Reizthema

Hungern, Lügen und Videos

Die neue Ära der Essstörungen: Im Internet erfreuen sich Anorexie-Portale und -Videos immer größerer Beliebtheit. Die Zahl der Erkrankungen und ihrer Vorformen steigt. Besonders bei sehr jungen Mädchen. Auslotung eines Problems.

Von: Denise Klink

vom 22.11.07


Auf den ersten Blick sehen Pro-Ana-Seiten aus wie Kleinmädchen-Träume: viel pink, viel Airbrush und Schnörkelschrift, New-Age Ästhetik aus den Achtzigern. Sie haben Adressen wie „Butterfly-Perfection“, „Rosa Fee“ oder „Ana-Prinzess“, die eine Herr-der-Ringe-Mystik verbreiten, aber auch Namen wie„Child of Loneliness“, „Broken winx“ oder ein profanes „dann bin ich eben weg“.

Ziel dieser Foren ist es, sich mit der Unterstützung Gleichgesinnter zum Untergewicht zu hungern. Fotoserien von ultradünnen Stars oder realen Mädchen, so genannte „Thinspirations“, kurz „Thinspos“, sollen dabei helfen. Online-Esstagebücher, die erschreckende Sätze enthalten wie „morgens ein Apfel, dann nichts mehr…“, sollen die Hungernden bei der Selbstkontrolle unterstützen. Gemeinsam ist man stärker, daher ist es sehr verbreitet, sich einen „Twin“ zu suchen. Jemanden von gleicher Statur, im gleichen Alter, jemanden mit demselben Ziel: der langsamen Auflösung des eigenen Körpers.

Die Betroffenen werden immer jünger

Magersucht ist mit einer Mortalitätsrate von über fünfzehn Prozent die tödlichste aller psychosomatischen Erkrankungen und gilt mit einer Therapieerfolgsrate von etwa fünfzig Prozent als schwer therapierbar. In internationalen Studien wurde festgestellt, dass nur 46% der Patientinnen als geheilt betrachtet werden, bei 33% zeigen sich Verbesserungen der Symptomatik, bei den verbleibenden 21% ist ein chronischer Verlauf oder ein Übergang in eine andere Essstörung zu verzeichnen.

In den letzten Jahren ist es zu einem Anstieg der Erkrankungen gekommen. Die Betroffenen werden immer jünger. Der Wunsch dünner zu sein, lässt sich bereits bei fünfzig Prozent der Mädchen in der Grundschule nachweisen. Eine Studie des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Jena fand bereits im Jahr 2002 heraus, dass jede dritte Schülerin in Deutschland an Frühformen von Essstörungen leide. 35 % der befragten Schülerinnen zeigten Vorformen der Erkrankungen, bei 14 % bestand ein sehr hohes Risiko, eine Essstörung zu entwickeln.

Diese Zahlen sind höher als bisher angenommen. Deutliche Anzeichen für ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper seien „chronisches Diäthalten, Fastentage, Erbrechen, Fressanfälle, exzessives Sporttreiben oder die Einnahme von Medikamenten zum Abnehmen " meint Prof. Dr. Bernhard Strauß, Kopf des Jenaer Forscherteams. Diese Vorformen der klinischen Essstörung, so genannte subklinische Störungen seien „ein sehr häufiges und ernstzunehmendes Phänomen bei jungen Menschen“.

Anorexie als Lifestyle

Wie bereits an den benutzten Ausdrücken zu erkennen ist, ist die Pro-Ana-Bewegung in den USA entstanden. Triggerlines, Twins, thinspos: die Magersucht bekommt wie jeder Jugendtrend eine eigene Sprache. Anorexie wird nicht mehr nur als eine Krankheit angesehen, sondern als ein Lebensstil. Die Essstörung als Selbstverwirklichung, als Zeichen der Souveränität und Autonomie so wie der Macht über den eigenen Körper. Die Symptome der Krankheit werden zum eigenen Identitätsmerkmal erklärt.

