Starke Frauen

Irmgard Keun: Keine wie jede andere

„Was man glaubt, gibt es“ – so hat Gabriele Kreis ihre einfühlsame Biografie über Irmgard Keun genannt. Die Schriftstellerin verblüffte mit Romanen, die hellhörig und frivol, lebensklug und gekonnt der eigenen Zeit einen neuen literarischen Sound abgewannen.

Bereits ihre ersten beiden Romane waren Bestseller: Mit „Gilgi – eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ begeisterte Irmgard Keun breite Massen. Schnell wurde die Erfolgsautorin so auch als ein „Fräuleinwunder“ der zeitgenössischen Literatur der Weimarer Republik wahrgenommen – doch der Glanz dieser Karriere fand nur schwer Widerschein auch im Privaten: Keun galt zeitlebens als eine schwierige Person, die sich vor allem durch ihren exzessiven Alkoholkonsum zugrunde richtete. Daneben: Komplizierte Beziehungen zu Männern, nicht selten auch die finanzielle Abhängigkeit von einem Geliebten, die der Schriftstellerin zusetzten.

 

Wie ihre Protagonistinnen hatte sich Keun der traditionellen Frauenrolle entsagt, um sich beruflich und künstlerisch zu verwirklichen. Immer wieder stieß sie dabei aber an die Grenzen einer Zeit auch, die für die „gleichgestellte Frau“ noch lange nicht bereit war. Die Weimarer Republik propagierte zwar ein neues Frauenbild, ließ die Umsetzung jedoch nicht wirklich zu. So fanden viele Frauen beispielsweise eine Anstellung als Sekretärin, verdienten damit aber noch nicht einmal genug, um sich selbst ernähren zu können.

 

Irmgard Keun hatte ohnehin andere Pläne, sie wollte keinen klassischen Bürojob, den sie in der Firma ihres Vaters jederzeit bekommen hätte. Stattdessen lockte die Schauspielschule, an der sie bald ihren zukünftigen Ehemann kennen lernte: den Theaterintendanten Johannes Tralow, der das schlummernde Schreibtalent seiner Frau entdeckt – und fortan ermutigt und fördert. Bereits mit ihrer ersten Veröffentlichung avancierte Keun so zum gefeierten Jungtalent der internationalen Schriftstellerszene.

 

Doch nach der Machtergreifung Hitlers folgt schnell das Berufsverbot: Keun flieht 1936 ins Exil, ohne ihren Mann, der sich als Künstler dem Naziregime beugt und in Deutschland bleibt., Über Ostende in Belgien gelangt Keun schließlich nach Holland , und neben einer vorübergehend neuen Heimat findet sie hier auch in dem Autor Joseph Roth eine neue Liebe.

 

Beide reisen viel, schreiben zusammen in Cafes und beeinflussen einander. Doch der Alkoholiker Roth entpuppt sich als kein hilfreicher Partner, was den Alkoholkonsum Keuns angeht: Die emotional labile Schriftstellerin, die unter tiefen Depressionen litt, verfiel mehr und mehr ihrer Sucht. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande kehrte Keun 1940 inkognito unter dem Deckmantel ihres angeblichen Selbstmordes nach Deutschland zurück, wo sie bis 1945 unentdeckt lebte.

 

„Was die Keun (…) machte, das war eine artistische Popliteratur: eine rasante Melange aus Schlager und Schreibmaschine, aus innerem Monolog, zarten Lyrismen und genau gehörter Umgangssprache, aus Werbeplakaten und Revuenummern.“ schrieb zum 100. Geburtstag der Autorin ein begeisterter Kritiker in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Da war Keun längst schon wieder populär – nach Jahren, in denen sie gänzlich in Vergessenheit geraten war. 

 

Nach dem Krieg und der Geburt von Tochter Martina, die 1951 zur Welt kam und deren Vater Keun stets geheim hielt, konnte die Schriftstellerin in der deutschen Literaturszene nur schwer wieder Fuß fassen. Sie verarmte langsam, lebte zurückgezogen und vernachlässigte ihr äußeres Erscheinungsbild. Ihr psychischer Zustand verschlechterte sich soweit, dass sie 1966 entmündigt und in die psychiatrische Abteilung des Landeskrankenhauses in Bonn eingewiesen wurde. Dort blieb sie sechs Jahre lang. 1982 starb Irmgard Keun an Lungenkrebs.

 

Bereits einige Jahre vor ihrem Tod wurden Literaturwissenschaftler, vor allem durch die Frauenbewegung, wieder auf Keuns Werke aufmerksam. Gilgi und Doris wurden wiederentdeckt und gewannen ein neues Lesepublikum. Keun selbst kündigte einige Jahre vor ihrem Tod ein weiteres Buchprojekt an. Ihre Autobiografie „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ sollte jedoch nie erscheinen. Und auch ein Manuskript dazu wurde nie gefunden. 

 

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Bettina Schlüter ist Studentin der Germanistik und Anglistik und gerade dabei die letzten Examenshürden zu erklimmen. Sie schreibt regelmäßig für das Berliner Studentenmagazin "Spree" und arbeitet an der Entwicklung von Englisch-Lernsoftware beim Cornelsen Verlag in Berlin mit. Neuerdings hat sie die Blog-Welt für sich entdeckt und versucht sich nun auch an einem eigenen

 
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