Fürs Auge

Kaffeehausszenen – Teil 3

Das Kaffeetrinken in der Öffentlichkeit gehört zum Großstadtleben und hat eine lange Geschichte und Tradition. Wo heute der „Coffee to go“ auf Trab hält, war es vormals das Kaffeehaus, das mit seiner besonderen Atmosphäre für Anregungen sorgte – und sehr viel Einfluss auf Kunst und Kultur nahm.

In Berlin entstand in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg eine Kaffeehauskultur, die entscheidenden Einfluss auf Kunst und Literatur nahm. Die einzelnen Kaffeehäuser, das „Romanische Café“, das „Café Josty“, das „Café des Westens“ und andere mehr, waren Mittelpunkt der kulturellen Ereignisse jener Zeit.

 

 

Keines der zahlreichen Lokale war jedoch in seiner Bedeutung dem am Kurfürstendamm gelegenen „Café des Westens“ ebenbürtig, das wegen der zahlreichen schillernden Persönlichkeiten, die hier verkehrten, auch „Café Größenwahn“ genannt wurde. Als Begegnungsstätte für Künstler, Schriftsteller einbegriffen, trug der Ort wesentlich zur Entstehung des Expressionismus in Berlin bei. Die Begegnungen im „Café Größenwahn“ gelten als legendär und haben die Kunst- und Literaturgeschichte immer wieder in Atem gehalten.

 

 

Ein Literatenstammtisch war hier zu finden, um den sich viele junge Schriftsteller, die den literarischen Expressionismus begründeten und prägten, versammelten: Georg Heym, Jakob von Hoddis, Ernst Blass und Carl Einstein.

 

Für sie war das Kaffeehaus mehr als nur ein Treffpunkt. Es war  Kommunikationszentrum und Schule zum „Künstler-Sein“ zugleich. Ernst Blass hatte diese Auffassung in einem Zeitungsessay formuliert:

 

„Im Café, da war noch die Seele etwas wert. Ja, es war eine Erziehung zum Künstler in dieser Institution. Es war auch ein Zufluchtsort und ein unparlamentarisches Parlament. Auch der Furchtsame, Schweigsame lernte das Reden und den Ausdruck. Man lernte sich auf das zu besinnen, was einem wirklich am Herzen lag. Es war eine Erziehung zur Gefühlswahrheit.“

 

Den Künstlern wichtig war allerdings auch die besondere Vermischung der Sphären von Kunstbetrieb und Alltäglichem, die im Kaffeehaus an der Tagesordnung war. John Höxter hat in seinem Buch „So lebten wir. 25 Jahre Berliner Boheme“ diese Vermischung zu schildern versucht:  Während der Literatenstammtisch sich Gedanken über die „Fortgeschrittene Lyrik“ machte, ging es ganz nebenbei auch um „Hausschlüsselfragen“ rundum geteilter Wohnungen, am Nebentisch führten „Karl Kraus und Theodor Loos (…) ihre neueste Entdeckung, den Maler Oskar Kokoschka, den Berlinern vor“, und der russische Hofrat Dr. von Rosenberg verlieh sein Geld an den „abgebrannten“ Erich Mühsam. Wie John Höxter, so haben viele Künstler und Literaten das „Café des Westens“ in ihren Lebenserinnerungen und Essays verewigt. Dieses Kaffeehaus war für einige Jahre das Zentrum der expressionistischen Bewegung. Die Atmosphäre, die in diesem, von der Ausstattung her ganz unscheinbaren Lokal herrschte, wurde von vielen als Quintessenz eines modernen Lebensgefühls angesehen, das Ernst Blass so zu benennen versuchte:

 

„In der Luft lag van Gogh, Nietzsche, auch Freud, Wedekind. Gesucht wurde der postrationale Dionysos.“

 

 

Seit 1910 lässt sich das „Café des Westens“ mit einigem Recht als das Redaktionsbüro der Zeitschrift „Der Sturm“ bezeichnen, die von Herwarth Walden in jenem Jahr als Organ der neuen Kunstauffassung gegründet wurde. Fast jeden Abend gab es einen Stammtisch, an dem Mitarbeiter zusammenkamen und Kontakte geknüpft wurden – zu Künstlern, die in der Zeitung präsentiert werden sollten. „Dort erschienen Dinge, die uns angingen und anregten. Kaffeehausextrakte, in zwangfreien, marktfreien Nächten empfangen“ kommentierte Ernst Blass.

 

Die meisten der Lyriker, die im „Café des Westens“ verkehrten, schrieben allerdings für die Zeitung „Die Aktion“, die sich ebenfalls als Sprachrohr des Expressionismus verstand. Iwan Goll veröffentlichte hier im Jahr 1914 ein Gedicht mit dem Titel „Café“: 


„Alle Mitmenschen der Stadt
waren nur staubige, blasse Laternen.
Wuchernd mit fremdem Licht -
Nur hier fand ich Freunde

(…)

 

Das Thema des „Kaffeehauses“ wurde allerdings nicht nur literarisch verarbeitet. Schon bald erschienen in der Zeitung „Die Aktion“ auch Grafiken, die dasselbe Motiv aufnahmen und so auch an die bildende Kunst weitergaben. Dabei war es in erster Linie die sehr enge persönliche Bindung der Künstler an „ihr“ Kaffeehaus, die hier inspirierte: Else Lasker- Schüler, eine zu phantasievoll übertriebenem Ausdruck neigende Schriftstellerin, beschrieb das „Café des Westens" etwa mit romantisierenden Worten so: Als eine „nächtliche Heimat (…), (unsere) Oase, (unser) Zigeunerwagen, (unser) Zelt, darin wir ausruhen.“

 

 

 

 

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Abbildungen in Reihenfolge:

 

01. Vignette "Café Größenwahn", zu finden bei Jürgen Schebera: "Damals im Romanischen Café", Verlag Das neue Berlin (Neuauflage 2005), Verwendung hier mit freundlicher Genehmigung des Autors

 

02. Lesser Ury: "Mädchen im Romanischen Café" (1911)

 

03. Foto vom Café des Westens, zur Verfügung gestellt von Jürgen Schebera: "Damals  im Romanischen Café", Verlag Das neue Berlin (Neuauflage 2005), Vielen Dank dem Autor

 

04. Buchcover zu "Café des Westens" (1988) mit Erinnerungen von Künstlern an den Kurfürstendamm, das hier zu finden ist.

 

05. Vincent van Gogh: "Das Nachtcafé" (1888)

 

06. Titel der Zeitschrift "Die Aktion" aus dem Jahr 1914 mit einer Illustration von Egon Schiele, die Carles Péguy zeigt.

 

07. Jean Béraud: "Im Café" (nicht datiert)

 

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Anke von Heyl ist eine Kölner Kunsthistorikerin, die gerne für Kultur begeistern möchte. Dazu schreibt sie in ihrem Weblog - und auch für MissTilly.