Männerecke

Ich Glumm, ich Chronist

Sprich lauter!

Mann, Mann, Mann.
Manchmal hab ich echt keinen Bock mehr auf diese ganzen Leisetreter überall!

Im Kopierzentrum der Bergischen Universität in Wuppertal stehen sich die Studenten tuschelnd gegenüber, die Hände in den Hosentäschchen.
Können die sich nicht etwas lauter austauschen!?

Oder muß ich mich erst vorstellen?
"Ich Glumm, ich Chronist für die nächste Minute deines Daseins."
ALSO SPRICH DEUTLICH, QUATSCHKOPF!
(Damit ich dich besser notieren kann.)

Im Auftrag des Instituts bin ich unterwegs, um irgendwelche Richtlinien zu kopieren, die nur im Präsenzbestand der Uni-Bibliothek vorrätig sind, 80 Seiten Industrial Design, ich geh mal näher ran an die Studenten.

Zwei lange Burschen mit kleinen Ärschen und kleinen Brillen.
Das Thema ist schnell rausgehört:
Praktikumsplatz.

Es geht ja jederzeit um einen Praktikumsplatz mittlerweile. Oder wie die Gräfin mal meinte in einem politischen Moment:
"Deutschland nach Hitler ist ein einziges fettes , amerikanisches Praktikum.."

Mutmaßlich ist selbst der Vorstandschef von Mannesmann Praktikant, und unter seinem Schreibtisch kauern in Blashöhe zwölf Praktikantinnen und ein Praktikant.

"Ich soll mich bei Tengelmann bewerben", sagt der eine Student, im Hintergrund dampfen die Kopierer im Dauerbetrieb, "für einen Praktikumsplatz. Klingt jetzt nicht so aufregend, oder?"
"Na, wie sollte die Firma denn heißen deiner Meinung nach?" entgegnet der andere Student mit der anderen Brille. "Krawumm und Co KG? Wär das besser?"
"Nee, das nicht. Aber Tengelmann..? Das ist doch der Lebensmittelkonzern. So wie Aldi."
"Ja, ist aber nicht Aldi. Ist Tengelmann."
Mh, irgendwie können die beiden ruhig wieder leise drehen. Schadet ja nicht.

Ich hatte zwei Lieblingsbücher in meiner Kindheit. Das eine war Räuber Hotzenplotz, das andere Gepäckschein 666.
Von daher bin ich ein bisschen gerührt, als mir die Garderobiere der Uni-Bibliothek eine Plastikmarke mit der Nummer 333 aushändigt, ich muß nämlich meine Regenjacke und die Umhängetasche abgeben, damit ich nichts klaue.

333 also.
Ein halber Teufel.
So wie ich eine halbe Alte bin.
Und so wie überhaupt alles halb so ha ha ist.

Die Garderobiere ist schnippisch wie die meisten Garderobieren dieser Welt.
Schnippischen Leuten begegnet man am besten mit ausgefuchster Freundlichkeit (bloß nicht übertreiben!), dann schmelzen sie dahin. Dann kann man alles von ihnen haben. Sogar fremde Klamotten.
Teure Designersakkos.
Ein Paar Schuhe bräuchte ich auch noch.

Schuhe werden hier nicht abgegeben, sagen Sie? Na, dann wird das aber Zeit. Oder was glauben Sie, was die Herren und Damen Studenten da alles verschwinden lassen in ihren Gummipumps?
Ja, aber natürlich!

Die Garderobiere der Uni Wuppertal entpuppt sich allerdings als ein harter schnippischer Hund, geradezu versteinert von jahrelanger Geringschätzung durch die Studentenschaft, bedient sie nun ihrerseits mit Häme und Gleichgültigkeit im Mundwinkel.

Eine Studentin möchte wissen, ob sie etwas aus ihrer Jacke herausnehmen soll, bevor sie die hier abgibt.
"Weiss ich doch nicht. Falls Sie aber Bücher ausleihen wollen, dann nehmen Sie vielleicht besser Ihren Bibliotheks-Ausweis aus der Jackentasche", verdreht sie die Augen so subtil, dass man es nicht sehen, nur hören kann am Klang ihrer verdrehten Stimme.
Ach, irgendwie kann die mich mal.
Ich geb die 333 zurück.
Hier.

Auf der Rückfahrt mit dem Bus schau ich desinteressiert aus dem Fenster, nur ranghohe Hunde können sich desinteressiertes Verhalten erlauben, und wer glotzt mich da plötzlich an, aus den Tiefen meiner Kindheit?
Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt!

Das gleiche Bild wie auf meinem Buchumschlag 1970! Wie verschlagen der alte Schelm über einen Lattenzaun blickt, auf der Flucht vor Wachtmeister Dimpfelmoser.

Die Stellwände einer Baustelle sind mit den Plakaten gepflastert. Eine Puppentheater-Vorstellung.
Mir wird ganz heiß im Unterbauch, da, wo die Seele sitzt, weil ich jetzt jederzeit damit rechnen muß, dass Hotzenplotz barfuß und vollbärtig und schlapphütig hinter einem Busch hervorspringt und mit vorgehaltener Knallbüchse die Herausgabe der Kaffeemühle von Seppels Großmutter verlangt!
PIFF! PAFF!
Ich bin ganz aufgeregt!

(Ich hab eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung.)

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "500Beine" über sich und sein Lebensgefährtin, genannt die "Gräfin, und den Hund "Frau Moll".