Wissenswertes

Journalistinnen in Europa - mit Köpfchen durch die "gläserne Decke"?

Die Zukunft ist weiblich. Grammatikalisch ist das verbürgt. Aber stimmt das auch für den Journalismus?

Von: Tina Groll

vom 30.01.08

Deutschland wird seit zwei Jahren von einer Frau regiert, wie überhaupt in vielen europäischen Staaten sich die Frauenquote in der Politik in den vergangenen Jahren erheblich verbessert hat. Wie sieht es im Vergleich dazu in den Medien aus? Frank Schirrmacher, FAZ-Macher, sprach schon vor einiger Zeit von einer „Männerdämmerung“, die hier zu beobachten sei: „Frauen übernehmen die Bewusstseinsindustrie.“ Doch bislang sprechen die Zahlen eine etwas andere Sprache: In den Führungspositionen der Medien machen Frauen heute nämlich nach wie vor nur einen Bruchteil aus – über die europäischen Grenzen hinweg. Wobei Deutschland allerdings noch einmal ein Schlusslicht darstellt.

Der Grund? Europaweit scheinen Männer und Frauen zunächst einmal ein von- einander abweichendes Karriereverständnis zu haben. Während für Männer die Erwerbsarbeit ein normaler Teil der Biografie darstellt, ist Berufstätigkeit für Frauen häufig noch immer etwas, das neben einer Familienzeit stattfindet – insbesondere in Deutschland. Wie vereinbare ich Job und Kinder? Die Frage stellt sich vielen Frauen gerade auch im Journalismus, wo die Anforderungen sehr hoch sind: Überstunden, Wochenendarbeit, Kontaktpflege beanspruchen die zeitlichen, physischen und psychischen Kapazitäten enorm.

Wer Kinder zu versorgen hat, gerät auf der Karriereleiter schnell ins Hintertreffen. Denn Karriere wird an festen Kriterien ,wie Position, Einkommen und Macht gemessen. Kriterien, die von der Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim als „typisch männlich“; bezeichnet werden. Frauen hingegen scheinen ihre Karriere viel häufiger an subjektiven Kriterien zu messen: Selbstverwirklichung, Erfüllung und Verantwortung.

Die neuesten Berufsfeldstudien für den Journalismus aus Deutschland und Österreich belegen: Journalistinnen kommen vor und auf der Karriereleiter weit(er) – aber nur wenige stoßen durch die „gläserne Decke“.

Die jüngste repräsentative Journalismus-in-Deutschland-Studie, die sogenannte JouriD-Studie, von den Kommunikationsforschern Siegfried Weischenberg, Maja Malik und Armin Scholl stellte 2006 fest, der Frauenanteil im Journalismus liege bei 37 Prozent, wobei allerdings die Definition, wer als Journalist zu gelten hat, hier sehr eng gefasst wurde: Hier wurden nur Medienmacher gezählt, die mehr als 50 Prozent ihres Einkommens aus journalistischer Tätigkeit beziehen. Ein Frauenanteil von 37 Prozent aber – ist vermutlich nicht ganz das, was man unter einer „Männerdämmerung“ in den Medien zu verstehen hat?

Ein Blick in alte Berufsfeldstudien zeigt, dass aber dennoch zumindest einiges in Bewegung und voran gekommen ist, was die beruflichen Aussichten von Frauen im Journalismus angeht. 1978 führten Irene Neverla und Gerda Kanzleiter eine repräsentative Erhebung durch und ermittelten einen Journalistinnenanteil von 17 Prozent. Journalistische Arbeit von Frauen fand anscheinend mehrheitlich in „typisch weiblichen“ Ressorts ,wie Familie, Soziales und Unterhaltung statt. Außerdem konnten auch Neverla und Kanzleiter nachweisen, dass in Führungspositionen und damit auch in den gehobenen Einkommensgruppen Frauen kaum zu finden waren.

Der Kommunikationsforscher Siegfried Weischenberg errechnete 1994 einen Frauenanteil von 31 Prozent, der aber unter den Journalisten in der Altersgruppe ab 30 Jahren auf einmal sinkt. Weischenberg kam so zu dem Ergebnis, „dass die durchschnittliche Journalistin ihren Aufstieg aufgrund ihres Geschlechts verpasst hat.“

Ist das Missverhältnis von Männern und Frauen im Journalismus ein deutsches Phänomen? Es sieht so aus.

