragsbindungen und stressiger Selbstverwirklichungsausbeute. Den Macchiato leerschlürfend bin ich bereit für die nächste Lektion: Das Cocktailmixen! Die Königsdisziplin im Gastronomiebereich. Aber ich bin zuversichtlich. Irgendwo in dieser Stadt gibt es bestimmt einen netten Menschen, der mir den „Rennwagen“ für das Kellnerdasein liebend gerne zeigen möchte.