Reizthema

Kann man dem Dogma Paroli bieten?

Zum ersten Mal bin ich Majella Lenzen in einer Talkshow begegnet. Und ich war beeindruckt, wie offen, entschlossen und auch kritisch sie über ihre Erfahrungen als ehemalige Nonne sprach – aus einer tief gläubigen Haltung heraus.

„Für Gott anderen Menschen zu dienen, das ist meine Aufgabe“, sagt Majella Lenzen etwa. Mehr erfährt man darüber nun in dem Lebensbericht „Das möge Gott verhüten“, in dem Lenzen ihre Beweggründe offen legt für eine weitreichende Entscheidung: Sie will keine Nonne mehr sein kann. 

Der Weg dahin war lang. Und voller Höhen und Tiefen: Schon früh – besonders unter dem Einfluss der elterlichen Erziehung und der Erlebnisse der Nachkriegszeit – entschied sich Majella Lenzen für eine „Klosterjugend“ bei dem Orden der „Missionsschwestern vom kostbaren Blut“. Hier legt sie später als Schwester Maria Lauda dann auch ihr Gelübde ab. „Analphabetismus, Kindersterblichkeit, Lepra, Tuberkulose, Schwarzwasserfieber, Cholera, Pest“, so meint Lenzen, „all das musste bekämpft werden.“ Und: „Ich (...)hatte diesen Schritt gewagt (…), weil mein Herz noch immer brannte und ich bereit sein wollte, denen zu helfen, deren Lebensumstände verbessert werden mussten.“

Auf eindringliche Weise beschreibt Lenzen in ihrem Buch den Alltag, den strengen Tagesablauf und die Lebensweise, der sie sich fortan unterwerfen musste, auch wenn diese weder die gewünschte geistliche Vertiefung mit sich brachte noch den intellektuellen Ansprüchen der Nonne Genüge tat. Lenzen sah sich genötigt ,um ihr Gottvertrauen zu ringen – Erfahrungen von Formalismus und Heuchelei um sie herum ließen sie manchmal fast verzweifeln. Aber demütig ignorierte sie ihre Gefühle. 

Im Januar 1960 begann sie im Auftrag des Ordens ihre Ausbildung als Krankenschwester in Nairobi/Kenia, eine Entscheidung, die für sie getroffen wurde. Sie selbst hätte lieber studieren und als Ärztin arbeiten wollen. „Ich sollte erst einmal Krankenschwester werden, war die Weisung, die ich akzeptierte, in der Hoffnung, der Pflegeberuf sei eine Vorstufe zu meinem Ziel.“ Später wird sie sich eingestehen, wie sehr sie unter dieser Fremdbestimmung gelitten hat. Seelische und körperliche Zusammenbrüche eingeschlossen.

So wird sie 33 Jahre als katholische Missionsschwester in Ostafrika tätig sein, erst in Tansania, später in Simbabwe, und es ist beeindruckend, mit welchem Elan, welcher Einfühlung, mit welchem Organisationstalent sie versucht, ihren Aufgaben unter oft unsäglichen Bedingungen gerecht zu werden. Sie pflegt Kranke, assistiert bei komplizierten Operationen, hilft afrikanischen Müttern bei schwierigen Geburten, leitet die einheimischen Schwestern an und bildet sie aus. Sie leistet Hospizarbeit unter primitivsten Bedingungen, aber alles mit Leib und Seele und mit Herzblut. Dabei schont sie sich nicht, lernt und probiert. Lernt und zweifelt – und setzt sich kritisch mit allem auseinander, was an Unzulänglichkeiten ihr die Arbeit erschwert. 

