Starke Frauen

In Vaterlands Suppe gespuckt

Sie waren der Stolz der Südstaaten, dann wurden sie über Nacht zu dem Schlampentrio, das den Präsidenten beleidigt hatte. Der Dokumentarfilm „Shut Up & Sing“ verfolgt die Geschichte der Dixie Chicks, die als eine der erfolgreichsten Frauenbands im amerikanischen Musikgeschäft eine ungewöhnliche Karrierewende erfuhren. Leadsängerin Natalie Maines hatte es gewagt, am Vorabend des Irak-Krieges die Bush-Politik zu kritisieren. Danach war sie für die amerikanischen Fans und Medien eine Person, die man kurzerhand „zum Abschuss“ freigab.

 

Es ist eine dieser Geschichten, die man auf der großen Kinoleinwand nur allzu gern nach dem Muster von „David gegen Goliath“ erzählt. Der Film „Shut Up & Sing“ widersteht aber diesem Muster, vermutlich schon durch das authentische Bildmaterial, das eine ganz andere Sprache spricht: Gleich zu Beginn begegnet man einer Frauenband, die bereits ganz weit oben angekommen ist. Von David keine Spur, nur Goliath in Großaufnahme. Es ist das Jahr 2003, in dem die drei aus Texas stammenden Musikerinnen noch dazu eingeladen wurden, beim Superbowl die amerikanische Nationalhymne zu singen. Ein patriotischer Akt vor Millionenpublikum. Und eine Ehre für die drei Sängerinnen der Chicks.

 

Man sieht Natalie Maines, Martie Maguire und Emily Robison, wie sie – mit gehobener Brust – diese Auszeichnung zu nehmen verstehen. Zu diesem Zeitpunkt sind die drei Frauen gerade auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt: Die Dixie Chicks gelten als die kommerziell erfolgreichste Frauenband aller Zeiten und haben so viele Platten verkauft, wie keine andere Frauenband – egal welchen Genres – jemals zuvor. Konzerte sind meist schon von langer Hand ausverkauft, die traditionell eher konservative Country-Szene Amerikas liegt den Mädels zu Füßen, und als Sweethearts der Nation werden sie nicht mehr nur im Süden umjubelt: Auch anderswo in den Staaten sind die Chicks zur Herzenssache geworden.

 

Nur wenige Schnitte später: Der Film fängt eine Krisensitzung von Management und Mitgliedern der Band ein, in der erste Morddrohungen verlesen werden, die auf die Leadsängerin Natalie Maines zielen. Daneben: Country-Radiosender schicken Mitteilungen, dass eine entrüstete Fangemeinde den sofortigen Boykott der Musikerinnen auf allen Kanälen fordere. Und während die Chicks noch auf Europa-Tournee sind, wo sie gerade ein folgenreiches Konzert über die Londoner Bühne gebracht haben, geraten in der Heimat die Medien in einen Aufruhr, den zunächst keiner in der Crew so richtig ernst nehmen möchte. 

 

Man ist eher ratlos, die Schwestern Martie Maguire und Emily Robison albern noch herum: Den Satz hätten ja nicht sie gesagt. Gekicher und schulmädchenhaft ein Zeigefinger: Schuld ist die da! Mittendrin meldet sich Manager Simon Renshaw zu Wort, nach ein paar Tagen sei alles vorbei, und falls nicht: Public Relations! „Stellt euch vor, was wäre, wenn sie unsere CDs verbrennen!“ so hört man ihn zynisch scherzen. Einige Filmminuten später: Bulldozer rollen über das Leinwandbild und begraben haufenweise CDs der Band unter sich. Eine radikale Antwort auf eine scheinbar bitter enttäuschte Liebe. Was war geschehen?   

 

Im Grunde war es nur ein Satz, der die Dixie Chicks in Ungnade fallen ließ: Sie schäme sich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas käme, hatte Natalie Maines, die selbst aus Texas stammt, damals ins Mikrofon gesagt. An jenem Konzertabend in London am 10. März 2003 allerdings sollte dieser Satz in eine politisch ungeheuer aufgeheizte Stimmung hineinfallen: Während die amerikanischen Truppen im Irak kurz vor dem Einmarsch standen und daheim die Medien nach einer Geschlossenheit im Rücken der Front suchten, ging man in Großbritannien und anderswo in Europa gerade in Massen gegen die Politik der Bush-Regierung auf die Strasse.

