Männerecke

Ich ging rein und setzte Kaffee auf

Eine Zeitlang lieferte die Gräfin Obst und Gemüse aus für einen Bio-Hof in Gräfrath, am Rande der Stadt.
Wenn am folgenden Tag eine Früh-Tour auf dem Plan stand, kehrte sie abends nicht zum Hof zurück, sie nahm den Firmenwagen mit nach Hause.
Das war bequemer.

Es war Mittwochmorgen, als sie mich kurz nach sechs aufweckte, mit einem dampfenden Becher Espresso.
Oh, wie freundlich.
„Monsieur, kuck mal raus.“
„Mh..?“
Im gleichen Moment hörte ich schon das Scheppern der Schaufeln, das Fegen der Besen: Die Siedlung war komplett zugeschneit.

„Kannst du den Wagen schon mal freimachen? Ich schaff das sonst nicht.“
„Für dich tu ich doch mehreres“, räusperte ich mich.
„Hm?“
„Alles.“
„Gut.“

Ich trank den Espresso und kuckte ein paar Minuten Morgenmagazin. Wettervorhersage.
„Von Holland ziehen neue Schneewolken heran. Hat man das schon mal gehört? Von Holland! Tz!“
„Dann schneit's Käse oder wie?!“
„Jo. Schnittschnee.“
Ich rollte mir eine Kippe.
„Kannst du die nicht draußen rauchen?“
Was Frauen so alles mitkriegten. Sogar das Lecken der Zunge über den Klebestreifen des Papierchens morgens um zehn nach sechs in einem anderen Zimmer.

Ich zog meinen Hut und dann den dicken Anorak und Gummistiefel an, und nahm Frau Moll mit raus. Schnee verehrte sie wie einen König. Sobald die ersten Flocken in den Garten trudelten, war der Hund nicht mehr zu halten.
Das ist auch heute noch so.
„Wenn du Bratkartoffeln riechst, wedelst du genauso“, meinte die Gräfin mal.
Hunde und Männer, das ist sowieso alles dasselbe.

Es war lausig kalt an diesem Dezembermorgen und der Neuschnee um diese Uhrzeit noch keine nasse Angelegenheit. Der Vollmond stand am Himmel wie eine stramme Kochmütze und tunkte den Kannenhof in eine Kulisse wie eine überbelichtete Fotografie
Die Gräfin tauchte kurz am Fenster auf.
„Du kannst später noch genug Fotos machen!““ signalisierte sie. „Und jetzt mach hin und bummel nicht!“

Ich war nicht der einzige um diese frühe Uhrzeit. Das Eis wurde von den Autoscheiben gekratzt, und von den Hauswänden hallte das Schaben der Kehrschaufeln wider, überall knirschte und knarzte es, während Frau Moll frenetisch durch den Vorgarten tobte.

Einmal versank sie so tief im Schnee, dass nur noch ihre Nasenlöcher hervorlugten wie zwei Pfefferstreuer.

Der Firmenwagen, ein weißer VW-Transporter, stand direkt unter unserem Fenster. Zunächst schaufelte ich die Reifen frei, damit der Wagen überhaupt vom Fleck kommen konnte.
Von hier unten aus der Sackgasse brauchte man Anlauf, um es den steilen Kannenhof hoch zu schaffen, der vom städtischen Räumdienst nicht angefahren wurde.

Dann holte ich Handfeger und Eiskratzer aus dem Keller und ackerte drauflos. Meine Lunge pumpte und rasselte, meine Finger wurden steif vor Kälte und als ich zwischendurch in den Aussenspiegel blickte, kuckte mich ein Eskimo an, der in seinem Leben zuviel Feuer eingeatmet hatte: knallrot, das Gesicht.

Zwanzig Minuten später war der Wagen von Schnee und Eis befreit. Sah gut aus. Das blitzte förmlich. Selbst Frau Moll bellte einmal laut und kräftig:
„Gut gemacht, Boss!“

„Was machst du denn da..?!“
Die Gräfin stand plötzlich da und glotzte mich entgeistert an, in ihrem Napoleonmantel.
„Nach was sieht das denn aus?“ erwiderte ich, aber ihre großen, halb belustigten Augen verunsicherten mich.

Sie stapfte den zugeschneiten Gehweg hoch.
„Hast du dir den Wagen mal genauer angekuckt..?“
„Wieso?!“
Während ich mich umdrehte, begriff ich schon: auf der Seitentür fehlte die Reklame.
BIO-HOF CLEMENTIN - IHR FRISCHEBAUER. Das stand da nicht. Das stand nirgendwo. Auf der Strasse hatte nur jemand „Michi“ in den Schnee geschrieben, mit den Fingern, „ich bin fein.“

Aber wo stiefelte die Gräfin hin? Und wieso blieb sie vor diesem anderen VW-Bus stehen? Und warum schloss sie ihn auf? Woher hatte sie den Schlüssel für diesen fremden Wagen..?!
Nein, ich bin nicht fein, dachte ich.
Nein. Ich.. ICH HATTE EINE BESCHISSENE HALBE STUNDE LANG IN KÄSIGER HOLLANDKÄLTE DEN FALSCHEN TRANSPORTER IN DER MACHE GEHABT!

Die Gräfin gab Gas, wobei der Wagen wegrutschte wie eine Seifenkiste, doch dann fing sich der Sprinter, und sie bretterte, lässig aus dem Seitenfenster winkend, den Kannenhof hoch, während Unmengen Schneehütchen von ihrem Autodach kullerten.

Ich stand da in Anorak und Gummistiefeln, Atemwölkchen produzierend, als mich jemand von der Seite anmurmelte.
„Morjn.“

Der Nachbar, ich kannte ihn entfernt vom Sehen, schloss seinen VW-Bus auf, der scheckheftgepflegt unter unserem Fenster parkte.
Vom Fahrersitz aus blickte er mich achselzuckend an und brauste los auf nagelneuen Winterreifen, und ich bekam was ab am Ohr.

Ich fischte mit steifen Fingern die Eisbröckchen aus dem Haar und sah Frau Moll dabei zu, wie sie durch den Schnee kugelte.
Unermüdlich, dieser Hund.
Ich ging rein und setzte Kaffee auf.

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "500Beine" über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die "Gräfin", und den Hund "Frau Moll".