Weibchenschema

Ist Heiraten Frauensache?

Her mit dem Ring, ab vor den Traualtar. Es ist Wonnemonat Mai. Und somit: „Same procedure as every year.“

Von: Bärbel Kerber

vom 30.04.09

Bevor die Hochzeitsglocken läuten, ist ordentlich Arbeit angesagt. Welche Ringe, welche Sitzordnung, wohin die Flitterwochen? Da kann der schönste Tag im Leben schon vorher in Stress ausarten. Na, Gott sei Dank, gibt’s Hilfe am Kiosk: Brautmagazine, Hochzeitszeitschriften und sogar welche, die sich eigens und allein mit den Blumen für den großen Tag beschäftigen. Dabei wendet sich alles zunächst mal an SIE – denn der Mann scheint seltsam außen vor.


Wir wissen es ja längst: Frauen wollen unbedingt heiraten und träumen vom Liebesschwur in Weiß. Und Männer geben irgendwann widerwillig und dann nach, wenn sich keine Gegenargumente mehr finden lassen. Zur Strafe muss frau dafür die Hochzeit und das ganze Drumherum selbst organisieren. So weit, so unveränderlich? Oder sieht die Wirklichkeit nicht doch ein wenig anders aus als Stammtischgespräche, Studien und die Hochzeitsindustrie nahe legen?


Heiraten ist ein dickes Geschäft. Auf den Euro wird dabei nicht geschaut – und das kommt satt ausstaffierten Hochzeitsmagazinen und deren Anzeigenkunden gerade recht. Im Durchschnitt heiratet man/frau ja nur ein-, vielleicht auch zweimal im Leben. Da sollte dann jedes Detail stimmen. Details, für die sich angeblich vor allem die Frauen interessieren, wie auch Anders Wallgren, Chefredakteur eines norwegischen Hochzeitsmagazins, glaubt:, Denn „sie treffen die Entscheidungen in Sachen Hochzeit“. Gibt es da gar keine Zweifel?


Heiraten ist ein müßiges Geschäft. Zuerst müssen die Männer nämlich überzeugt werden, dass sie überhaupt heiraten wollen. Doch Hilfe ist auch hier zu finden. Will „sie“ verstehen, warum „er“ sich sträubt, gibt es reichlich Communities, in denen sie den Rat ihrer Geschlechtsgenossinnen einholen kann. (Alleine bei brigitte.de gibt es ein Forum mit 1.292 Einträgen dazu.) Nun, wenn sie es endlich geschafft hat, beginnt die eigentliche Arbeit: das Fest, die Zeremonie zu organisieren. Dafür dann stehen ihr heute Magazine wie „Hochzeit“, „Hochzeitsplaner“, „Weddingstyle“, „Braut & Bräutigam“, „Hochzeitsträume“ zur Seite. Ganz zu schweigen von den gesammelten Hochzeitsportalen im Internet. Und den Buchratgebern. Und und und...


Dass sich das Thema „Hochzeit“ mit solch glamourösen Unterthemen wie Blumenschmuck, Kirche, Einladungen und Haarpracht schnell erschöpft hat und ein Hochzeitsmagazin nicht mit jeder Ausgabe neue Fragen, Tipps und Brautmoden aus dem Hut zaubern kann, macht den Redaktionen offensichtlich keine Kopfschmerzen. Die Leser sind schließlich bei jeder neuen Heftnummer immer andere. Kaum jemand kauft sich mehrmals ein solches Magazin. Da kann dann schon alter Wein in neuen Schläuchen präsentiert werden.


Was bleibt da für den Mann noch übrig? Richtig: Er darf die Ringe kaufen, sich um einen anständigen Anzug kümmern und die Rede halten. Viel ist das nicht. Und dafür ein eigenes Magazin auszuloben, war von den Briten schon mutig. Zu mutig. Nach schon neun Ausgaben wurde „Stag and Groom“ (also „Junggeselle und Bräutigam“ auf Deutsch) - das bislang einzige Hochzeitsmagazin, das explizit Männer ansprach – wieder eingestellt.


Über die Gründe kann man nur spekulieren. Vielleicht will die Zukünftige das Zepter bei der Hochzeit dann doch so leicht nicht aus der Hand geben? Weil sie am „schönsten Tages ihres Lebens“ schließlich im Mittelpunkt steht – stehen will?? Nun, es könnte durchaus anders laufen. Wenn man die Männer fragen würde. Die hätten das Fest vielleicht lieber etwas legerer. Oder unkonventioneller. Rebellischer. Oder ist auch das nur wieder ein Klischee? „Das Gefühl braucht Opposition. Wenn man schon aus Liebe heiratet, sollten wenigstens die Eltern dagegen sein“, sagte jedenfalls einst der Essayist und Kritiker Hermann Bahr.

 

Traditionen ändern sich. Zum Beispiel ist das Alter der Brautleute heute deutlich höher als früher, und immer mehr Bräute suchen Alternativen zu einem weißen Brautkleid. Neue Zeitschriften wie die amerikanische „With this Ring“ versuchen, diese Klientel zu bedienen und zeigen nebenbei, wie man das Stichwort „Diversity“ auch bei der Hochzeitsplanung ernst nehmen kann - und mit ihm auch die Bedürfnisse von bikulturellen und homosexuellen Eheschließungen. Es ist also möglicherweise nur eine Frage der Zeit, bis auch die Bräutigame in spe überholte Rollen abschütteln und sich mehr bei den Vorbereitungen engagieren.

 

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Fotonachweise:

 

1.papaleguas (stock.xchng)

2. kallejipp (photocase.com)

3. costi (stock.xchng)

4. konr4d (stock.xchng)