Vergleichen wir mit Österreich: Dort liegt der Frauenanteil unter den Journalisten bei immerhin 42 Prozent (gegenüber den heute mittlerweile 37 Prozent in Deutschland). Trotzdem kommen die österreichischen Forscher zu ähnlichen Erkenntnissen: „Frauen im Journalismus sind jünger und besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen, verdienen aber weniger“, so die Autoren der Studie „Der Journalisten Report“.

Je jünger, desto mehr Frauen, und je älter, desto häufiger findet man Männer im Beruf des Journalisten – auch das ist in beiden Ländern gleich. Und auch die Verteilung der Frauen auf die verschiedenen Mediensparten ist in beiden Ländern ähnlich: Die höchste Frauenquote verzeichnet in Österreich das Fernsehen (46 %), kaum anders ist es in Deutschland (40 %). Bei Tageszeitungen liegen die Frauen sowohl in Österreich als auch in Deutschland dagegen unterhalb des Durchschnitts (je 34%). Und noch eine Aussage kommt uns bekannt vor: „Überspitzt formuliert: Journalistinnen kommen am leichtesten bei Frauenmagazinen unter.“

An den Startbedingungen kann das nicht liegen. Jedenfalls sprechen die Zahlen da eine andere Sprache. Seit Mitte der 1980er liegt der Frauenanteil in Deutschland unter den Volontären und Journalismusstudenten bei 50 Prozent, auch die Berufseinsteiger sind zur Hälfte weiblich. „Aber in der Altersgruppe ab 30 Jahren sinkt der Anteil auf einmal. Die Frauen verschwinden“, sagt auch heute noch die Kommunikationswissenschaftlerin Maja Malik.

Der Berufsausstieg fällt mit dem Zeitpunkt der Familiengründungsphase zusammen. Während die Frauen aus dem Beruf aussteigen oder auf den hinteren Positionen zurückbleiben, erklimmen die Männer die Karriereleiter. Und somit ist nicht verwunderlich, dass die Journalistinnen weniger Einkommen haben als ihre männlichen Kollegen – im Mittel verdienen sie zwischen 2000 und 3000 Euro brutto. Grund: Sie arbeiten häufiger bei den prestigeärmeren Medien, in den unteren Positionen und in Teilzeit. Die Frauen kommen also qua Geschlecht nicht in die Führungspositionen – und dieses Phänomen beschränkt sich nicht allein auf Deutschland.

Auch die Kommunikationswissenschaftlerin Margret Lünenborg hat 1997 festgestellt, dass der Journalismus mehrheitlich von Männern gemacht wird, aber die Anzahl der Frauen im Journalismus in einigen Staaten gestiegen sei. In Lünenborgs Studie war Dänemark mit 32 Prozent Frauen im Journalismus besonders gut vertreten. Das ist auch zurückzuführen auf die schon in den 90er Jahren gut verfügbaren Angebote zur Vereinbarkeit privater, familiärer und beruflicher Interessen.

In Deutschland wurde die „ein Drittel“-Grenze von Frauen im Journalismus erst jetzt überschritten. Woran das liegt? Die Antwort ist komplex. Oft genug spielt die Kinderfrage hier eine entscheidende Rolle. Oft aber ist es auch ein anderes Verständnis von Karriere, das zum Tragen kommt.

Für das Gros der Frauen gilt nach wie vor ein Gesetz der Unvereinbarkeit von journalistischem Beruf und Mutterschaft. In Deutschland sind Teilzeitstellen noch immer rar, Quoten gibt es (fast) nur beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Betriebskindergärten sind eine Ausnahmeerscheinung. In anderen europäischen Staaten sieht das viel besser aus. Wie aber Studien zeigen, erklärt das noch lange nicht alles. Denn die Mehrheit der Journalistinnen steckt gar nicht in einer Mutterrolle – und macht dennoch eher selten Karriere. „Weil sie Karriere nach einem weiblichen Verständnis definieren“, meint die Kommunikationswissenschaftlerin Johanna Schwenk.

