Women only

Ich schwitze nicht

Vom riskanten Umgang mit dem Geburtsjahr.

Drei Frauengenerationen im Gespräch.

Von: Kathrin Schrader, Fotos: photocase.com, stock.xchng

vom 10.04.07

Meine Lebensläufe unterscheiden sich nicht wesentlich. Lediglich das Geburtsjahr variiert. Kürzlich, vor dem Gespräch bei »download future«, wusste ich plötzlich nicht mehr, ob ich den 70er, den 75er oder den 66er-Lebenslauf für meine Bewerbung als Junior Carrier Relations Manager ausgewählt hatte. Derart verunsichert, war das Gespräch natürlich ein Reinfall.

 

Meine Tochter Sophie sagt, ich leide unter Realitätsverlust. Nur weil ich in Mathematik kein As bin. Dieses Gefummel mit dem Taschenrechner ist doch ziemlich kompliziert. Sophie gefällt es natürlich nicht, dass ich auch mit ihrer Identität jongliere.
Woher soll sie, die gerade zwanzig geworden ist, wissen, wie es sich anfühlt, in wenigen Wochen vierzig Jahre alt zu werden?

 

Vierzig! Ich versuche ihr zu erklären, dass von Realitätsverlust nicht die Rede sein kann, im Gegenteil: »Es ist eine Art Über-Realität. Fühlt sich an wie die U-Bahn im Hochsommer, wenn sie langsam immer voller wird und in Sichthöhe neben dir schlecht rasierte Achselhöhlen hängen, mit Fusseln drin, wenn sich Deo- und Parfümnoten mit Schweiß mischen. Eingezwängt in diese süßliche, morbide Desillusion am späten Nachmittag bleibt einem nur noch, die Tasche mit den Kreditkarten gut festzuhalten.«

 

Ich habe überhaupt kein Problem mit meinem Alter. Ich fühle mich gut. Ich bin sauber rasiert. Überall. Ich schwitze nicht. Es sind die anderen. Die Lügen geschehen aus Notwehr. Gegen Bücher, die »Endlich vierzig!« heißen, und Personalchefs, die am Telefon säuseln: »Kommen Sie vorbei. Das hier ist Ihre Chance.« Der Filterkaffee, den sie mir später auf einer mausgrauen Tischplatte servieren, ist ebenso säuerlich wie ihr Lächeln. Sie haben keine weiteren Fragen.
Ich will keinen Filterkaffee mehr und keine Trockensahne. Ich will keine Monologe mehr halten. In Zukunft gebe ich nur noch Interviews. Aber nicht jedem.
»Wie haben Sie das eigentlich alles geschafft? Abendschule und einkaufen, diverse Spülmaschinen bedienen und nebenbei die Hausaufgaben mit Ihrer Tochter und den Flötenunterricht organisieren?«

»Wie konzentrieren Sie sich auf drei Dinge gleichzeitig, ohne dabei zu schwitzen?«

»Würden Sie Ihr erstaunliches Organisationstalent in unser Unternehmen einbringen?«

»Was verlangen Sie dafür?«

»Sitzen Sie lieber nach Osten, Süden oder Westen?«

»Wie mögen Sie den Kaffee?«

»Das Wasser mit Sprudel oder ohne?«

In dem 75er-Lebenslauf habe ich Sophies Geburt einfach weggelassen. Das fällt mir schwer. Ich mag diesen Lebenslauf nicht. Ich fühle mich nackt ohne sie. Wie Maria und Josef ohne Stern und Lametta.

 

»Ich finde okay, dass du für mein Erbe etwas riskierst«, sagt Sophie. »Aber in dem 70er-Lebenslauf machst du eine Fünfzehnjährige aus mir. Das ertrage ich nicht einmal auf dem Papier.« Sie zieht es vor, als meine Tochter in den Untergrund zu gehen.

 

»Den 75er also, den du am wenigsten magst. Dann bist du jetzt einunddreißig«, sagt Alfons. »Und verwechsle das nicht wieder.« Er reicht mir den Karton mit den gefälschten Zeugnissen. »Keine Verwechslung mehr. Ich habe mich entschieden. Ab heute herrscht Ordnung in meinen Bewerbungen.«

»Mit einunddreißig fühlt man sich durch Trockensahne noch nicht beleidigt. Darauf solltest du achten«, sagt Alfons.

 

Eigentlich freue ich mich darauf, älter zu werden. Ich habe eine Schwäche für ältere Paare. Ich kann ihnen stundenlang zuschauen, wie sie im Restaurant ihre Brillen aus der Tasche holen, um die Karte zu lesen, wie sie in den Pausen zwischen den Gängen einen halben Satz brummen, der meist die Ehepartner ihrer Kinder betrifft, wie sie sich plötzlich bei den Händen fassen und man ihre vielen Goldringe sieht, wie sie kaum lächeln, weil sie das nicht nötig haben. Sie gleichen einer Herde Elefanten, die in der Sonne steht und mit den Ohren wedelt.

