Wissenswertes

In fremden Betten

Couchsurfer verbringen ihre Nächte bei Einheimischen auf dem Sofa. Gruselthriller oder Weltverbesserung? Unsere Autorin Julia versuchte den Selbsttest.

Von: Julia Grass

vom 30.06.11

In Florians Küche stehen Töpfe und Pfannen auf dem Kühlschrank, Maggi-Fertigsaucen und Dosen gesalzener Erdnüsse im Regal. Von einem Poster an der Tür blickt John Lennon in den Raum. Es ist eine typische Studentenküche, und ich setze mich an den großen Holztisch, den Florians Mitbewohner bei seinen Großeltern auf dem Dachboden gefunden hat. Florian stellt drei Teepackungen vor mich auf den Tisch, ich entscheide mich für Himbeer-Vanille, und er setzt Wasser auf. Im Haus gegenüber brennt Licht, und ich glaube, wenn jemand nun aus dem Fenster zu uns herüber schaut, muss er sich denken – was ein schöner Abend für ein junges Pärchen!


Aber ich bin nicht Florians Freundin. Ich bin nicht einmal eine Freundin. Alles, was Florian von mir weiß, ist, dass ich Studentin bin und alles, was ich mit Sicherheit über ihn sagen kann, ist, dass er teuren Tee mag. Offiziell weiß ich zwar auch, dass Florian Germanistik und Anglistik studiert und große Träume von einem Café irgendwo auf einer Südsee-Insel hat. Offiziell denkt er von mir aber auch, ich käme aus Heidelberg und wäre in Berlin für ein Vorsprechen um einen Praktikumsplatz. Offiziell wissen wir voneinander nur das, was jeder von sich schrieb. Nur eines bleibt sicher – ich war auf der Suche nach einem fremden Bett, und Florian bot mir eins an.

 

Couchsurfing - Zu Hause in der Welt


Was klingt wie der Beginn einer schlechten Romanze oder eines gruseligen Killerfilms, nennt sich „Couchsurfing“ und wird ganz unromantisch und ohne viel Killerpotenzial als „kostenloses, internetbasiertes Gastfreundschaftsnetzwerk“ beschrieben. CouchSurfing.org ist eine Website, die seit 2004 Menschen aus der ganzen Welt miteinander vernetzt. Wer sich hier anmeldet, folgt dem Programm und surft auf fremden Sofas durch die Welt oder holt sich die Welt in Form fremder Menschen auf die eigene Couch nach Hause. Alles, was man braucht, ist eine E-mail-Adresse, ein Passwort und ein bisschen Kreativität zum Ausfüllen der eigenen Profilseite.


Ich will ausprobieren, was dieses Couchsurfing eigentlich ist. Für die meisten bedeutet das erst einmal: GRATIS Übernachtungen überall auf der Welt! Auch ich surfte in Gedanken schon euphorisch durch all die wunderbaren Weltstädte, bevor der zweite Gedanke langsam hinterher kam – der nämlich, dass man tatsächlich in fremden Wohnungen schläft. Bei der Suche nach einem passenden Sofa wird zudem schnell klar – die meisten Couchsurfer legen Wert auf Gemeinschaftlichkeit. Ein Frühstück, eine kleine Tour durch die Umgebung, Partys, Abendessen oder eben eine Tasse Tee. Die Website schreibt es aus: Es geht um den kulturellen Austausch, das Teilen verschiedener Leben für einige wenige Momente.

 

CouchRequest


Bin ich für so etwas überhaupt geeignet? Immerhin habe ich als kleines Kind auf fremden Geburtstagspartys geweint und von meiner Mutter zum sechzehnten Geburtstag neben meinem ersten Handy auch mein erstes Pfefferspray geschenkt bekommen – Vertrautheit und Sicherheit haben mich mein Leben lang begleitet, und so ist mir bei dem Gedanken an fremde Betten und fremde Wohnungen eher unwohl. Gleichzeitig können doch bei 2.901.109 Couchsurfern, die derzeit auf der Website gelistet sind, nicht nur Abenteurer und Lebensmüde dabei sein?

