Weibchenschema

Im Abseits und Spaß dabei

Seit kurzem ist sie online – die „herthafreundin.de“. Auf dieser Internetseite speziell für die weiblichen Fans des Fußballvereins Hertha BSC Berlin erfahren Frauen allerhand. Die Abseitsregel wird erklärt, in die Kulturbeutel der Stars des Bundesligisten gelinst und gegen Hautprobleme bei Eiseskälte im Stadion mobil gemacht. Damit auch Frauen bei 90-Minuten Spielzeit ein bisschen Spaß haben.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: photocase.de

vom 17.04.07

Wie erklärt man Frauen die Regeln auf dem Fußballplatz am besten? Richtig. Man greift zu intellektuellen Stützrädern und tut so, als spräche man gar nicht über ein Spiel, in dem 44 Beine einem Ball hinterherlaufen – aus weiblicher Sicht sozusagen. Sondern über Dinge, die auch Frauen interessieren. Was das sein könnte? Männer, Mode, Monatsblutung.

 

„Regel des Monats“ – so heißt denn auch eine der Rubriken, mit denen die neue Fanseite von Hertha BSC Aufklärung betreibt. Promi-Frauen wechseln sich wöchentlich ab, Licht in das Dunkel des weiblichen Fußballwissens zu tragen. Moderatorin Vera Int-Veen erläutert, was genau ein Abseits ist – und vergleicht mit einer Situation beim Schuhkauf. Kollegin Ruth Moschner fachsimpelt über gelbe und rote Karten und die Logik ihrer Verteilung, gerät aber vom Weg ab und macht es dann kurz: „Männer brauchen einfach gewisse Regeln, um sich in dieser Welt zu recht zu finden.“ Stimmt. Und demnächst dann eine Erklärung für gelbe und  rote Karten im Frauenfußball?
 

 Hertha BSC versteht sich mit seinem neuen Internetangebot als innovativ. Schließlich ist der Bundesligaclub derzeit doch der einzige, der seine weiblichen Anhänger direkt und exklusiv anspricht. Einen lukrativen Markt hat man dabei selbstverständlich im Blick – mit 16 Prozent weiblichen Mitgliedern und 25 Prozent weiblichen Stadionbesuchern erkennt der Klub hier noch gute Reserven, die man mobilisieren möchte, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund einer Stadionauslastung von nur 56 Prozent. Und mit der WM-Begeisterung hat der Fußball auch unter Frauen bekanntlich ja gehörig an Attraktivität gewonnen.

 

Dass diese neue Begeisterung von der „Herthafreundin“ gut bedient wird, darf aber wohl  bezweifelt werden. Stimmen aus Fan-Netzwerken haben sich bereits kritisch und teilweise empört geäußert. Frauenfeindlich und der reinste Griff in die Mottenkiste sei diese Fanseite, auf der es bunt zugeht. Hertha-Helden sind dort „hautnah“ und „oben ohne“ zu erleben, operieren im Mondschein mit Hanteln und lassen Muskelpakete spielen. Der Reservist Nico Pellatz führt Frauen in die Geheimnisse der Berliner Küche ein („Currywurst und Buletten“) und Sofian Chahed erlaubt einen Blick in seinen Kulturbeutel: „Shampoo, Deo, ein Rasierer mit Rasierschaum, Parfüm und Creme.“ Und wer glaubt, hier käme nicht auch weibliche Kauflust auf ihre Kosten, der irrt natürlich. Für Fanartikel gibt es auch eine eigene Rubrik – „Will haben“ so der viel sagende Titel.
 

 „Für die weiblichen Fans ist diese Seite ein Schlag ins Gesicht und eine Reduzierung auf – sogar im Fußballumfeld – längst überholte Klischees“, meint Matthias Bettag, Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans (BAFF), zur "Herthafreundin". „Wer Frauen beim Fußball als dummes und zu belächelndes Beiwerk sehen möchte, wird hier gut bedient.“ Und auch Helga Numberger, Sprecherin des Fannetzes „Frauen im Fußball“ reagierte geschockt auf den unverhohlenen Sexismus, mit dem das neue Hertha-Portal am Start ist. „Wenn das die Art ist, wie Vereine auf unseren Wunsch nach Wahrnehmung reagieren, dann will ich lieber wieder ein Schattendasein am Rande des Männersports Fußball fristen“, so kommentierte sie.

 
Und wie gehen die Macherinnen der „Herthafreundin“ mit dieser Kritik um? Offenbar trippelt man dort weiter unbeirrt im Abseits herum - und hat Spaß dabei. Mit Amüsement aber auch Unverständnis habe man den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit zur Kenntnis genommen, so erklärt Redakteurin Manja Geyer in der Aprilausgabe. „Dazu kann ich nur sagen: Die Redaktion besteht ausschließlich aus Frauen, die garantiert alles andere als feindlich ihrem eigenen Geschlecht gegenüberstehen.“ So weit, so gut. Wären da nicht unter „Kontakt“ und „Impressum“ die Männernamen dann doch in der Überzahl – und die einzige mitverantwortliche Frau mal wieder auf verlorenem Posten?

 

Keinen Grund, sich über die „Herthafreundin“ aufzuregen, sah aber Vereinsmanager Dieter Hoeneß. Bei der Präsentation der neuen Website äußerte er sich mit den Worten: „Wenn ich eine Frau wäre, würde ich mich sehr angesprochen fühlen.“ Na, klar! Männer denken sich das weibliche Geschlecht nur allzu gerne so: In der Küche beschäftigt mit dem Braten von „lecker Currywurst“, während man selbst gerade nach Fußballergebnissen Ausschau hält. Hertha BSC präsentiert solche übrigens nur auf seiner ganz „normalen Hauptseite“. Denn für die „Herthafreundin“ sind Tabellen offensichtlich ja doch nur – der reinste Nebenschauplatz im Fußball. Oder doch einfach zu kompliziert.