Women only

Hilfe, ich bin nicht bereit für das Kind meiner Freundin!

Wenn die beste Freundin Mutter wird, kommt so manche junge Frau in eine Konfliktsituation.

Von: Tina Groll

vom 10.06.08

Bis vor einem Jahr war zwischen Anne und Lena noch alles wie gehabt. Die beiden 26-Jährigen aus Bremen lebten ein ganz gewöhnliches Studentinnen-Leben. Nur mit dem Unterschied, dass Anne ständig wechselnde Affären hatte und Lena seit drei Jahren einen festen Freund, mit dem sie zusammenlebte. Heute sind die besten Freundinnen immer noch sehr gut befreundet – aber „wir scheinen auf unterschiedlichen Planeten zu leben“, sagt Anne. „Ich sauf mir die Hucke voll, und Lena stillt ihre Tochter.“ Und das führt immer wieder zu Streit und Eifersucht. Auf beiden Seiten.

„Ja, wir sind eifersüchtig aufeinander“, erklärt Lena und schaut ihre Freundin dabei offen an. Manchmal, wenn ihr das mit dem Baby und der Verantwortung, mit der Kleinfamilie und dem Freund und all den „verdammten, vielen Erwartungen“ zu viel wird, dann wäre sie gerne Anne „unabhängig und frei“, sagt Lena. Und Anne fügt hinzu: „Und manchmal ganz schön allein und überfordert mit sich selbst. Ich glaube manchmal, ich kann nicht mal richtig für mich selbst sorgen – und Lena, die kann schon eine ganze Familie versorgen“, sagt Anne. Die Freundinnen schauen sich an.

Im vergangenen Jahr ist viel passiert: Anne ist scheinfrei geworden und schreibt an ihrer Diplomarbeit – und Lena hat ein Baby bekommen. „Seither ist nichts mehr so, wie es mal war. Ich bin wohl einfach nicht bereit dafür, die Mutterschaft von Lena zu teilen“, erklärt Anne. Leichtfertig bringt sie den Satz von den Lippen. Es klingt lapidar und banal und auch ein bisschen so, als habe sie es nur halb ernst gemeint. Dann lacht sie verlegen. Ein Kind verändert das Leben – nicht nur das der Mutter und des Vaters, nicht nur das des Paares, sondern auch das Leben der Freunde, meint Anne.

Natürlich hat der Schritt vom Studenten-Pärchen zur Kleinfamilie Auswirkungen auf das soziale Leben, und umso mehr, wenn die meisten Freunde noch ungebunden sind und ihre Jugend genießen. Die Probleme sind alltäglich und trotzdem für die meisten jungen Eltern schwierig. Beratungsstellen, wie ProFamilia, kennen die Problematik gut: „Die Beziehung zueinander und der Alltag verändern sich durch ein Baby grundlegend: Das Kind steht im Vordergrund. Man isst, spricht und schläft weniger miteinander. Dafür streitet man mehr. Der Kontakt zu Freunden reduziert sich, das Geld wird vielleicht knapper“, informiert die Einrichtung auf ihrer Webseite. „Der sexuelle Kontakt wird weniger – zumindest in der ersten Zeit. Das Kind stört beim Sex. Man kann nicht mehr uneingeschränkt in den Urlaub fahren oder ausgehen. Man geht davon aus, dass 70 Prozent der Paare, die eine Trennungsberatung in Anspruch nehmen, wegen eines Babys auseinandergehen.“

Für Anne alles Gründe, die Sache mit der Familienplanung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. „Für ein Baby bin ich nicht bereit. Ich war eigentlich nicht mal bereit dazu, dass meine beste Freundin eine Familie gründet“, sagt sie, ziemlich ehrlich. Die Studentin mit den braunen, fransig-geschnittenen Haaren rührt hektisch ihren Kaffee um. Eigentlich würde sie jetzt gerne rauchen, hat sie vorher erklärt. Aber Rauchen, das geht jetzt nicht mehr. Lena hat mit dem Rauchen aufgehört, und in ihrer Küche findet das Gespräch statt. Die junge Mutter sitzt schweigend daneben, wischt Brotkrümel vom nackten, unbehandelten Holztisch. Die junge Frau mit den blonden Locken sieht müde aus. Töchterchen Emma ist nun drei Monate alt – und schläft gerade.

„Dass meine beste Freundin so was sagt, finde ich echt – eigentlich finde ich es Scheiße“, sagt Lena dann, langsam und bedächtig. „Sie sollte sich für mich freuen“, fügt sie dann noch bestimmt hinzu. Aber wirklich glücklich sieht die junge Mutter auch nicht aus. „Ich bin müde, aber natürlich bin ich glücklich. Emma hat mein ganzes Leben total verändert. Es ist ein neues, ein ganz anderes Leben“, erzählt die Studentin. Emma war ein Wunschkind, ein geplantes Baby, mitten im Studium.