 

Dass Natalie Maines Worte, zwischen zwei Songs mehr oder minder halbgar über die Lippen gebracht und vom englischen Publikum dennoch euphorisch umjubelt, vor diesem Hintergrund Sprengstoff boten, liegt auf der Hand. So richtig erklärlich wird das, was folgte, aber erst vor einem anderen Hintergrund. Emily Robison spricht ihn gegen Ende des Films an: Es wäre eine unerwartete Stimme gewesen, die mit Natalie Maines da aufmuckte. Eine Stimme, die aus dem eher konservativen Herzen Amerikas zu kommen schien – und somit auch aus dem ureigenen Hinterland des Präsidenten. Nicht zuletzt deshalb wurde Maines Bemerkung so verstanden, als hätte jemand einen Schuss abgeben – und dabei auf den Rücken der eigenen Front gezielt.

 

„Dixie-Schlampen“, „Verräterinnen“ und „Saddams Engel“ – so schallte es nun von überall her der Band entgegen. Die Filmemacherinnen Barbara Kopple und Cecilia Peck verfolgen in ihrer Dokumentation, wie die drei Frauen mit dieser Hetzkampagne, die da vom Zaun bricht, klar zu kommen versuchen. Wie sie ungläubig hinnehmen müssen, dass ihre Songs binnen kürzester Zeit aus dem Äther der Radiosender verschwinden, weil einflussreiche Medienunternehmen wie etwa der Clear Channel-Konzern, tonangebend für das Airplay von Country-Musik in den USA, darauf hinwirkten. Wie eine aktuelle Single von Platz eins im Handumdrehen aus den Charts fällt, wie den Frauen mit Attentaten gedroht wird und wie das neue Album „Home“, beachtliche 4,9 Millionen Mal verkauft bis zu jenem „Zwischenfall“ in London, plötzlich von Fans nicht mehr angerührt wird.

 

Dabei hatten die Dixie Chicks erst noch versucht, den Imageschaden der Band so gut wie möglich in Grenzen zu halten. Vier Tage nach dem Londoner Konzert etwa gab Natalie Maines eine Erklärung heraus (in einer für sich schon denkwürdigen Tonlage), in der es hieß:

 

„Als betroffene Staatsbürgerin der Vereinigten Staaten entschuldige ich mich bei Präsident Bush für meine respektlose Äußerung. Ich glaube, dass, wer auch immer das Amt innehat, mit äußerstem Respekt behandelt werden sollte. Wir sind momentan in Europa und Zeugen einer gewaltigen antiamerikanischen Stimmung, ausgelöst durch den, wie man hier meint, überstürzten Krieg. Obwohl Krieg als Möglichkeit seine Berechtigung haben mag, möchte ich als Mutter jede mögliche Alternative ausgeschöpft wissen, bevor Kinder und amerikanische Soldaten sterben müssen. Ich liebe mein Land und bin stolz, Amerikanerin zu sein.“

 

Doch der Versuch der Abbitte half nichts. Der Bruch mit der Fangemeinde blieb eine offen klaffende Wunde. Was die Dixie Chicks schließlich dazu brachte, nach einem anderen Weg zu suchen und sich auf neuen Pfaden zusehends zu emanzipieren – politisch, künstlerisch und auch in der Rolle als Frauen im Musikgeschäft. „Shut Up & Sing“ ist in diesem Sinne vieles zugleich: Ein Film über das damalige Medienklima in den USA, seine aufgeheizte Stimmung und seine kriegstreiberischen Töne, die ein Recht auf Meinungsfreiheit leichthin auch beiseite bugsieren konnten. „Shut Up & Sing“ ist aber auch ein Film über die Strukturen unserer heutigen Pop- und Celebrity-Kultur, in der zwar vieles erlaubt ist – nur nicht der freie Fall aus dem eigenen Vermarktungsprofil.

