Männerecke

Ihre fabelhaften Sätze

Eigentlich spricht sie mehr zu sich selbst als zu mir...

"Kommt direkt die Sonne raus. Guck mal. Das ist ja mal nett."

Sie steht an der Spüle, zur Abwechslung. Ist ja eigentlich mein Job. Sie kocht, ich spüle ab, so die Verabredung, die niemals getroffen wurde und doch gilt. Die besten Verabredungen sind das. Die ohne Unterschrift.

Heute aber hat sie gekocht, und jetzt spült sie auch noch ab. Ich weiss nicht, wie das gekommen ist. Plötzlich stand sie am Spülstein. Als ich es mitbekam, war es schon zu spät, das Spülbecken voll heissem Wasser. Ich konnte nicht mehr eingreifen.

"So. Langsam hab ich keine Lust mehr. Mir tun schon die Hände weh. Ist natürlich schlecht, wenn einen mittendrin die Lust verlässt.."

Eigentlich spricht sie mehr zu sich selbst als zu mir, weil ich am Küchentisch sitze und Notizen mache und sowieso nicht richtig hinhöre. Denkt sie. In Wahrheit schreibe ich mit, was sie sagt. Höre einfach hin und warte auf ein Juwel. Auf einen ihrer fabelhaften Sätze.

("Wenn ich länger unter Menschen bin, möchte ich mich wegbeamen. Nur noch die leere Hülle dalassen, und lächeln.")

("Es muss einem erst ein grösseres Unglück widerfahren, bevor man das kleine Unglück zu schätzen weiss.")

("Eine traurige, ja, eine tückische Zeit ist das, wo alles schon mal da war und nichts mehr von Wert ist.")

("Das Problem sind nicht die, die es haben, sondern die, die es wollen.")

("Überall Halb-Distanz und 1/8-Wissen!")

("Psychologen sind nichts anderes als Pappnasen, die dir ein Motto verpassen, damit du durch den Karneval kommst.")

("Meine Füße werden immer gerader, größer selbstbewusster! Die sprengen alle Schuhe.")

Das ist ihre Liga. Darunter tut sie es auch, soll mir auch recht sein. Und an manchen Tagen bringt sie mir eine Kleinigkeit mit, die sie unterwegs aufgeschnappt hat.
"Ach ja, bevor ich es vergesse", sagte sie gestern, "ich hab dir einen Satz aus der Stadt mitgebracht."
"Zeig her."

("Ich bin so wütend", sagte jemand, "und habe keine eigene Meinung!")

Aber eine Garantie gibt es nicht. Eine Garantie gibt es nie. Eine Garantie auf ein Juwel? Dass ich nicht lache. Versuch mal ein Bonmot einzuklagen, auf das man eine Viertelstunde lang vergeblich gewartet hat, mit dem donaublauen Stift in der Hand. Das klappt nicht. Da gibt dir niemand recht. Da zeigt nicht mal irgendwer Mitleid. Wer wartet schon auf einen schönen Satz aus seiner Frau.

Wenn sie spült, spült sie richtig. Wie Frauen so spülen. Aus Liebe zu den Dingen, aus Respekt vorm Haushalt. Nicht so liederlich, nicht so schnell schnell. Das Ergebnis ist mitunter fast wie neu, wenn sie die Hände im Spül hat. Sie putzt sogar die Espresso-Kännchen. Wir haben zwei klassische italienische Espresso-Kännchen, ein kleines und ein großes. Wenn beide Espresso-Kännchen auf dem Elektroherd stehen und zu brodeln beginnen, klingt es wie ein Sportflugzeug hoch über den Wolken. Im Sommer, wenn das Fenster offen steht, bin ich mir oft nicht sicher, ist das nun der Espresso, der gleich fertig ist, oder will da jemand in die Ferien fliegen.

"Schade, die kriegt man nicht mehr sauber. Hat sich der Kaffee schon zu tief eingegraben."

Ja, schade. Sie ist zu sehr aufs sauber kriegen, aufs glänzend machen fokussiert, statt hinabzusteigen in den Keller, wo das dunkle Geschirr wohnt, das Geschirr unserer Ahnen, denen man noch vertrauen konnte. Das ist ihr Revier. Darin ist sie gut. Im Sezieren der gruseligsten Jahrzehnte: Heute.

("Ich habe die besseren sozialen Sätze als du.")

"Was ist das eigentlich für ein Material?" werfe ich wie nebenbei ein in der Hoffnung, ihrem dahinplätschernden Selbstgespräch eine andere Richtung zu geben. Eine grundsätzliche.
"Was..?"
"Na, die Kännchen. Aus welchem Material die sind."
"Die Kännchen..? Keine Ahnung. Aluminium? Edelstahl? Edelstahl. Ist ja doch schön sauber geworden, also teilweise. Nur teilweise. Aber immerhin. Müsste man vielleicht noch mal mit Spezialzahnpasta drüber. Und mit Stahlwolle. Richtig schrubben. Guck mal."

Sie kommt zum Tisch, in der Hand die eingeschäumten, tropfenden Einzelteile eines auseinander geschraubten Espresso-Kännchens.

"Kannst du wienern, wie du willst. Das liegt aber auch an den Schwämmen, die sind fürn Arsch. Die wringst du einmal aus, schon kannst du sie wegwerfen. Billiger Ramsch. Wir holen demnächst wieder die Scotch. Die taugen wenigstens was."

Ich gebe auf. Da kommt heute nichts. Es gibt eben keine Garantie. Nur - wie viel Leerlauf kann ein Autor verzeihen? Wie viel Liebe braucht eine Frau?

"Scheiße. Die Arme tun mir weh. Das hab ich jetzt davon. Du hast mich ja nicht vom Spülen abgehalten. Du hast mich ja nicht gerettet, Andreas. Und jetzt? ICH HAB SPÜLHÄNDE! Hier, schau! Andreas!"
"Was soll ich tun..?"
"Wenn du das nicht weißt, das ist schlecht."
Lacht und trocknet sich die Hände ab, am Hund.

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "Studio Glumm" über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“ 

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