Für Frauen wird Karriere eher da möglich, wo es „weibliche Spielwiesen“ gibt, glaubt auch Maja Malik. Dazu gehören beispielsweise Frauenzeitschriften oder der private Rundfunk, wo der Frauenanteil seit jeher höher war als bei den politischen Magazinen. Wo dagegen männliche Arbeits- und Umgangsformen herrschen, „Ellenbogenmentalität, offener Konkurrenzkampf und Kumpanei“, bleiben die Frauen fern. Die Konferenz als Bühne für den Hahnenkampf: Viele Frauen wollen sich das schlichtweg nicht antun. Andere wiederum fürchten eher die Repressalien, die zu erwarten sind, wenn Frauen in Männerdomänen nicht nach dem Weibchenmuster ticken: Eine Journalistin, die hart nachfragt, gilt als „eiskalt“, ein Journalist hingegen als „harter Hund“ oder gar „eloquent“.

Nicht allen aber fallen die Geschlechterstereotypen, mit denen Frauen im Journalismus zu kämpfen haben, sofort ins Auge. „Die Frauen müssen wahrnehmen, dass es geschlechtsspezifische Benachteiligung überhaupt gibt“, erklärt deshalb auch Johanna Schwenk als eine Erkenntnis aus ihrer Doktorarbeit. Viele würden ihr Zurückbleiben auf den unteren Positionen oft für persönliches Scheitern halten, pflichtet auch Marlies Hesse bei. Sie ist Geschäftsführerin des deutschen Journalistinnenbundes und war viele Jahre lang in der Intendanz des Deutschlandfunks tätig. „Ich war sowieso eine Ausnahme: weiblich, berufstätig, kinderlos und ledig“.

Für andere wiederum stellt ein Zurückbleiben auch eine bewusste Entscheidung dar. Die Fernsehjournalistin Wibke Bruns hat es für sich so erklärt: „Ich habe Freunde, ich habe Familie, ich koche gern – alles Dinge, für die du nie Zeit hast, wenn du in einer Führungsposition bist.“

Nicht immer also ist es die „gläserne Decke“ allein, die Frauen im Journalismus ausbremst. Was aber ist mit denen, die unbedingt „nach oben“ wollen – und dabei doch an diese zu stoßen drohen?

„Die müssen netzwerken!“ meint Marlies Hesse. Der deutsche Journalistinnenbund tut dies seit seiner Gründung vor zwanzig Jahren. Denn Netzwerke – gleichgeschlechtliche und gemischtgeschlechtliche – erweisen sich immer wieder als Karriereschmieden, in denen Frauen aufholen können.

Wie lange sie das noch müssen? Zumindest eines zeigt die Geschlechterforschung in den europäischen Staaten doch auch ganz deutlich: Es wächst eine neue Generation von Frauen heran, die in dem Bewusstsein groß werden, dass die Hälfte der gesellschaftlichen Teilhabe ihnen gehört. Sie machen sich auf den Weg, diese zu erobern – nicht nur in den Medien. Diese jungen Frauen gehen Wege, die längst keine unwegsamen mehr sind. Sie gehen sie in Stöckelschuhen, Flip-Flops oder Stiefeln – und mit der guten Gewissheit, dass die Zukunft weiblich ist.

Denn das ist grammatikalisch verbürgt. Und Frank Schirrmacher wird sich wohl daran gewöhnen müssen.

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Tina Groll hat sich mit dem Thema „Karrierechancen und Karrierestrategien von Frauen im Journalismus“ immer wieder beschäftigt. Demnächst wird ihr Sachbuch "Beruf Journalistin: Von kalkulierten Karrieren und behinderten Berufsverläufen" im VDM-Verlag erscheinen.

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Fotonachweise:

1. Davide Gyglielmo (via stock.xchng)
2. Matthew Bowden (via stock.xchng)
3. krizleebear (via photocase.com)
4. krockenmitte (via photocase.com)
5. *Gräfin (via photocase.com)
5. zettberlin (via photocase.com)