Fürs Auge

Kaffeehausszenen – Teil 2

Das Kaffeetrinken in der Öffentlichkeit gehört zum Großstadtleben und hat eine lange Geschichte und Tradition. Wo heute der „Coffee to go“ auf Trab hält, war es vormals das Kaffeehaus, das mit seiner besonderen Atmosphäre für Anregungen sorgte – und sehr viel Einfluss auf Kunst und Kultur nahm.

Eine andere und bis heute gegenwärtige Facette der Kaffeehauskultur ist die Entstehung von Künstler- beziehungsweise Literatencafés - ein sozialgeschichtlich wie auch psychologisch interessantes Phänomen, das hier ein wenig genauer betrachtet werden soll.

 

Dass so viele Kunstschaffende gleichzeitig auch eifrige Kaffeehausbesucher waren, dafür gab es natürlich zahlreiche Gründe. Und zunächst auch erst einmal sehr praktische Hintergründe: Schon das bis heute berühmte „Caffè del Greco“, von einem Griechen 1760 in Rom eröffnet, hatte seinen Gästen nämlich nicht nur genüssliche Minuten, sondern auch handfestere Vorzüge zu bieten: Für Italienreisende früherer Jahrhunderte war das Lokal zum Beispiel die erste Kontaktadresse nach einer Ankunft in Rom. Man ließ sich hierhin die Post senden, traf Bekannte und regelte Unterkunftsprobleme. Mit diesen Möglichkeiten wurde das „Caffè  Greco“ etwa auch zum Mittelpunkt des deutschen Künstlerkreises, der hier zu Goethes Zeiten dominierte.

 

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand im „Caffè Greco“ die Gründung einer sezessionistischen Künstlervereinigung statt. Da diese jährliche Ausstellungen organisierte, schuf sie die Basis für die später in Venedig veranstaltete erste Kunst-Biennale. Das Künstlercafé – es hatte eben auch diese Funktion: Einer Gruppe einen inneren Zusammenhalt und ein ganz eigenes Gepräge zu geben. Verschiedene Künstlerkreise sind so auch unmittelbar ganz bestimmten Kaffeehäusern immer wieder zuzuordnen:  Im Pariser „Lapin agile“ scharte Picasso seine Anhänger um sich, und am Boulevard Montparnasse verkehrten Matisse und sein Kreis im „Café du Dôme“. Solche „Stammtische“ erleichterten es dem Neuankömmling, Anschluss zum lokalen intellektuellen Leben zu finden. Daneben hatte das Kaffeehaus allerdings auch eine ganz profane Bedeutung als „Wärmehalle“ (vor allem im Winter und in Anbetracht der schlechten Wohnverhältnisse der meisten Künstler). 

 

 

Das Publikum der damaligen Kaffeehäuser bestand neben  Künstlern und Gestalten der Halbwelt-Szene immer auch aus bürgerlichen „Zuschauern“ - potenziellen Gönnern ebenso wie Käufern .  Darin lag ein weiterer Vorteil: Weniger intim und exklusiv als im Salon, kam man an diesem Ort leicht und mit vielen vom Publikum in Kontakt. Und mitunter auch zu einer guten Verhandlungsposition in eigener Sache.

 

 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte ein Wiener Kaffeehausbesitzer  die Idee, möglichst viele Zeitungen in seinem Lokal auszulegen. Ein weiterer Anziehungspunkt war damit geschaffen, der intellektuell interessierte Gäste anlockte. Da der Pressebetrieb zu dieser Zeit noch kaum entwickelt war, wurde das Kaffeehaus in diesem Zusammenhang zu einer wichtigen Verbreitungsquelle gedruckter Nachrichten und so mancher veröffentlichten Meinung. Und nebenbei hatte es nicht selten die Aufgabe, sogar selbst als Redaktionsraum zu dienen. Walter Benjamin kommentierte diese Zusammenhänge: „Der Kaffeehausbetrieb spielte die Redakteure auf das Tempo des Nachrichtendienstes ein, ehe noch dessen Apparatur entwickelt war.“

 

 

Welche besondere  Rolle das Kaffeehaus innerhalb der Geistesgeschichte spielte, ist immer wieder betont worden. Und auch, dass es nicht nur praktische Vorteile waren, die an diesem Ort gesucht wurden - sondern auch der Reiz der Inspiration. In seinem Buch “Dichter im Café“ kommt Hermann Kesten auf diesen Aspekt zu sprechen. „Ein großer Teil des Lebens hat Platz im Kaffeehaus. Von der Liebe zum Tod, vom Spiel zum Geschäft …“ Die Anregungen, die viele Künstler und Schriftsteller aus diesem spezifischen Ambiente schöpften, ließen das Kaffeehaus nicht selten „zum Nährboden ihres Schaffens“ werden.

 

 

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Abbildungen in Reihenfolge:

 

01. Vincent van Gogh: „Caféterasse bei Nacht“ (1888).

 

02. Café Greco in Rom, 1760 eröffnet. Schon Goethe genoss hier 1786 auf seiner Italienreise den Kaffee, auch Wagner, Mendelssohn, Stendhal, Liszt und Casanova zählten zu den Gästen.

 

03. Blick auf das Lapin Agile, ein kleines traditionsreiches Kabarett und legendärer Treffpunkt der Pariser Bohème auf dem Montmartre.

 

04. „Im Café Guerbois“, Lithographie nach einer Zeichnung Edouard Manets aus dem Jahr 1869. Das Bild zeigt das bekannte Pariser Künstlerlokal, nahe dem Atelier des Malers gelegen.

 

05. Henri Gervex: „Szene in einem Pariser Café“ (1877).

 

06. Das Lokal, das Vincent van Gogh zu seinen Bildern "Caféterasse bei Nacht" und " Das Nachtcafé" inspirierte, existiert heute nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich an der Place de Forum in Arles nurmehr eine Kopie des Original-Etablissements, die auch unter dem Namen "Cafe van Gogh" viele Gäste anlockt.

 

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Anke von Heyl ist eine Kölner Kunsthistorikerin, die gerne für Kultur begeistern möchte. Dazu schreibt sie in ihrem Weblog - und nun auch für MissTilly.

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