Abgefragt

Ist mal was anderes!

Früher haben sie mit ihren Fragen uns das Leben "schwer" gemacht. Jetzt waren sie an der Reihe, einmal Rede und Antwort zu stehen.

Ein Gespräch mit fünf Berliner Lehrern zum Thema „Erziehung und Schule - heute“. Wer erzieht eigentlich wen? Wie verhält es sich mit Gewalt an Schulen? Sind Ganztagsschulen und Erziehungscamps sinnvolle Lösungen, um einem Erziehungsauftrag gerecht zu werden, mit dem Eltern sich mittlerweile oft auch überfordert fühlen? Was denken Bernd (58), Inga (54), Manuela (58), Peter (58) und Silvia (50)?

Wie steht ihr persönlich zum Thema geteilter Erziehungsurlaub?
Schweigen.
Peter: Wie meinst du denn das jetzt?

Nachfrage an die Männer: Na, würdet ihr theoretisch die Kinder hüten und eure Frauen weiter arbeiten lassen?
Bernd: Generell schon. Sogar sehr gerne. Ist mal was anderes und eine Abwechslung zum Schulalltag.
Peter: Ich kann mich da nur schwer hineinversetzen. Aber ich hab auch eigentlich kein Problem damit, 18 Jahre – solange geht das doch – „rauszukommen“. Grinst.

Nachfrage an die Frauen: Und würdet ihr diese Erziehungsaufgabe den Männern zutrauen und sie überhaupt abgeben wollen?
Silvia: Zutrauen, ja! Abgeben, nein! So was erlebt man ja nur einmal.
Manuela: Zutrauen, ja! Abgeben, nöööööö!

In unserer Gesellschaft wird Kindererziehung in zunehmendem Maße aus dem Elternhaus heraus in öffentliche Institutionen wie Kindergärten und insbesondere Schulen verlagert. Entspricht das auch euren Erfahrungen?
Einstimmiges Nicken.

Ist die Ganztagsschule eurer Meinung nach geeignet, dieser Erziehungsaufgabe gerechter zu werden?
Bernd: Nein!
Inga: Teilweise ja. Sie reicht aber nicht und ist kein Ersatz für elterliche Erziehung, das muss klar sein. Angebote müssen definitiv erweitert werden.
Manuela: Nein, das kann sie nicht sein. Man muss da einfach zweigleisig fahren. Angebote für Schüler erweitern, ja. Aber eben auch Eltern befähigen, denke ich.
Inga: Genau. Jugendliche unterstützen und sie dann auch schon pädagogisch vorbilden.
Bernd: Ich bin der Meinung, man müsste Eltern wirklich stärker in die Verantwortung hineinnehmen.
Inga: Aber wie?
Manuela: Ja, eben?
Peter: Wer definiert eigentlich, wie Eltern mit Erziehung umzugehen haben? Der politische Überbau passt sich an, und Eltern fühlen sich gar nicht mehr verpflichtet, ihr Denken verändert sich.

Was haltet ihr denn von der Einrichtung von Erziehungscamps nach amerikanischem Vorbild?
Bernd: Ich weiß gar nicht genau, wie das dort abläuft. Da fehlt mir die Einsicht.
Inga: Na, ich finde sie auf jeden Fall besser als den einfachen Jugendknast. Besser als nur „du, du“.
Silvia: Sie bauen vor allem wohl auf der fehlenden Konsequenz in der elterlichen Erziehung auf. Konsequenz muss sein.
Peter: Geld ausgeben, wenn es zu spät ist – das ist gefährlich, finde ich. So werden mehr Mittel für im Grunde umfunktionierte Gefängnisse locker gemacht.

In letzter Zeit sind in den Medien Fälle, in denen Schüler Lehrer schlagen, mit Gegenständen bewerfen oder anspucken, bekannt und diskutiert worden. Seid ihr persönlich oder einer eurer Kollegen schon einmal tätlich angegriffen worden?
Bernd: Nein, ich nicht, aber ein Kollege von mir. Klaus. Ich selbst bin mal bedroht worden.
Manuela: Ich bin einmal geschlagen worden. Naja, ich hab versucht zu schlichten und habe es abgekriegt, ich war gar nicht gemeint. In Kreuzberg habe ich gelernt, Abstand zu halten.
Silvia: Nur eine Kollegin hat das einmal erlebt, auch durchs Einmischen in einen Streit. Eine andere Kollegin ist mal bedroht worden nach dem Motto „Ich weiß, wo Ihr Auto steht.“
Inga: Auf mich ist einmal ein Schüler zugestürmt, aber von drei anderen Schülern zurückgehalten worden.
Peter: Bei mir sind ja die Schüler aus dem Gröbsten raus. Gegenüber uns Lehrern werden sie wirklich selten ausfällig.

Die letzte Frage: Security an den Schulen – in Berlin trifft das bereits in 5 Fällen zu. Wie schätzt ihr den Bedarf danach ein? Ist das nur etwas für Schulen in Brennpunkt-Bezirken?
Bernd: Ja.
Inga: Ja.
Manuela: Ich denke, das ist echt ganz gut.
Peter: Stigmatisiert, finde ich.

Nachfrage: Und wie schätzt ihr den Einfluss des Security-Services auf die allgemeine Stimmung und Lernatmosphäre an diesen Schulen ein?
Silvia: Doch, so wird Ruhe an den Schulen geschaffen. Und sich aufs Lernen konzentriert.
Bernd: Na, abwarten würde ich sagen, wie so die Erfahrung aussehen wird. Das Ganze, gibt’s ja noch nicht lange.
Peter: Aber wie sieht das mit den Weisungsbefugnissen aus?
Inga: Ich denke, es hat vor allem einen symbolischen Charakter: Es hält erstmal ganz schön ab.
Peter: Ja, aber meinst du wirklich, das hätte Einfluss auf den Unterricht und die Situationen in den Klassen?
Silvia: Auf dem Schulhof sicherlich.
Bernd: Bei unseren Abschlussbällen müssen wir auch einen Securityservice in Anspruch nehmen – so passiert aber auch schon seit Jahren nichts mehr.
Peter: Ja, aber wofür haben wir eigentlich die Polizei? Die bezahlen wir doch. Und die Securityleute dürfen vieles ja nun gar nicht.
Inga: Polizei an den Schulen wäre noch einmal einen Zacken schärfer.
Peter: An meiner Schule haben wir mal probiert, bei jeder Gelegenheit die Polizei zu rufen. Das hat gewirkt.
Silvia: Ja, aber die Securityangestellten haben auch einen hohen Identifikationswert. Sind ja viele Türkischstämmige dabei und somit eher Respektpersonen für die vielen Schüler nicht-deutscher Herkunft, grad in Kreuzberg.