 

An Alfons’ Seite würde ich gern dick und runzlig werden. Ich sehe uns von hinten die Allee in einem Kurort in den Bergen entlanglaufen. Ich habe ziemlich breite Hüften und Alfons einen Rundrücken. Wir fühlen uns in Ordnung so. Allerdings liegt die Kur noch in weiter Ferne. Mit Alfons und mir, das ist keineswegs sicher. Nichts ist sicher. Ich besitze noch keinen einzigen goldenen Ring.

 

Sophie sagt, Alter sei Einbildung. Sie fühle keinen Unterschied zwischen den Generationen. Sie fühle lediglich einen kulturellen Unterschied, etwas, das sie als alt bezeichnen würde, das aber schon bei jungen Leuten vorkomme.

 

Ich finde, Alter ist eine Entscheidung. Ich habe mich für gefälschte Papiere und Trockensahne entschieden. In der »Suche nach der verlorenen Zeit« sagt Marcel Proust, Frauen müssten sich irgendwann zwischen Gesicht und Taille entscheiden. Wenn es so weit ist, möchte ich nicht wie diese Damen werden, die ihre gesamte Energie darauf verwenden, dünn zu bleiben. Ihnen fehlt selbst die Kraft zum Lachen. Sie zupfen ständig an ihrer Kleidung, halten auf Partys den größtmöglichen Abstand zum Buffet und schauen in jeden Bücherschrank, nicht, weil sie sich für die Titel interessieren, sondern, um sich in den Scheiben zu spiegeln.

 

Wanda strengt sich nicht an. Sie hat gar keine Zeit zum Hungern, weil sie so viel andere Dinge tut. Sie ist wirklich dünn.
Wanda ist sechzig Jahre alt. Vor einem Jahr ist sie von Zürich nach Berlin gezogen. Einfach so, weil sie Lust auf etwas Neues hatte. Sie gehört noch nicht zur Elefantenherde. Man kann sie sich dort auch nicht richtig vorstellen.
Wanda ist eine dieser Frauen, in denen trotz grauer Haare noch ein Mädchen steckt, nicht, weil sie diesen Körper hat, sondern, weil sie gespannt darauf ist, wie es weitergeht, weil sie sich auch mit sechzig noch nicht entschieden hat, alles schon erlebt zu haben, weil sie nicht vor dem Ende jeder Geschichte schon abwinkt.

 

Wenn Wanda aus ihrem Leben erzählt, von den Autounfällen beispielsweise, die ihr passieren, seit sie in Berlin lebt, dann ist es, als berichte sie von einer anderen, als betrachte sie sich von außen, als blicke die Wanda aus Zürich mit großem Erstaunen auf die Wanda in Berlin.

 

Und sie erlebt immer etwas Neues. Einen ganzen Nachmittag lang hat sie uns von den tätowierten Kraftfahrern in der Nachschulung erzählt, nachdem sie ihren Führerschein losgeworden ist. Statt endlich zu lernen, was eine 30er-Zone ist und was rechts vor links bedeutet, hat sie den Jargon ihrer Mitschüler in ein Notizbuch gekritzelt. Einen ganzen Nachmittag las sie uns im O-Ton vor, wie die anderen »ihre Pappe« eingebüßt haben.

 

Ich frage mich, was Wanda unter Alter versteht. Ich hatte noch nie die Gelegenheit, sie zu fragen. Wenn wir uns treffen, hat sie meist ein Beziehungsproblem auf dem Herzen. Sie ruft vorher an und bittet mich, die Zigaretten mitzubringen, die sie für den emotionalen Notfall bei Sophie und mir hinterlegt hat. Stangenweise gelbe Gauloises, die sie aus der Schweiz mitbringt.

 

Eigentlich möchte sie nicht mehr rauchen, nie mehr, denn Rauchen lässt ihre Haut altern. Aber es fehlt ihr an Disziplin. Deshalb lagert sie die Zigaretten aus. Wenn wir also im Café sitzen und rauchen, möchte ich das Thema Alter lieber nicht berühren. Ich weiß, was dann geschieht. Sie fummelt alle Zigaretten aus der Silberfolie und zerkrümelt sie über dem nächsten Papierkorb und sagt, dass sie das Kraut jetzt endgültig satt hat, um sich kurz darauf eine neue Schachtel zu kaufen. So ist es immer. Deshalb spreche ich sie beim Rauchen nicht auf das Alter an. Es ist einfach schade um die teuren Zigaretten.

