Weibchenschema

Keine Erfindung des Fernsehens

Leihomas und -opas sind der neue Trend. Das jedenfalls behauptet der Fernsehsender RTL 2, der gerade mit neuen Folgen seiner Realityserie „Suche Familie“ an den Start geht. Senioren finden darin zu möglichen Wunsch-Enkelkindern – ein Konzept, das keine ureigene Erfindung des Fernsehens ist. Denn in Deutschland werden „ Großelterndienste“ schon seit beinahe 20 Jahren erprobt.

Oma und Opa sind für Kinder oft das Größte. Häufig bekommen die Kleinen dennoch zu wenig von der älteren Generation mit, weil die leiblichen Großeltern entweder zu weit weg wohnen oder noch beruflich eingebunden sind. Doch hier kann Abhilfe geschaffen werden: Eine Oma kann man auch leihen! Ein Gewinn für alle, denn ältere Menschen haben eine Aufgabe, Eltern können mal wieder ihre Zeit zu zweit genießen und die „Enkel auf Zeit“ haben noch jemanden, der ihnen alle Wünsche erfüllt.  

 

Wie beispielsweise die 61-jährige Ursula Kolo, die vor zwei Jahren einen Wunsch-Enkel bekam. Die Rentnerin, die zuvor in einem Foto-Versandhandel gearbeitet hat, lebt seit 20 Jahren allein und hat weder eigene Kinder noch Enkelkinder. Als sie 2002 arbeitslos wurde, drohte ihr die Decke auf den Kopf zu fallen: „Da fand ich eine Broschüre, in der für den ‚Großelterndienst’ geworben wurde. Und ich suchte eine ehrenamtliche Tätigkeit. Also ging ich einfach mal vorbei“, erzählt die rüstige Berlinerin, die nach ihrer Schulzeit eine Ausbildung zur Kinderpflegerin absolviert hat.  

 

Recht schnell wurde ihr Vincent vermittelt, der damals knapp zwei Jahre alt war. Seine Mutter ist allein erziehend und die leiblichen Großeltern wohnen in Schleswig-Holstein. Jeden Montag holt Frau Kolo den inzwischen vierjährigen Jungen vom Kindergarten in Berlin-Moabit ab und verbringt mit ihm den Nachmittag: „Meist bummeln wir auf dem Weg, erzählen uns Geschichten und sammeln Blätter und andere Dinge, die uns vor die Füße fallen“, sagt die Leih-Oma. Bei ihr zu Hause angekommen, wird erst einmal ausgiebig gekuschelt, und dann sehen die beiden gemeinsam eine DVD vom „Kleinen Eisbären“ an oder bauen Burgen und Schlösser aus Bausteinen. Vincent liebt seine „Oma Kolo“, holt sich von ihr seine Streichel­ein­heiten und lässt sich gern von ihr vorlesen, bis er abends dann von der Mutter, die in der Zwischenzeit „Weight-Watcher-Kurse“ leitet und für das Einkommen sorgen kann, abgeholt wird.    

 

Über 100 Vermittlungsstellen bundesweit bringen interessierte Leihomas und Enkel derzeit hier und da zusammen. Diese Leihdienste sind entweder private Initiativen oder Angebote von Senioren- beziehungsweise Freiwilligenagenturen. Einige Niederlassungen der großen Wohlfahrtsorga­nisationen wie Caritas oder die Arbeiterwohlfahrt bieten einen ähnlichen Service an. Eltern, die sich für solche Dienste interessieren,  können sich aber auch an das zuständige Jugendamt wenden.  

 

Helga Krull (47), Leiterin des Großelterndienstes in Berlin, nennt die Motive für die Suche nach einer Leih-Oma oder einem Opa: „Die Gründe sind vielfältig. Bei manchen Eltern sind es die Sehnsüchte, weil sie selbst ohne Großeltern aufgewachsen sind. Bei den Senioren liegt die Motivation, sich um ein „fremdes“ Enkelkind zu kümmern darin, dass sie ein Herz für Kinder haben, sich fit fühlen und ihre Zeit im Alter sinnvoll nutzen wollen.“ Zum Zeitpunkt der Vermittlung sind die meisten Kinder zwischen null und sieben Jahre alt. Das beste Alter, um sich problemlos aneinander zu gewöhnen, ist zwei bis vier Jahre: „Verantwortungsgefühl und die Freude im Umgang mit Kindern sind die wichtigsten Voraussetzungen, um eine Leihoma zu werden“, erläutert Helga Krull.  

 

Seit mittlerweile 17 Jahren ist der Großelterndienst in der „Familienzusammenführung“ aktiv. Er gehört somit zu den ältesten Vermittlungsstellen auf diesem Gebiet in Deutschland. Angefangen hat alles mit zwei Großmüttern. Heute befinden sich knapp 460 Großeltern in der Kartei, die ca. 1 000 suchenden Müttern gegenüber stehen. Die Wartezeit beträgt bis zu sechs Monaten, die Auswahlkriterien werden in einem Fragebogen zusammengefasst: „Dort füllen die Senioren aus, was für Vorstellungen sie von ihrer zukünftigen Tätigkeit haben, wie viel Zeit sie mit ihrem Wunsch-Enkelkind verbringen möchten, und dann müssen sie sich daneben auch verpflichten, auf Einmischungen in das Familienleben zu verzichten.

 

Ein zusätzlicher Besuchstermin sei obligatorisch, erläutert die ehemalige Diplom-Ingenieurin, die in ihrer Adressdatei übrigens nur 20 Großväter führt: „Es herrscht eindeutig ein Mangel an Leih-Opas, und somit sind wir dankbar für Anfragen von Männern, die sich ein Enkelkind auf Zeit wünschen.“ Ist eine Vermittlung geglückt, kann die Verbindung viele Jahre Bestand haben. So wie bei Oma Kolo, die ihren Jungen nicht mehr hergeben möchte und in diesem Jahr noch eine zusätzliche Aufgabe übernommen hat: Sie wurde zur Patentante von Vincent ernannt und so nun auch ganz offiziell in die Familie aufgenommen.