Inzwischen existieren bereits mehrere hundert dieser Seiten in Deutschland. In den Medien und unter Wissenschaftlern tobt der Streit um die Gefahr, die von diesen Seiten ausgeht. Die einen warnen davor, dass Essgestörte nicht nur weiter in die Krankheit hineingezogen würden, sondern auch Gesunde zu Essstörungen verführt werden könnten, und fordern die Sperrung der Seiten. Die anderen sehen in den Seiten ein Forum, das den Betroffenen Hilfe bietet, indem sie sich mit anderen austauschen könnten, und zitieren die Meinungsfreiheit.

Selbsthilfe oder Hilfe beim Krankbleiben? Die Diplompsychologin Dr. Christiane Eichenberg vom Institut für Klinische Psychologie der Uni Köln schlägt vor, die Seiten nach festen Kriterien einzuteilen. Werden Therapieangebote aufgeführt oder nur Tipps ausgetauscht, wie man noch mehr abnehmen kann?

Auf den Pro-Ana-Seiten finden sich entsprechend auch verschiedene Nutzergruppen: einerseits gibt es die, die bereits an Essstörungen erkrankt sind und Hilfe bzw. Verständnis suchen, dann diejenigen, die die Hoffnung auf Heilung bereits aufgegeben haben, und andererseits solche, die gerne eine Essstörung hätten und sich hier Tipps holen möchten. Die gibt es dann auch zu Haufe: vom Watte-Essen („ein bisschen giftig“) bis hin zum Nackt-vor-den-Spiegel-Stellen („Willst du wirklich immer noch etwas essen?“) finden sich endlose Durchhalte-Strategien zum Hungern.

Den Krankheiten werden wohlklingende Mädchennamen gegeben: Ana steht für Anorexie, Mia für Bulimie (Ess-Brechsucht). Beide sind Freundinnen, die man nicht enttäuschen darf und deren Zuneigung man sich mit der peniblen Einhaltung ihrer Gebote erkauft. Wie zum Beispiel mit der Abwendung von echten Freunden („sie lügen“) und Eltern („niemand darf davon erfahren“). Mit 500 kcal und 2 Stunden Sport am Tag. Mit Disziplin und Selbstbeherrschung.

Die Freundin Ana ist auch in ihrer Wortwahl nicht gerade zimperlich: „Du fette Kuh! Du wirst wieder unendlich fett werden!“ sagt die Stimme beim Öffnen des Kühlschranks. Doch sie birgt auch ein Versprechen in sich: „Wut, Traurigkeit, Verzweiflung, Einsamkeit können ein Ende haben, weil ich deinen Kopf mit dem kategorischen Kalorienzählen fülle“.
Ein Prinzip, das an die Mitgliederrekrutierung einer Sekte erinnert … absolute Geheimhaltung, strenge Regeln und nicht zuletzt das Heilsversprechen. Das Hungern wird zu einer Art Ersatzreligion.

Die Seiten erschweren den Weg aus der Krankheit

Die Online-Community bildet oft die einzige Quelle von Freundschaft für diese Mädchen, deren Sozialleben sich bei der täglichen Aufnahme von bis zu 500 Kalorien verständlicherweise reduziert.

Sie ist allerdings auch der letzte Rückhalt vor dem Zusammenbruch, dem Hilfeschrei, eventuell dem Beginn einer Therapie. Dr. Tanja Legenbauer, die sich an der Universität Mainz schwerpunktmäßig mit dem Thema Essstörungen beschäftigt, meint dazu: „Man kann sicher sagen, dass diese Seiten den Weg aus der Erkrankung erschweren, da statt einer Einsichtsfähigkeit in die Erkrankung und ihre Folgen diese idealisiert wird und eine Auseinandersetzung vermieden wird.“ Es gebe zwar noch keine Untersuchungen, inwiefern Essstörungen durch Pro-Ana-Seiten ausgelöst werden können, jedoch stellen sie ein „verherrlichendes Bild der Magersucht“ dar und machen „jungen Frauen, die dafür anfällig sind, falsche Versprechungen bzw. bestärken deren dysfunktionale Annahmen und Einstellungen“.