 

Florian hat mir sofort zugesagt auf den „CouchRequest“, die Sofa-Anfrage, die ich ihm geschickt habe. „Eine Studentin aus Heidelberg, da geht ja nicht groß was schief. Und nett siehst du ja auch aus!“ Meine Heidelberger Fassade bröckelt jedoch ziemlich schnell, und spätestens als er mir meinen Tee in diese Tasse mit den roten Punkten schenkt, weiß ich – ich kann niemanden anlügen, der mich in seiner Wohnung übernachten lässt und mir so wunderbar niedliches Geschirr vorsetzt.

 

Nicht nur für Abenteurer und Lebensmüde


Couchsurfer Florian ist ziemlich entspannt, vermerke ich prompt in meinem Kopf, denn als Florian hört, dass ich anstatt 650 Kilometer mit dem Zug eher 5 Stationen mit der S-Bahn angereist bin und meine Aussichten auf ein Bewerbungsgespräch beim Axel Springer Verlag auch eher gegen Null gehen, lacht er nur, fährt sich durchs Haar und sagt: „Nett bist du trotzdem, und die Idee ist witzig!“


Florian appelliert jedoch sofort auch an mein Sicherheitsbedürfnis. Komplett ungefährlich sei Couchsurfing nämlich nicht! Er erzählt mir den Fall von Leeds, bei dem eine Studentin aus Hongkong von ihrem Gastgeber zweimal vergewaltigt und mit Mord bedroht wurde und die Geschichte von Kurt, der unter falschem Namen und Profilen durch die Welt reiste und seine Gastgeber ausraubte. Kurz bedauere ich, mich für Tee und nicht für Whiskey entschieden zu haben.


Auf Nummer sicher gehen kann man bei Couchsurfing mit einer kostenpflichtigen Verifizierung, bei der das Team anhand der Kontodaten die angegebenen Adressen und Namen überprüft. „Mittlerweile machen das eigentlich alle regelmäßigen Couchsurfer,“ sagt Florian. Der einfachste Weg sei aber immer noch ein Blick auf die Referenzen, die andere Mitglieder auf der Profilseite hinterlassen können. „Wenn da was Negatives dabei ist, dann gehst du einfach nicht hin oder nimmst die Person eben einfach nicht auf!“ Und wenn gar keine Bewertungen vorliegen, weil das Mitglied zum Beispiel neu angemeldet ist – so wie ich? Er zuckt mit den Schultern. Ihm selbst sei auch damit noch nie etwas passiert. Über zwanzig Menschen haben schon bei ihm geschlafen und er bei mindestens halb so vielen in England, Irland und den USA. Vom Anfänger bis zum Profi – „klar mag man jemanden vielleicht mal nicht so gerne. Aber da bleibt man dann ja auch keine drei Wochen.“ Die Einzige, die ihn übrigens wirklich hinters Licht führen wollte, sei ich gewesen. „Sonst hat mich bislang noch niemand angelogen!“ Mehr Whiskey, bitte!

 

"Geschichten sammeln"

 

Ein wenig Vertrauen in das Gute im Menschen gehöre natürlich dennoch dazu, sagt Florian noch. Manche Leute seien dabei schon „sehr krass“. Zweimal habe er, ohne danach gefragt zu haben, von seinen Gastgebern einen Wohnungsschlüssel bekommen, „damit ich kommen und gehen kann, wie ich möchte,“ und einmal habe er auch alleine in einer Wohnung übernachtet, weil der Gastgeber kurzfristig geschäftlich verreisen musste. „Das ist einerseits schon ziemlich cool, andererseits würde ich selbst das nie so machen – und ich bin wirklich kein misstrauischer Mensch!“