 

Als ich meinen Computer anschalte, um zu schauen, ob Alfons geschrieben hat, sitzt mir wieder dieser Inuit am Schreibtisch gegenüber. Schweigend. Das Schweigen ist seine stärkste Waffe. Er richtet sie gegen mich. Er schaut mich an. Ich versuche ein beschwichtigendes Lächeln in der Art der Inuit-Frauen, die auf tausend verschiedene Arten lächeln. Sie lächeln böse, mütterlich, wütend, verliebt, freundlich und so weiter. Mein Lächeln gerät zerknirscht. Unentschlossen. Der Schamane geht mir auf die Nerven. Seit Wochen schon.

 

Die Inuit zählen die Jahre ihres Lebens nicht. Sie denken nicht so linear wie wir, wahrscheinlich, weil die Erde da oben am Nordpol nicht so dick ist wie hier unten. Man ist schnell einmal rum. Man denkt das Leben mehr im Kreis. Die Inuit beurteilen das Alter eines Menschen nach seiner Reife, also nach dem, was sie sehen, und nicht nach dem, was auf einem Papier steht. Er sieht mich an. Meine Fälschungsmanöver erscheinen mir plötzlich lächerlich. Vielleicht kann ich den Inuit deshalb nicht leiden.

 

Er sagt, ich hätte den Geist des plätschernden Wassers nach der Schneeschmelze. Fehlt bloß noch, dass er mich für die Klimakatastrophe verantwortlich macht. Plätscherndes Wasser nach der Schneeschmelze. Im Moment hält mich meine persönliche Katastrophe genug auf Trab. Das Wetter kommt später dran.

 

Übrigens empfinde auch ich das Leben als kreisförmig. Das Leben ist ein Laufrad. Keine Mail von Alfons.

 

»Du musst mal raus«, sagt Sophie. »Komm doch mit zum Five o’Clock Swing in den Grünen Salon. Wanda kommt auch. Sie hat übrigens wieder einen Freund.«

»Hat sie angerufen?«

»Wir waren heute zusammen essen. In der Mensa. Danach waren wir noch bei H&M. Habe mir einen neuen BH gekauft. Sieh mal.« Sie verschwindet im Bad. »Morgen treffen wir uns wieder in der Mensa«, ruft sie von drinnen. »Wanda hat eine Menge Kurse belegt.«

 

Sophie reißt die Badtür auf. Ihr Gesicht ist gerötet. Sie hat alles rausgeholt. Ein beeindruckendes Dekolleté. Wirklich. Sie betrachtet sich im Spiegel. »Dass du Push-ups nicht magst.« Push-ups sind tatsächlich der einzige Generationenkonflikt zwischen Sophie und mir. Und die Comedian Harmonists, die ich auch nicht besonders mag. Sonst haben wir in allen Dingen den gleichen Geschmack.

 

Sophie hat mich aufgeklärt. Die Sache mit dem Busen ist keine Generationenfrage, sondern eine Folge der Konjunktur, wobei Brüste sich antizyklisch verhalten. Gute Zeiten: flache Brüste. Schlechte Zeiten: Push-up.

 

Sie verbeugt sich und hält dem Spiegel ihr Dekolleté hin. »Er ist Professor für Musikgeschichte. Ziemlich cooler Typ.«
»Wieso Musikgeschichte? Du studierst doch Soziologie?«
»Doch nicht ich. Wanda. Er ist Wandas Freund. Er ist zehn Jahre jünger als sie.«

»Das ist ja wunderbar.«

 

Sophie schärft mir ein, nicht diese peinliche Euphorie an den Tag zu legen, wenn mir Wanda von ihrem neuen Freund erzählt. Das sei diskriminierend, und für Altersdiskriminierung könne man jetzt angezeigt werden. Ich überlege, ob Wanda mich anzeigen würde, wenn ich sie fragte, wie sich Sex mit sechzig anfühlt.

 

»Es ist herrlich, mal wieder mit einem Kerl im Bett zu liegen«, sagt Wanda beim Five o’Clock Swing im Grünen Salon. Ich beachte Sophies Rat und bemühe mich um Gelassenheit, als sie mir die Geschichte mit dem Professor erzählt, wie sie sich kennengelernt haben, wie er ihr sofort sein Handy geliehen und die Anhängerkupplung gecheckt hat, nachdem sie im Rückwärtsgang gegen einen Böller auf dem Campus geknallt ist.

 

Jetzt kann ich sie nach ihrer Alters-Definition fragen. Sie ist entspannt. Sie hat mich nicht gebeten, die Zigaretten mitzubringen. »Alter?«, sagt Wanda. Sie holt ein winziges Döschen aus ihrer Handtasche und lässt eine Tablette Süßstoff in den Tee fallen. Sie trägt zwei goldene Ringe.

 

»Alter?«, wiederholt sie. »Sag mal, hast du eigentlich die Zigaretten dabei?«

 

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Bereits erschienen in "Das Magazin", Ausgabe September 2006.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Kathrin Schrader: kathrins(at)mac.com