Andere Forscher, wie Karen Dias vom „Centre for Women's and Gender Studies“ der Universität von British Columbia, meinen, diese Seiten durchbrächen gerade die typische Isolation der Essgestörten, indem sie ihnen einen Raum gäben, Dinge zu äußern, die sie weder ihrer Familie noch den Therapeuten anvertrauen würden.

Magersucht per Video

In den USA haben bereits mehrere namhafte Online-Dienste auf Druck einer Bürgerbewegung (ANAD) die Pro-Ana-Seiten vom Netz genommen. Doch tauchen diese Seiten dann eben beim nächsten Anbieter oder unter anderem Namen auf.

Auch ist ein solches Verbot der Seiten nach deutschem Recht nicht durchführbar, wie Ekkehard Mutschler, Jugendmedienschutzbeauftragter des Deutschen Kinderbundes, betont. Er fordert hingegen, dass der Zutritt zu Pro-Ana Seiten nur auf Seiten mit Altersbeschränkung gestattet ist. Dies ist einerseits sinnvoll, da die meisten Nutzerinnen minderjährige Mädchen sind, angesichts des Blog-Wildwuchses und den Betrugsmöglichkeiten im anonymen Netz jedoch utopisch. Die Eltern sollten mehr darauf achten, wo ihre Kinder sich im Netz aufhielten, ist noch sein letzter Rat.

Auch auf den Videoportalen wie „Youtube“ oder „Myvideo“ finden sich immer mehr „Thinspiration“-Videos. Das Prinzip ist das gleiche wie bei den „Thinspos“ der Blogs: eine Abfolge von Bildern möglichst abgemagerter, zumeist blutjunger Mädchen, unterlegt von kitschiger Popmusik. Bei „Youtube“ sind viele dieser Videos altersbeschränkt. Beim deutschen Anbieter „Myvideo.de“ jedoch nicht. Eine Sprecherin des Unternehmens zieht sich auf die Kommentarfunktion unter den Videos zurück, die eine „einseitige Darstellung der Inhalte“ verhindere. In den Kommentaren sehe man, dass diese Videos „sehr kontrovers diskutiert werden bzw. sehr kritische Stimmen hervorrufen“. Das reicht, um sich herauszureden, verhindert aber nicht, dass junge Mädchen sich durch die Bilder unter Druck gesetzt fühlen.

Doch es gibt auch eine Gegenbewegung im Medium selbst, geführt von Frauen, die ihrer Essstörung den Kampf angesagt haben. Caroline aus Montreal, deren Zähne vom vielen Erbrechen so zerfressen sind, dass sie in ihren Youtube-Videos nie lächelt. Janet aus Holland, die seit einem Missbrauch als Kind erst in die Magersucht rutschte und jetzt täglich darum kämpft, ihren Körper akzeptieren zu können. Lisbeth aus Australien, die neben ihrer Essstörung auch mit schweren Depressionen ringt. Man sieht die Menschen hinter der Krankheit, man sieht ihre Verzweiflung, ihr Unglück. Caroline sagt in einem Video zum Thema „Magersucht als Lifestyle“: „Anorexie ist keine Prada-Handtasche. Denn das Geld kannst du zurückbekommen, dein Leben aber nicht.“

Die „Thinspiration“-Videos haben zumindest für sie jede Anziehungskraft verloren: „Die ganzen kleinen Mädchen, die magersüchtig sein wollen. Ich seh mir diesen Scheiß nicht mehr an, denn es zerstört mich nur.“

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Fotonachweise:

1. Christian van Dongen (via photocase) 
2. studioslah (via flickr.com)
3. Peter Werner (via stock.xchng)
4. photocase.com