Starke Frauen

Kein Vorwurf - aber Ermutigung, seitenweise

Statt Zickenkrieg. Sheryl Sandberg heizt mit ihrem Buch die Feminismusdebatte neu an.

Dass wir mit der Gleichstellung von Mann und Frau noch nicht wirklich so weit gekommen sind, wie wir wollten und dachten, ist mittlerweile traurige Tatsache. Und es ist schon viel gerätselt, geforscht und geschrieben worden, woran es liegt und weshalb Frauen sich so schwer tun. Hier kommt frischer Stoff für die Debatte. Das neue Buch von Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin bei Facebook, "Lean in" zeigt, wie hochaktuell das Thema ist und sorgt auch bei uns derzeit für eine Menge Diskussionen.

 

Kritik von Frauen

 

Kaum ist das Buch in den Buchhandlungen gelandet, bezog die erfolgreiche Managerin auch schon ordentlich Prügel dafür - vor allem von, natürlich, Frauen. Weil Sandberg unter anderem davon schreibt, wie sehr diese sich abdrängen ließen, zu wenig aggressiv seien und ihr Licht unter ihren Scheffel stellten. Viele mögen es nicht, davon zu lesen, dass sie selbst durch eigene Unzulänglichkeiten ihre Karriere verhindern würden und unterstellen Sandberg, sie greife die Frauen an, indem sie ihnen vorwerfe “selbst schuld zu ein”. Vielleicht liegt es an dem Buchtitel. ”Lean in” – in Deutsch: “Hängt euch rein!" klingt ein wenig nach “Die Feigheit der Frauen”. Aber Sandberg wird dabei offensichtlich missverstanden. Wer ihr Buch liest, sieht ganz deutlich, worum es Sandberg wirklich geht - nämlich darum, was jeder Einzelne für die Gleichberechtigung im Büro tun kann.

 

Sandberg beschreibt die vielen internen Hemmnisse und Hürden, anerzogenen Geschlechterstereotype, die es zu überwinden gelte und mit denen auch sie zu kämpfen hatte. In dem Buch, das sogar die Bild-Zeitung (!) als "Manifest der Frauenbewegung" bezeichnete, und im April auf Deutsch erschien, weist Sheryl Sandberg ausführlich daraufhin, wie auch sie oft von Selbstzweifeln geplagt wurde und wie sehr es aus dem mangelnden Selbstbewusstsein der Frauen rührt, dass diese nicht vorankommen.

 

Die Gender-Brille

 

Das liege aber vor allem daran, dass Frauen und Männer mit verschiedenen Augen betrachtet werden. “Sometime I wonder what it would be like to go through life without beeing labeled by my gender”, schreibt sie. “Men in the professional world are rarely seen through the same gender lens”. Dass solche Ungleichheiten heutzutage kaum von Frauen selbst angesprochen - oder gar angeprangert - werden würden, erklärt sich für Sandberg ganz einfach: Frauen, besonders die noch jungen, am Beginn ihrer Karriere stehenden, hätten berechtigterweise Angst davor, dadurch als unprofessionell zu gelten oder als jemand, der die Schuld auf andere schiebt. “Anyone who brings up gender is wading into deep and muddy waters.”

 

Auch mangelt es Sandberg nicht an Beweisen und Beispielen dafür, wie ungleich und ungerecht die Welt - allen voran die Geschäftswelt - Frauen behandelt. So zählt sie auf: Eine der größten Ungerechtigkeiten ist, dass Männer auf der Grundlage ihres Potenzials befördert werden, Frauen hingegen auf Grundlage vergangener Leistungen. Erschwerend kommt hinzu: Je erfolgreicher und mächtiger eine Frau wird, desto unsympathischer wird sie empfunden und dargestellt. Ausserdem werden Frauen, die Mütter sind, heute immer noch von starren Arbeitsbedingungen bestraft. Und: Von Frauen wird nicht nur daheim, sondern auch bei der Arbeit stillschweigend erwartet, dass sie mehr Zeit und mehr Wärme und Fürsorge bieten, als männliche Kollegen. “Views like this (...) are all too commonplace, and part of a pervasive pattern that belittles and marginalizes women as leaders.”

 

Bleibt unzufrieden

 

Dabei erinnert die Facebook-Managerin gleichzeitig daran, dass diese verqueren Bilder von Frauen nicht nur bei Männern existieren, sondern auch Frauen selbst von anderen Frauen haben. Und sie widmet sich den “Mütterkriegen” und der Frage, warum ausgerechnet in Emanzipationsfragen, in denen Frauen doch Seite an Seite Verbesserungen erstreiten sollten, diese stattdessen auch noch gegenseitig aufeinander losgehen. Das liege - und hier zitiert sie die Juraprofessorin Joan Williams - an dem Aufeinanderprallen der beiden Ideale “gute Mutter” versus “erfolgreiche Berufstätige”. Jede Frau hat Gewissensbisse, ob sie es richtig macht - da ja beides nicht gleichzeitig gehen soll. Und jedes Mal, wenn uns das Gegenmodell vor die Nase gehalten wird, reagieren wir mit Unbehagen oder gar Zorn darauf, weil es uns an den Weg erinnert, den wir nicht eingeschlagen haben

 

Das Buch schließt damit, uns zu ermahnen: “Wahre Gleichheit werden wir nur erreichen, wenn wir alle Stereotype bekämpfen, die uns zurückhalten.” Und Sandberg ruft dazu auf, dass wir unzufrieden bleiben sollen. Denn nur die Unzufriedenheit mit dem Status quo könne Veränderungen befeuern. Ein kluges Buch, für das Sheryl Sandberg Lob gebührt und nicht Tadel.