Lena studiert Soziologie im 8. Semester. Derzeit hat sie ein Urlaubssemester, eine Babypause genommen. Warum ausgerechnet mitten im Studium? „Warum nicht?“, entgegnet sie. „Mein Freund arbeitet, er verdient gut. Wir haben uns einfach ein Kind gewünscht. Das ist doch ganz normal. Im Studium sind Baby und Job doch noch gut zu vereinbaren“, erklärt Lena und Anne schaut sie an. So oft haben die beiden Freundinnen über dieses Thema gesprochen.

Lena schüttet nun Kaffee aus dem Espressokocher nach, füllt ihrer Freundin Milch in den Becher, stellt ihr den Zucker hin. Das gemeinsame Frühstück ist seltener geworden, wird nun häufiger unterbrochen vom Säugling, der nach der Mutter schreit. Heute bleibt alles ruhig. Emma habe die halbe Nacht geschrien und die jungen Eltern wach gehalten, erklärt Lena.

Anne war auch die halbe Nacht war – auf einer Studentenparty. Mit anderen Freundinnen. Die letzte Party mit Lena liegt lange zurück. „Mit Babybauch in der Disco. Das war aber sehr lustig, auch wenn wir nur alkoholfreie Cocktails getrunken haben. Ich hab aus Solidarität ebenfalls jungfräulich mitgeschlürft“, erzählt Anne und grinst.

Das Baby hat zwischen den Freundinnen alles verändert. Fremder sind sie sich geworden. Sie sehen sich weniger und kürzer, ihre Erfahrungen sind unterschiedlich. Wo es für Anne um Prüfungen geht, steht Lena vor ganz anderen Sorgen. Ein Baby verändert die Perspektiven. Für Anne ist die Entscheidung der besten Freundin für ein Baby mitten im Studium einfach nicht nachvollziehbar. „Ich habe mich total gestresst und gepanikt gefühlt, als Lena mir erzählt hat, dass sie sich ein Kind wünscht – jetzt“, erinnert sich die Studentin. So, als wenn sie selbst unter Druck gesetzt würde. Die beiden Frauen kennen sich immerhin seit der Mittelstufe auf dem Gymnasium. „Wir haben immer alles zusammen gemacht,und auf einmal gründet Lena eine Familie, da komme ich nicht hinterher“, sagt Anne.

Und Lena sagt, dass sie nicht begreifen kann, warum ihre beste Freundin sie nicht mehr unterstützt. „Bei mir war halt der Wunsch nach einer Familie jetzt schon da. Natürlich ist das viel Verantwortung…“, räumt sie ein. Zugeben, dass es manchmal zu viel Verantwortung ist, könne sie vor Anne kaum, fügt sie noch hinzu. „Ich will ihr nicht recht geben. Es ist nicht zu früh. Es ist der richtige Zeitpunkt gewesen, für mich, für meinen Freund, für Emma.“ Lena spricht klar und deutlich. Sie möchte verstanden werden. Sie möchte, dass ihre beste Freundin ihr neues Leben akzeptiert, es gut heißt – und mitträgt.

„Ich frage mich vor allem, wenn Lena jetzt Mutter ist – was ist dann mit mir? Bin ich zu kindlich? Ich könnte das jetzt noch gar nicht. Und irgendwie ... ich hätte mir gewünscht, dass unsere Kinder gleich alt sein würden“, sagt Anne. Für sie sei eine Familie erst in zehn Jahren denkbar. „Vielleicht auch in sieben oder acht Jahren. Aber erstmal möchte ich das Studium fertig machen, einen Job finden, ein bisschen arbeiten“, erklärt sie. „Und den richtigen Mann finden“, hakt Lena ein und grinst. Jetzt grinst auch Anne. Männer – das ist das Thema, das die beiden jungen Frauen derzeit verbindet.

Jetzt meldet sich Emma aus dem Nebenzimmer. Lena eilt zum Bettchen, holt den Säugling. „Wir reflektieren uns im Gegenüber“, sagt Anne jetzt. Emma habe sie dazu gebracht, sich Gedanken über sich selbst zu machen, über ihr Leben, wohin es gehen soll, welches Lebenskonzept sie denn nun habe. „Das hat Emma auch mit mir gemacht“, sagt Lena und nickt zustimmend.

Und wie soll es aussehen, dieses Lebenskonzept? Anne wird in diesem Jahr das Studium abschließen und hat gerade eine Reihe Vorstellungsgespräche hinter sich gebracht. Und sie hat einen neuen Freund. „Was Festes“, erzählt Lena. Und Lena will ab Herbst wieder in die Vorlesungen. Den Krippenplatz in der Hochschul-Kita hat Emma schon. „Dann ziehen wir auch mal wieder los“, verspricht die junge Mutter, und Anne sagt: „Wenn ich dann rechtzeitig Feierabend habe.“

Das Leben verändert sich eben mit dem Älterwerden. Vielleicht ist die vermeintliche Krise in der Freunschaft ja doch keine Babyfrage – sondern einfach nur eine Frage des Alters.

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Fotonachweise:

1. Linda R. (via photocase.com)
2. Jacknuggeted (via photocase.com)
3. blindguard (via photocase.com)
4. sandtman (via photocase.com)