Meine Profil-Recherche auf der Website zeigte mir kein besonderes Couchsurfer-Klischee: Vom Abiturienten bis zum älteren Ehepaar finde ich überall Leute jeder Altersklasse, die ihre Sofas anbieten oder selbst danach suchen. Mal gibt es ein Gästezimmer im Einfamilienhaus, mal ein Hochbett im Flur eines Studentenwohnheims. Der größte gemeinsame Nenner, den ich finden kann: Aufgeschlossenheit. „Und Spaß am Leben,“ ergänzt Florian. Warum er selbst mitmacht? „Um Geschichten zu sammeln.“


Geschichten wie die meine, die einer Berliner Studentin, die eigentlich aus der Kleinstadt kommt und sich für ein Studienprojekt undercover in fremden Wohnungen einmietet. „Auch wenn das mit dem undercover nicht so geklappt hat,“ sagt er und grinst.

 

Ungeschminkt vor fremden Augen?


Wir reden viel an diesem Abend. Über Träume und Ängste, das Leben und die Liebe, Freunde und Enttäuschungen, Uni und Arbeit, über Gott und vor allem über die Welt. Gerade das Wissen darüber, dass wir uns eigentlich nie wieder sehen müssen, macht das Gespräch wunderbar unbeschwert.


Die eigentliche Mutprobe kommt jedoch erst noch. Als ich in meinem gepunkteten Pyjama im Bad stehe, in den Spiegel schaue und mein abgeschminktes Gesicht sehe, packt mich für einen kurzen Moment dann doch die Panik. Normalerweise zeige ich mich so nur meiner besten Freundin und einem Mann höchstens nach vorangegangener großartiger Liebeserklärung und Treueschwüren, die „auch in schlechten Zeiten“ und „bis ans Lebensende“ miteinschließen. Ich atme tief durch und sage mir, dass ein fremder Kerl, und noch dazu ein so entspannter wie Florian, bestimmt nicht auf kleine Makel wie Augenringe oder meine fünf Jahre alte Brille achtet und stapfe so souverän und stilvoll wie möglich (mit Schlaf-Dutt auf dem Kopf) zurück ins Zimmer.


„Die Brille sitzt schief,“ sagt Florian prompt. Ich husche schnell aufs Sofa und unter die Decke. Er grinst. „Frauen!“,und ich knurre „Licht aus!“, und wir lachen beide. Ich ziehe die Decke bis unter die Nase und denke mir, dass das jetzt eigentlich wirklich nicht schlimm war.

 

Die Welt mit dem anderen Blick


Als ich mich am nächsten Morgen viel zu früh und viel zu müde, über meine fünf S-Bahn-Stationen auf den Weg nach Hause mache, komme ich mir tatsächlich wie auf einer echten Heimreise vor. Mit mir trage ich einen völlig anderen Blick auf Berlin und die Welt und die Erinnerung an einen Abend, an dem eigentlich nichts passiert ist und gleichzeitig doch so viel.


Die Website meint, Couchsurfing verbessere die Welt, und ich glaube, das stimmt. Vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden war Florian ein Fremder wie jemand, der mir in der U Bahn gegenübersitzt und irgendwann aussteigt, ohne dass ich es merke. Jetzt ist Florian immerhin Florian. Vielleicht kein guter Freund, aber jemand, an den man sich erinnert. Vielleicht verbessert das die Welt wirklich ein bisschen und mit jeder Couch vielleicht ein kleines bisschen mehr.

 

 

Fotos:

froodmat (photocase.com)

chachu207 (stock.xchng)

suave (stock.xchng)

 

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Julia Maria Grass lebt in Berlin und studiert Publizistik, Politik und Deutsche Literatur.

Nebenher arbeitet sie als Online-Redakteurin für das City-Magazin "Berlin & I", genießt den Sommer vom Balkon und hätte gerne einen Hund.

 

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