Fürs Auge

"Ich bin schön, weil ich ICH bin"

Christopher-Street-Day in Berlin

 

Federboas, Pailletten, Diademe, Klunker, Leder, Latex, korsettierte Taillen, knackige Sixpacks, rasierte Hintern und Millionen kunstvoll geschminkter Augen. Genauso hatte ich mir den CSD vorgestellt. Und deshalb standen wir auch mittendrin. Meine Kamera und ich.

 

Keine Ahnung, warum sie noch in meiner Tasche vergraben war. Vielleicht weil ich mich ein bisschen als Zaungast fühlte. Weil ich nicht als sensationslustige Voyeuristin gesehen werden wollte. Weil ich nicht gay bin. Wie auch immer, die anderen Fotografen um mich herum hätten mir bestimmt so eine Art gefühlsmäßige Fotoerlaubnis erteilt. Es gab aber keine anderen Fotografen um mich herum.
Irgendwie stand ich in einer komplett kamerafreien Zone.

 


Intime Inszenierungen vor der Kamera beschränkten sich bei mir bisher nur auf den Inhalt meiner Blumentöpfe. Die erotischen Zonen eines feuerroten Lilienblattes hatte ich nun minuziös ausgelotet. Die atemberaubende Schönheit menschlicher und pflanzlicher Naturereignisse könnte man durchaus vergleichen. Das phantasievolle Arrangement von Farben und Formen auch. Aber hier stand ich nicht unbeobachtet auf meinem Balkon, hier stand ich mitten im Leben. Ein Leben, das eine komplett andere Dynamik zeigt. Und auch einen anderen Humor.


Bevor ich mein erstes Motiv wählen konnte, hatte es bereits mich gewählt. Eine Drag Queen mit Kronleuchterdeko auf dem Kopf teilte mit stöckelndem Schritt die Menge und blieb direkt vor meinem Objektiv stehen. Sie lächelte mich erwartungsvoll an. Die Kamera, nun endlich in meiner Hand, machte ein leises Geräusch. Als wäre dieser elektronische Klick ein geheimes Signal, öffnete die schokofarbene Queen ihren Umhang. Über ihren wunderschön geformten, makellosen Luxuskörper funkelte nicht nur die Fortführung des Kronleuchter-Themas bis hinab zu ihren Schuhen, es funkelte auch Stolz. Wie die Fotografin, so war auch mein Makro bei diesem Anblick überfordert. Ich hätte vorher besser 2 Mojitos getrunken und die Kamera dann einfach eine Etage tiefer platziert. O.K., es ist mein erster CSD.

 


Als hätte sich ein Schalter umgelegt, verwandelte sich mein anfängliches Unwohlsein ins unvermutete Gegenteil. Klick. Klick. Klick. Klick. Bei so viel Glitter und Glamour in Drag geriet ich in einen wahren Trigger-Taumel. Auch, weil man es mir so leicht machte, weil man mich und das Auge meiner Kamera geradezu einlud. Ich brauchte nur mein Objektiv in eine Richtung zu halten, und schon kamen die Motive auf mich zu.  Alle wollten gesehen und verewigt werden, drehten und zeigten sich. Während sich der Verschluss der Kamera scheinbar automatisch auf Schnellfeuer einstellte, wich endlich meine Spannung, machte einem wirklichen Sehen und Bewundern Platz.

 

Womit ich gar nicht gerechnet hatte, ist die spontane Nahbarkeit, das enorme Selbstverständnis und der natürlich ausgelebte Impuls des Sich-Zeigen-Wollens. So unterschiedlich sie sich ausdrückten, die Botschaft dieser Persönlichkeiten war klar und fokussiert. Aus ihren Augen sprach nicht nur ‘ich bin schön’, sondern vielmehr ‘ich bin schön, weil ich Ich bin ich’. Und am schönsten waren sie, wenn gleichzeitig die eigene Verwundbarkeit zu spüren war.  

 

 

Aus meinem ersten Fotorausch wieder erwacht, sah ich, dass die laute Kostümierung nur ein kleiner Teil des ganzen Events war. Das Gros der Veranstaltung war eindeutig ungeschminkt. In jeder Hinsicht. Überall feiernde Paare, sich liebkosende Männer und Frauen, ausgelassene Gruppen Haut an Haut. Das Gefühl völlig vorurteilsloser Akzeptanz in der Menge berührte mich tief. Ich konnte mich dem Gefühl gar nicht entziehen, dass auch ich einfach Ich sein durfte. Und wie herrlich, wenn alle Menschen so fühlen könnten. Nicht, dass mir das Gefühl gänzlich fremd wäre, aber hier wurde mir klar, dass ich darin keine große Übung habe.

Noch träumend, blieb mein Blick an einem der vielen attraktiven nackten Hintern hängen. Mutig entschied ich mich für ein Close-up. Und prompt drehte sich der stolze Besitzer des fotografischen Objekts meiner Begierde um, lachte mich an und fragte charmant, wo das Bild denn veröffentlicht werden solle. Und dann passiert’s. Ich spürte, wie mir die Röte heiss und unaufhaltsam zu Kopf stieg. Noch schlimmer, ich fing an, irgendetwas von ‘Ich bin nicht von der Zeitung’ zu.

Dabei muss ich so hilflos ausgesehen haben, dass der superfreundliche und vor allem viel souveränere Typ mir spontan seine Sektflasche reichte: Ich solle erstmal einen kräftigen Schluck nehmen. Nach einem erlösenden Chit Chat kehrte er mit dem prickelnden Feierwasser zu seinen Kumpels zurück, um einen Freund zu begrüßen. Und diese Begrüßung zählte für mich zu den anrührendsten Augenblicken des ganzen Abends.

 

 

 
Ich war überwältigt von der liebevollen Herzlichkeit und Zärtlichkeit, die ich überall um mich herum spürte. Bewegende Minuten tiefer Menschlichkeit in einer Atmosphäre der Befreiung und Erleichterung. Weil hier jeder anders ist und sein darf.

Noch Tage danach war ich seltsam energetisiert. Alles was ich wollte, waren nur ein paar interessante bunte Bilder. Aber was ich bekommen habe, ist um ein vielfaches wertvoller. Und wenn ich jetzt viel bewusster all meinen Mut zusammennehme, wo immer sich die Gelegenheit bietet, mein Innerstes nach außen zu kehren, habe ich das allein dem CSD zu verdanken. Ich bin sicher, dass ich mich auch vom nächsten CSD wieder mitreißen lasse. Und falls Sie mich suchen: Ich bin die mit der Kamera in der Handtasche. Und dem roten Kopf.

 

 

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Daniela Haug ist Filmproducerin bei asiffilmmatters und lebt in Berlin.  

 

 

 

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