Cool Tour

Ich will, dass mein Vater aufmerksam hinschaut

“Die Premiere ist in einer Woche, das schaffst du sowieso nicht!“

Von: Beatrix Altmann, Fotos: Detlef Schneider

vom 02.04.07

Ursprünglich hat Theresa Hübchen Hutmacherin gelernt. Eine Arbeit, die Fingerfertigkeit und Geduld erfordert und die beste Möglichkeit bietet, um von einem anstrengenden Drehtag oder einer Theaterprobe abzuschalten: „Es gibt Rollen, die einen so stark vereinnahmen, dass man Gefahr laufen könnte, die Bodenhaftung zu verlieren. Ich will nicht, dass mir das passiert. Ich möchte nach einem Drehtag oder einer Theaterprobe gern so schnell wie möglich wieder in der Realität  ankommen.“

 

Dass sie eine Ausbildung zur Modistin gemacht hat, verdankt die Schauspielerin übrigens ihrem Vater, dem Schauspieler Henry Hübchen, der ebenfalls stets darauf achtete, nie den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren: „Er wollte zwar immer, dass meine Schwester und ich unseren eigenen Weg gehen. Dennoch bestand er darauf, dass wir zuerst ein richtiges Handwerk erlernen.“ Bereut hat die 35-Jährige ihre Berufswahl nie, denn auch heute setzt sie sich gern zum Ausgleich an die Nähmaschine und schneidert ihre eigenen Modelle, die bereits vor der Kamera zum Einsatz gekommen sind.

 

Aber ihr Herzblut gehört der Schauspielerei, da ist sie in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters getreten: „Ich bin in diesen Kreisen aufgewachsen, und so hat sich bei mir schnell der Wunsch, Schauspielerin zu werden, manifestiert und sicherlich auch manche Tür leichter geöffnet. Mein Papa hat mich jedoch nie an die Hand genommen und durch eine dieser Türen hindurch geführt. Das musste ich allein tun“, sagt die eingefleischte Berlinerin, die zwar die Hälfte des Jahres mit ihrem Lebensgefährten und ihren zwei Söhnen an der Adria verbringt, aber immer wieder in die Metropole zurückkehrt. Sie lebt in Italien, um das Tempo der Großstadt wieder zu genießen, ähnlich wie Henry Hübchen, der seine Zelte in Berlin auch nie ganz abgebrochen hat. Häufig verbringen sie ihre Urlaube gemeinsam.

 

Die Aktrice mit den langen, blonden Haaren und den ebenmäßigen Gesichtszügen liebt ihren Vater mit all seinen Ecken und Kanten und bewundert ihn ohne Einschränkungen als Schauspieler: „Er ist nicht unbedingt jemand, der einem bei der Renovierung der ersten Wohnung hilft oder einen Schrank aufbaut. Dafür habe ich aber das große Privileg, jederzeit meinen Lieblingsschau­spieler um beruflichen Rat fragen zu können. Und ich schätze an ihm seine Ehrlichkeit und seine direkte Art. Er ist niemals hinterhältig oder manipulativ.“

 

Theresa Hübchen, die ihren Vater in den Filmen „Jakob der Lügner“ und „Alles auf Zucker“ sehr schätzte und ihn auf der Bühne ausnahmslos bewundert, erinnert sich noch sehr gut an ihre erste und bisher leider einzige Zusammenarbeit. Henry Hübchen inszenierte 1991 an der „Volksbühne“ das Stück „Menschenfeind“, und kurz vor der Premiere fiel eine Schauspielerin aus, für die sie dann als „das Mädchen“ einsprang. Er engagierte sie erst auf Drängen ihrer Mutter und sagte: „Die Premiere ist in einer Woche, das schaffst du sowieso nicht.“

 

Die Künstlerin, die nie eine Schauspielschule besucht hat und sich auch nicht erinnern kann, wann ihr Berufswunsch konkret wurde, ließ sich durch seine Zweifel nicht abschrecken:

„An meinem ersten Probentag sagte mein Vater, ich solle nicht Papi zu ihm sagen, sondern ihn Henry nennen. Das haben wir beibehalten, und eigentlich war das mehr oder weniger die einzige Anweisung, die er mir gab“, sagt sie lachend und fügt hinzu: „Heute bin ich mir sicher, dass ihm die ganze Situation schrecklich unangenehm war. Er wusste einfach nicht, wie er mit mir umgehen sollte. Henry  konnte mich nicht als junge Schauspielerin sehen, sondern nur als seine Tochter.“


Knapp vier Jahre später wurde sie am Wiener Burgtheater engagiert, und ihr Vater war alles andere begeistert, dass sie blutjung und als alleinerziehende Mutter in eine fremde Stadt ziehen wollte. Doch letztendlich bewunderte er sein Kind für diesen mutigen Schritt, und Theresa sagt heute selbstbewusst: „Es interessiert es mich auch nicht mehr vordergründig, ob er stolz auf mich ist. Ich will, dass er mich ernst nimmt in meinem Beruf und ich möchte, dass er auf­merk­­sam hinschaut, wenn ich spiele.“

 

In einem Doppelinterview wurden einmal beide gefragt, worin sie sich ähnlich seien und Hübchen senior antwortete, sie könnten jeweils sehr gut mit Geld umgehen: „Da bin ich fast vom Stuhl gefallen, aber vielleicht wird es ja wahr, wenn ich nur ganz fest dran glaube …“

 

In ihrer Art zu spielen, seien sie beispielsweise sehr unterschiedlich, betont die Mimin: „Mein Vater hat eine viel extrovertiertere Art und besitzt natürlich wesentlich mehr Erfahrungen als ich. Und er verfügt über Talent und weiß, wie er es richtig einsetzen kann.“ Auch aus diesem Grund sei sie ihm für Ratschläge und Tipps sehr dankbar: „Aber selbstver­ständ­lich geht es letztendlich darum, das alles auf meine Art umzusetzen. Ich glaube nicht, dass ich weit damit kommen würde, wenn ich versuchte, Henrys Spielart zu kopieren.“

 

Eine Gemeinsamkeit gäbe es allerdings tatsächlich und die sei auch beruflicher Natur:

„Es war normal für mich, dass mein Vater, wenn er seine Texte lernte, durch die Wohnung lief und vor sich hin brabbelte. Man hat kurz aufgehorcht: ‚Meint er jetzt mich? Ach nee, er macht nur seinen Text.’ Genauso geht es heute meinen Kindern mit mir.“