Die Konflikte sind so vorprogrammiert: „Das Streben nach Vollkommenheit wurde in unseren Ordensbüchern genau beschrieben und führte zu einer messbaren, aber gleichzeitig 'skurrilen' Regeltreue, die Eigenverantwortung in Unterwerfung unter Gottes Willen – den die Vorgesetzten immer zu kennen vorgaben – umwandelte. Die Überzeugung der Oberen an meiner statt und in Gottes Namen für mich entscheiden zu können, sollte ich immer wieder erfahren.“

Daneben viele kleine Höhepunkte aber auch, die trösten: Sie kann einen ausgehungerten, ausgesetzten Säugling für 24 Stunden schützen, als „ihr“ Kind annehmen. Eine Mutter nennt ihre Tochter Maria Lauda, sie soll nämlich einmal “Mama- Mganga- Schwester Ärztin“ werden, und immer wieder dieses afrikanische Sprichwort: „Wende dein Gesicht der Sonne zu – und die Schatten fallen hinter dich!“

Durch eine Fortbildung in London zur State Registered Nurse eignet sich Lenzen weitere Kenntnisse an, u. a. in Psychologie, Soziologie und Organisationsmanagement. Das befähigt sie fortan, auch ein Krankenhaus zu leiten. Gleichzeitig gelingt es ihr immer besser, Selbstzweifel, Unsicherheit und ein Gefühl der Überforderung zu überwinden. Was wichtig ist – nicht zuletzt vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen, die auf sie warten.

Denn um Cholera und Tuberkulose, Meningitis und Wundstarrkrampf allein geht es bei ihrer Arbeit nicht. Es geht auch um Krieg zwischen Tansania und Uganda. Um das Vertrauen der Bevölkerung, das sie gewinnen muss. Und um Abenteuer, Prüfungen und Gefahren, die zu bewältigen sind. 

Nach 18 Jahren angestrengter beruflicher Tätigkeit in Tansania wurde Majella Lenzen schließlich nach Simbabwe versetzt. Doch auch dort hören die Konflikte mit der Kirchenobrigkeit nicht auf. Wegen ihrer unbequemen Haltung – gegenüber dem Bischof ihres Ordens und der Generaloberin in Rom – erhält sie eine neue Aufgabe: Lenzen wird zurück nach Tansania geschickt, um sich hier zu beweisen. „Dabei ging es um HIV und Aids (…). Es war in meinen Augen höchste Zeit, dass wir uns dieser wahrhaft wichtigen Aufgabe stellten“, schreibt Lenzen in ihrem Buch.

Diese wichtige Aufgabe ist aber beides, eine große Herausforderung und Demütigung zugleich. Warum? Das alles verrät Lenzen, wenn sie ihre Auseinandersetzungen mit der Kirche und ihren Vertretern schildert. Wobei sie auch auf Lichtblicke zu sprechen kommt: etwa die erfolgreiche Eröffnung des „Regenbogen-Zentrums“ in Moshi, der Stadt am Fuße des Kilimandscharo. 

Gerade hier ereilt sie dann im übertragenen Sinn aber der „eigene Aids-Tod“: der Ausschluss aus dem Orden. Sie hatte sich der „Sünde“ schuldig gemacht, Kondome im Auto der Diözese zu transportieren und eine befreundete Ärztin beim Verteilen der Verhütungsmittel begleitet. Für Majella Lenzen ist klar, „dass Kondome nicht die alleinige Lösung sind. Aber sie sind eine Hilfe, und das sollte von der Kirche anerkannt werden, wenn sie sich nicht weiter unglaubwürdig machen will (...). Aids ist keine Krankheit, Aids ist ein Todesurteil! Macht ein Kondomverbot nicht mitschuldig?“ 

Diese Frage ist natürlich auch an den Papst gerichtet, der jegliches Verhütungsverbot immer noch aufrechterhält. Wie bigott und entlarvend tönt da die Äußerung eines Prälaten, der schon unter dem einstigen Kardinal Ratzinger diente: „Warum hat sie das denn getan? Hätte sie wenigstens die Kutte (sprich das Ordenskleid) ausgezogen, dann hätten wir nicht handeln müssen. Aber so mussten wir sie 'köpfen'!“

Auch für Majella Lenzen war dieses einschneidende Erlebnis ein Schlussstrich.