Women only

Immer wieder Sonntags...

Sonntags nachmittags gemütlich ablagern auf’m Sofa, links was Nettes zu Knabbern, rechts was gute Laune Förderndes zum Trinken und dann ’n schönen kitschigen alten Film: Herrlich, oder?

Von: Miriam von Versen, Foto:stock.xchng

vom 19.12.06

In der Tat könnte das alles so schön sein, wenn nicht, wie immer in solchen Momenten, das Telefon klingeln würde! Och nö!.. Man muss natürlich nicht rangehen. Aber es könnte ja ein Notfall sein: Christiane mit Liebeskummer, Todesfall oder... Oder, ja, es könnte doch auch mal was Erfreuliches sein, z.B. jemand, den man lange nicht mehr gehört hat. Oder eine Einladung zur Klassentreffen- Freakshow etwa. Tja, wer sich solcherlei Gedanken hingibt, hat bereits verloren.

 

Die Neugier ist einfach zu groß und man geht ran. Und dann? Hätten wir es nicht wissen können? Der Supergau! Telefonumfrage! Zu allem Überfluß lasse ich mich natürlich auch noch einwickeln. Fünfundfünfzig Minuten Fragen aus Politik, Bankwesen und was ich von Damenwindeln halte, ob ich das Problem von Urinverlust kenne, wie oft ich Kopfschmerzen im Monat habe und da ich Single-Frau bin, wollen sie wissen, was mir ohne Partner am meisten abgeht: der Sex, die Zärtlichkeit, die gemeinsame Freizeitgestaltung, die Gespräche oder die Lösung gemeinsamer Alltagsprobleme und das hübsch geordnet nach außerordentlich wichtig, sehr wichtig, wichtig, weniger wichtig und unwichtig! Nachdem ich mich durch den Fragebogen gequält habe, wünscht mir die Interviewerin hastig einen schönen Restsonntag - und das war´s.

 

Na super! Dafür ist jetzt meine Pizza labbrig, mein Bier schal, der Film ist aus und Skilanglauf ist in vollem Gange! Ätzend! Toller Sonntag! Allerdings muss ich mich jetzt outen. Ja - ich bekenne es, freimütig und ohne Stolz - auch ich habe mal in so ´nem Call-Center gearbeitet. Sorry, ich war jung und brauchte das Geld!

 

Im Grunde aber hat es so ein Perspektivwechsel durchaus in sich. Die Welt und die Menschen darin erscheinen plötzlich in einem anderen Licht. Das ist wie wenn man in der Schule seinen angestammten Sitzplatz verlassen musste, um mit quietschender Kreide etwas an die Tafel zu schreiben, denn von dort aus gesehen war das ein ganz anderes Klassenzimmer.

 

Aber jetzt schweife  ich ab. Tatsächlich führte der Job nicht dazu, die menschliche Spezies mehr zu schätzen. Meine Lieblingskollegin Bettina erhielt sich ihr Nervenkostüm indem sie „Telefon- Patienten“ nach Regionen und Intelligenz- Quotienten einteilte, z.B. Guppys (Mecklenburg- Vorpommerner) , Heidschnucken (Schleswig-Holsteiner) und Gummiadler (Brandenburger).

 
Als ich dort anfing, wunderte ich mich sehr, dass oberhalb der Bildschirme, vor denen wir saßen, an den Kanten schmierige rotbraune Flecken waren.  Ich fragte meinen Sitznachbarn, der grinste nur und sagte, warte es einfach ab, so sieht dein Bildschirm auch bald aus! Und so war es. Zunächst aber war es - weil ich noch motiviert war - recht harmlos. Hatte man mal wieder einen intellektuell von Gott Vergessenen an der Strippe, und telefonierte man statt durchschnittlichen acht Minuten bereits fünfzehn Minuten (und war erst bei Frage drei), zeigte man dem Bildschirm den Stinkefinger oder verdrehte bei Blickkontakt mit einem mitleidendem Kollegen die Augen. Das unterstütze die Frustrationstoleranz! Jedoch eines Tages, ich war gerade am Telefonieren und da, zack!...wachte ich im Krankenhaus auf! Was war geschehen? Bettina erzählte mir, als sie mich dort besuchte, ich hätte den Bildschirm in die Hände genommen und meinen Kopf  solange darauf geschlagen bis ich ohnmächtig wurde!

(Glücklicherweise passierte mir das bisher nur fünf Mal.)

 

So, jetzt ist es aber spät geworden. Ich muss mich noch um meinen Haushalt kümmern und dann ab in die Koje! Denn morgen früh muss ich wieder fit sein zur Frühschicht! Ihnen kann ich es ja nun sagen: ich arbeite wieder als Interviewerin. Denn ich bin schon alt und brauche das Geld!