Anderswo

Ich! Ich! Ich!

Frauen und Macht – wie passen beide zusammen? Mit Hillary Clinton im amerikanischen Vorwahlkampf steigt die alte Frage gerade erneut in den Ring, um schweißtreibend spekulativ um sich zu hauen. Darf eine Kandidatin, die sich um das höchste politische Amt des Landes bemüht, emotional auftreten? Oder sollte sie es sogar tun, um den Wählern deutlich zu machen, dass es Alternativen gibt – zu einem männlich geprägten Politikstil, in dem vermeintlich die „kalte Vernunft“ allein regiert?

Die Frage beschäftigt mal wieder, seit Hillary Clinton ihre berüchtigte Träne von Portsmouth vergoss, über die in den Medien in den vergangenen Tagen viel gestritten wurde. Eine öffentlichkeitswirksame Träne war es – so oder so. Soll heißen: Egal, ob sie nun inszeniert war, wie manche der ehemaligen First Lady unterstellen möchten, oder doch „echt“ oder womöglich sogar nur eine Erfindung der Medien selbst – der Glanz in Hillarys Augen rührte. Und nicht nur die Gemüter der Wähler, die mit ihrer Stimme überraschend und den Prognosen zum Trotz die Kandidatin nach ihrer Niederlage in Iowa noch einmal in den Wettlauf um die Präsidentschaft zurückholten. Nein, die vermeintliche Träne rührte auch an etwas anderem, an einer der großen Gretchenfragen unserer Zeit: Was verkörpern Frauen auf der politischen Bühne heute?

In einem Artikel in der Zeitschrift „Kulturaustausch“ hat sich Daniel Innerarity mit dieser Frage auseinandergesetzt. Dabei lenkt der Autor, der derzeit als Philosophieprofessor zu Gast an der Sorbonne in Paris ist, den Blick auf Ségolène Royal, die als Kandidatin für das französische Präsidentenamt im vergangenen Jahr einen ähnlichen Spagat zu meistern hatte wie Hillary Clinton nun in den USA. Mit dem Druck, einerseits fachliche Kompetenz und Führungsstärke demonstrieren und anderseits dann doch als die Frau auftreten zu wollen, die der Politik ein „weiblicheres Gesicht“ geben könnte, haben und hatten nämlich beide Politikerinnen deutlich zu kämpfen. Dabei geht es Daniel Innerarity in seinem Artikel „Ich! Ich! Ich!“ gar nicht mal um die Überlegung, ob Frauen nun tatsächlich einen anderen Umgang mit Macht pflegen – also irgendwie softer, verantwortungsbewusster und mehr zum Wohle aller unterwegs sind, wenn sie „nach oben“ streben.

Nein, vielmehr geht es dem Autor darum zu zeigen, welche Fallstricke in den Klischees stecken, die uns da suggerieren wollen, dass Frauen in der Politik eine „andere Seite“ verkörpern: „Bürgernähe“, „Gefühl“, „Fürsorglichkeit“ oder was auch immer. Werden damit nicht wiederum sehr enge Grenzen gezogen, wie Frauen in der Politik aufzutreten haben? Daniel Innerarity jedenfalls kommt zu dem Schluss:

„Frauen sollte der Zugang zu den Instrumenten der politischen Vertretung lediglich aufgrund eines soziologischen Faktum ermöglicht werden (dass sie circa 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen, während sie gleichzeitig auf politischen Posten deutlich unterrepräsentiert sind) und nicht aufgrund einer vermeintlichen essenziellen weiblichen Qualität – ihre angebliche Fähigkeit, von Politikern verursachte Missstände kurieren zu können. Frauen sind nicht etwa bürgernäher, sondern leider weiter von der Politik entfernt.“

Hat Hillary Clinton vor diesem Hintergrund nun umsonst ihre gefühlvollere Seite zutage gekehrt? Nach Meinung Daniel Innerarity vermutlich schon. Der nämlich plädiert dafür, sich als Frau nicht so schnell ins Bockshorn jagen zu lassen, und mehr Mut zu zeigen, abseits der klassischen Weibchenrolle als Individuum in Erscheinung zu treten – mit „Ich! Ich! Ich!“ als Schlachtruf? Mag blöd klingen. Dennoch liegt Innerarity vielleicht nicht so falsch, wenn er sich fragt:

„Worin besteht also die wahrhaftige Macht der Frauen? Selbstverständlich nicht darin, die Macht der Männer zu kompensieren oder zu korrigieren, sondern darin, sie ersetzen zu können. ( …) Was wir Männer am meisten fürchten, ist nicht etwa eine Frau, weniger noch, wenn sie eine weibliche Frau ist. Was uns am meisten in Unruhe versetzt, ist ein Individuum.“

Übrigens ist nicht nur dieser Artikel in der Zeitschrift „Kulturaustausch“ sehr zu empfehlen, sondern die gesamte vorletzte Heftnummer: Unter dem Titel „Frauen, wie geht's?“ wird hier nämlich einfallsreich und themenfreudig nachgefragt, in welchen Lebenssituationen sich Frauen heute wieder finden – weltweit gesehen. Um Wünsche und Hoffnungen, Mythen und Idealbilder geht es dabei, und natürlich auch um die Frage von Macht – und was Frauen mit dieser machen.
Einige der Themen des Heftes, die vielleicht Lust auf mehr machen:

- „Das letzte Tabu“ – Jeder fünfte Kindermissbrauch wird von einer Frau begangen

- „Zum Anbeten – Frauen in den Weltreligionen“

- „Mütter und Muezine“ – Das harmonische Verhältnis von Matriarchat und Islam in West-Sumatra

- „Unabhängig durch Sex“ – Prostitution als Berufswunsch bei kubanischen Mädchen

- „Ich will emotional sein“ – Das sagt die afrikanische Psychoanalytikerin Grada Kilomba und hebt Fehler des westlichen Feminismus hervor.

Daniel Inneraritys Artikel „Ich! Ich! Ich!“ finden Sie, wenn Sie hier klicken. Weitere Beiträge des Themenhefts „Frauen, wie geht's“ sind dagegen hier zu entdecken, und wer das Heft gleich ganz bestellen möchte, kann dies hier tun.