 

Darüber hinaus aber liefert der Film auch ein sehr einfühlsames Portrait dreier Musikerinnen, die sich gegen einen drohenden Ausverkauf der eigenen künstlerischen Identität zur Wehr zu setzen haben – mit jeder Menge Familienleben und insgesamt sieben (auf die Welt stürmenden) Kindern im Hintergrund. Da folgt die Kamera hier und da eben auch zu Ultraschalluntersuchungen, in den Kreißsaal oder den Gesprächen über In-vitro-Befruchtungen – niemals voyeuristisch, eher grundsolidarisch. Und auch diesem oder jenem Klatsch und Tratsch wird Filmzeit gelassen: Sie hätte ihrem Ehemann in einer Nacht einmal 10 000 Dollar dafür angeboten, dass er statt ihrer aufsteht und sich um den schreienden Säugling kümmert, erzählt Natalie Maines an einer Stelle. Alles horcht auf. „Er hat abgelehnt!“ Rollenzwänge – manchmal auch mit Geld nicht zu beheben.

 

Was vielleicht verwundern mag: Selbstverständlich hat es auch andere Künstler gegeben, die damals den Mund aufmachten, um der Politik der Bush-Administration etwas entgegenzusetzen. Mit einer Musikerin wie Ani DiFranco aber, für die politischer Protest fast schon zur Marke gehört, hatte man Nachsehen, ebenso mit Stars wie Bruce Springsteen, Sheryl Crow oder Madonna. Nicht aber mit einer Band wie den Chicks. Denn die galt einer zutiefst konservativen Öffentlichkeit als ihresgleichen. An die Chicks konnte man glauben. So wie man etwa auch daran glauben wollte, dass Frauen ihren Platz an „seiner Seite“ haben (ob Mann oder Präsident oder beides in einem). Oder auch, dass Frauen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben, weil sie dort, wenn sie den Mund aufmachen, nur „Unheil bringen“. Abgesehen von  Entertainerinnen natürlich, sprich: einem hübschen Anblick und guter Unterhaltung. Alle anderen: „Klappe halten!“

 

Offenbar ist aber die Parole „Klappe halten!“ dann doch nicht ganz das Richtige für die Chicks gewesen. Der Satz, den Natalie Maines damals in London sagte, sei das Beste gewesen, was der Band hätte passieren können, sagt Martie Maguire gegen Ende des Films. Der Erfolg, den die Band neuerdings wieder feiern kann, nachdem sie sich in den vergangenen drei Jahren künstlerisch vom Country freistrampelte, in Richtung Rock/Pop vortastete und zu einem neuen, eher aus den urbanen Zentren Amerikas kommenden Publikum fand, scheint ihr Recht zu geben. Jedenfalls räumte das aktuelle Album „Taking The Long Way“, von Rock-Guru Rick Rubin produziert, mit seinem vitalen Sound bereits fünf Grammys bei der diesjährigen Verleihung ab.

 

Übrigens sind die Dixies noch einmal zurückgekehrt. An den „Tatort“ wie Natalie Maines die Bühne des Londoner Shepherds Bush Empire seit damals nennt. Und natürlich sagt sie den Satz, der ihr damals über die Lippen rutschte, noch einmal. Aber diesmal spricht sie ihn anders ins Mikrophon: nicht halbgar, nicht so wie eine, die gerade übermütig wird und sich was traut. Sondern diesmal mit einer Macht der Überzeugung: „Nur, damit ihr es wisst. Wir schämen uns dafür, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas kommt.“

 

 

 

 Foto- und Bildnachweise:

1. Natalie Maines in Austin, Foto: flickr.com, Ron Baker

2. Cover zu dem Album "Top of the World Tour Live" (2003), Foto: Sony

3. Martie Maguire in Austin, Foto: flickr.com, Ron Baker

4. Filmplakat "Shut Up & Sing": Für die Titelseite der Zeitschrift  „Entertainment Weekly“ ließen sich die Musikerinnen im Mai 2003 nahezu nackt ablichten - den Körper über und über beschmiert mit den plakativen Begriffen und Schimpfwörtern, für die die Dixie Chicks zur Projektionsfläche gemacht wurden. 

5. Emily Robison in Austin, Foto: flickr.com, Ron Baker

6. Cover zum aktuellen Album "Taking the Long Way" (2006), Foto: Sony