Starke Frauen

Jedes Heft ein Abenteuer

Die Journalistin Sineb El Masrar hat ein Magazin für Frauen geschaffen, das den Dialog zwischen den Kulturen sucht.

Die junge multikulturelle Frauenzeitschrift „Gazelle“ ist bislang noch weitgehend unbekannt, doch einen prominenten Leser hat sie bereits: „Die 'Gazelle' ist die einzige Frauenzeitschrift, die ich lese“, bekennt der TV-Moderator und Autor Roger Willemsen auf der Leserbriefseite der jüngst erschienenen dritten Ausgabe. Durch sie habe er „die Welt der muslimischen Frauen ganz neu kennen gelernt“. Es ist gut, dass die „Gazelle“ so einen Fürsprecher hat: Das Heft, das über Frauen mit Migrationshintergrund berichtet, ist ambitioniert, doch seine Zukunft noch ungewiss.

„Es ist immer wieder ein Abenteuer, wie das Heft Schritt für Schritt entsteht und sich wie ein Puzzle zu einer abwechslungsreichen Lektüre zusammenfügt – und dies noch immer unter schwierigen Verhältnissen“, schreibt die Chefredakteurin der „Gazelle“, Sineb El Masrar, im Editorial. „Noch immer“ sei das Heft „aus dem Gröbsten leider noch lange nicht heraus“. Das Magazin erschien erstmals im Juli 2006, doch immer wieder gab es personelle, finanzielle und organisatorische Probleme. Die Sommerausgabe habe man nicht rechtzeitig fertigstellen können, schreibt El Masrar, deshalb sei aus dieser dritten Ausgabe nun eine Herbstausgabe geworden. Dieser Mut zum Provisorischen ist charmant, und es ist zu wünschen, dass es den insgesamt 23 Mitarbeitern gelingt, weitere Ausgaben herauszubringen.

Die „Gazelle“ will den Austausch zwischen den Kulturen fördern, und das ist auch immer noch nötig. So erzählt die 26-jährige Studentin Nadja in einem Interview von den Reaktionen ihrer Familie auf ihren afrikanischen Freund Marcel: „Freunde haben kann man ja, solange man sie nicht gleich heiratet“, habe man ihr bei einer Familienfeier gesagt. Doch natürlich haben auch fremde Kulturen Vorurteile über Deutsche: Dass Marcel eine weiße Freundin hat, sei für seine Verwandten „zunächst eine Katastrophe“ gewesen, sagt er. Seine Familie habe gedacht, dass Nadja so wäre, „wie sie sich alle weißen Frauen vorstellen, das heißt arrogant, machtsüchtig und leicht zu haben“.

Die Titelgeschichte ist eine Portraitserie über 13 Frauen aus unterschiedlichen Nationen, die erzählen, woher sie kommen. „Sie sind hier nicht die Objekte, über die berichtet wird, sie sind die handelnden Personen selbst“, heißt es im Vorspann. Die Portraits sind jeweils in zwei Sprachen abgedruckt: auf deutsch und in der jeweiligen Muttersprache der Frau. Genau dieses Nebeneinander der Sprachen illustriert wohl am besten das, was Roger Willemsen in seinem Leserbrief schrieb: „Von 'Verständigung' und 'Dialog' wird gerne geleitartikelt, hier findet er wirklich statt.“ Ist die eigene Biographie mit unterschiedlichen Zugehörigkeiten gespickt, ist es auch im Alltag immer ein Nebeneinander von unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Denkweisen. Bahar Kizil, eine deutsche Rechtsanwaltsfachangestellte mit kurdischen Eltern, sagt über sich: „Ich bin ein Baum mit kurdischen Wurzeln, einem türkischen Stamm und einer deutschen Krone.“

Das Design der „Gazelle“ ist jedoch etwas altbacken, und der Grund, warum die Zeitschrift ausgerechnet einen Tiernamen trägt, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. „'Gazelle' ist im Orient ein sehr geläufiger Kosename und Frauenname zugleich“, erklärt Chefredakteurin El Masrar. „Mit einer Gazelle assoziert man hier ein scheues und wehrloses Tier. Doch es weiß sich zu verteidigen und wird oft unterschätzt.“ Dies treffe auch heute noch auf viele Frauen zu: „Die 'Gazelle' soll sie aber daran erinnern, ihren Weg dennoch zu gehen, auch wenn sie dabei oft genug mit ungläubigen Augen angesehen werden“, sagt El Masrar.

Wohltuend hebt sich die „Gazelle“ von anderen Frauenmagazinen und deren Themensetzung ab: Nur zwei Texte handeln von Körperpflege und Rezepten, und selbst diese sind keine Tipps ,sondern längere Texte, die von fremden Kulturen erzählen. Der Zeitschrift ist es auch offenbar wichtig, sich von anderen Frauenmagazinen abzugrenzen – sonst würde das Inhaltsverzeichnis wohl auch ohne den ironischen Seitenhieb auf andere Magazine („... und auch in dieser Ausgabe NICHT dabei: Die neue Augenschminkschule auf 32 Seiten, Todsichere Sauerkraut-Diät: 18 Kilo in zwei Wochen!, Skandale aus Hochadel, Flachadel und Steinadel“) auskommen.

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Kathrin Klette (29) arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt das Weblog „kathrins corner“.