Lesen

Hinter den Spiegeln

Neun „Short Cuts“ – ein Roman: Auf Daniel Kehlmanns neues Buch hat man zwar etwas warten müssen, aber nun ist „Ruhm“ erschienen – und alles andere als enttäuschend.

Daniel Kehlmann: Er schrieb Romane und Erzählungen, ein „Buch über Bücher“ und veröffentlichte Poetikvorlesungen – keines dieser neun Bücher erregte größere Aufmerksamkeit. Dann kam „Die Vermessung der Welt“, und plötzlich war der knapp über 30jährige ein weltberühmter Mann, denn dieser Roman wurde zum Überraschungsbestseller, „einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur“ schreibt der Verlag, mit Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen. Und dann? Längeres Schweigen, Spekulationen, dass danach nichts Gutes mehr kommen könnte, oder Riesenerwartungen an das nächste Buch:

Es heißt „Ruhm“, ist, so die Unterzeile, „ein Roman in neun Geschichten“ und wie sein Sensationsbuch über den Naturforscher Humboldt und den Mathematiker Gauss eine Überraschung. Weil alles so perfekt ist. Der so unauffällig-selbstverständlich aufs Allernötigste geschliffene Stil, die Stille, in die Kehlmann auch in den hektischeren dieser Geschichten den Leser führt, die präzise Schilderung von Menschen und den (fast) alltäglich-vorhersehbaren und doch so verblüffenden Situationen, in die sie geraten.

Er wollte, so sagte Kehlmann dem „Spiegel“, eine „Art Gegenbuch“ zur „Vermessung der Welt“ schreiben, ein „gebrochenes und fragmentiertes Buch“. Falls er das wirklich wollte, ist es ihm nicht gelungen. In „Ruhm“ verschlingen sich die neun Geschichten miteinander zu einer einzigen Erzählung über die Abgründe hinter der Normalität, und alle haben eigentlich nur ein Thema: wie leicht es ist, das eigene, doch so vertraute und für sicher gehaltene Ich zu verlieren. Weil die Rufnummer des neuen Handys schon einem anderen, berühmteren Menschen gehört; weil ein Schriftsteller einen in eine seiner Storys aufnimmt; weil der Arzt die Unheilbarkeit einer Krankheit verkündet; weil ein Reiseführer schlampt und einen mitten in der Steppe vergißt; weil die Lust auf eine Fremde (oder den Ausbruch aus der Normalität) stärker ist als alles Vertraute.

Kehlmanns „neun Geschichten“ lesen sich einfach. Der eine Schritt, mit dem seine „Heldinnen“ oder „Helden“ ins Abseits geraten, hinter die Spiegel, in denen sie sich vorher so selbstsicher bewundert oder zumindest erkannt haben, passiert ohne Dramatik. Zumindest ohne stilistische. Kehlmann beweist auch hier, dass er einer der großen Erzähler unserer Zeit ist, oft komisch, immer unprätentiös, tiefgründig, psychologisch perfekt, ohne groß darauf aufmerksam zu machen, und selbst seinen abschreckendsten Figuren gegenüber so liebevoll, dass auch der Leser ein beinahe freundliches Verständnis für sie entwickelt.

Den „Ruhm“, den Kehlmann als Titel seiner Geschichten wählte, strebt er nicht selbst an. Dafür sind die Storys, ist sein Stil zu uneitel. Ihn wollen aber zumindest einige seiner so kunstvoll konstruierten und mit so wenigen Worten lebendig werdenden Figuren. Und sie scheitern am Widerspruch zwischen ihrer Sucht nach Anerkennung und den lästigen Folgen, wenn sie befriedigt wird. Wie wir alle?

Die Frage wird sich jeder nach der Lektüre von „Ruhm“ stellen und – hoffentlich mit mehr Erfolg als die hier vorgestellten Menschen – nach einer Antwort suchen. Sicher aber ist: Daniel Kehlmann ist zum zweiten Mal ein grandioser Roman gelungen. Weit schmaler als die „Vermessung der Welt“, aber noch faszinierender. Nicht nur weil er im Heute statt in der Vergangenheit spielt, sondern weil er der uralten Suche nach der Unverwechselbarkeit, einer Einmaligkeit des eigenen Ichs ein neues Ziel gibt – eine beinahe taoistische Gelassenheit und mit ihr die Erkenntnis, dass wir uns mit dem Schicksal, dem Karma, dem Kismet und dem, was sie uns an Möglichkeiten in den Weg werfen, abfinden müssen, dass wir das Glück, das sie uns zuteilen, genießen sollen. Weil es klein ist und so kurzfristig wie ein Orgasmus.