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Kaffeeklatsch. Die Stunde der Frauen

Lästerrunde mit Sahnetorten oder Teil einer weiblichen Gesprächskultur? Katja Mutschelknaus wirft Licht auf die Geschichte des Kaffekränzchen.

„In den rund 100.000 Jahren der Kulturgeschichte der Menschheit standen betrüblicherweise nicht nur die Frauen, sondern auch der Kaffeeklatsch die längste Zeit im Schatten der Historiographie. Für die Sache der Frauen hat sich das in den letzten 30 Jahren auf das Angenehmste gebessert, für den Kaffeklatsch hingegen gibt es noch einen gewissen Nachholbedarf.“

Heute gucken wir mit nachsichtigem bis höhnischem Lächeln auf all jene runter, die sich bei so etwas wie einem Kaffeeklatsch erwischen lassen. Das liegt nicht nur am Schlankheitswahn – Schlagsahne wird ja nun wirklich nur noch als abgemagerter Dekorationstupfer zu Desserts geduldet –, sondern mehr noch an einer anderen Angst:

Frauen wollen nicht mehr mit vermeintlich weiblichen Eigenschaften wie etwa dem Bedürfnis nach Klatsch identifiziert werden. Okay, Schminken ist immer noch feminin, das Lesen von Klatschblättern auch, aber Einladungen zu Kaffee und Kuchen? Mega-out, selbst mit Weight-Watchers-Keksen.

Im Zeichen von Starbucks und heimischen Espressomaschinen hat auch der altgeliebte „Bohnenkaffee“ an Prestige verloren. Das weibliche Gegenstück zu „man“ kann sich natürlich auch nicht mehr am Nachmittag treffen. Da muss noch dem Chef zugehört werden, und laut der Gourmetjournalistin Katja Mutschelknaus, die das schöne Kaffeeklatsch-Buch geschrieben hat, war der Nachmittag einfach die beste Klatschzeit. Weil „man“ dann die Pflichten des Hausfrauentages weitgehend erledigt und die Kuchen und Torten gebacken hatte, mit denen man Nachbarinnen und Freundinnen beeindrucken wollte.

Vorbei ist das alles. Aber spannend zu lesen ist das reich und sehr geschmackvoll bebilderte Buch trotzdem. Zwar wurden beim Kaffeeklatsch nicht gerade Revolutionen angezettelt (und wenn doch haben die beteiligten Frauen darüber eisern geschwiegen), aber seine Wurzeln reichen bis in den alten Adel des französischen Königsreiches, in die bildungsbürgerlichen Salons des kaiserlichen Berlins zurück, und in der Adenauer/Erhardschen Aufschwungzeit sorgten sie noch einmal für strahlende Blüten.

Naja, eigentlich reichen die Wurzeln bis nach Äthiopien und auf die Zuckerrübenfelder Preußens, denn Katja Mutschelknaus liefert auch amüsant erzählte Einblicke in die Geschichte des Kaffees als solchem, die des Zuckers und von Dr. Oetkers Backpulver, das auch die unbegabteste Hausfrau zur Backkünstlerin machte. Außerdem wird von so anregenden Dingen wie „Kaffee bei Tante Anstand“, „Das Gespräch der schönen Seelen“ und von der „Schlagsahne als Luxusschäumchen“ berichtet, vom „Kuchen als Sinnbild des Wohllebens“ und zum Beispiel vom „Tratsch beim Klatsch“. Alles mit alten Gemälden, Zeichungen und Fotos bildschön illustriert.

So wurden die Kaffeeklatsch-Geschichten nicht nur zu einer bildenden und amüsierenden Lektüre, sondern auch zu einem perfekten Geschenk. Nicht mehr nachmittags zum Kaffee zu überreichen, aber vielleicht zum Prosecco? Oder einem Cocktail? Dabei lässt sich (fast) ebenso gut klatschen, oder?