Fürs Auge

Kennen Sie Josephine Beuys?

Nein!? Kein Wunder. Der Name ist frei erfunden: Das Pariser Museum Centre Pompidou hat gerade seine ständige Sammlung neu aufgehängt – und alle Werke männlicher Meister beiseite geräumt. Mit einer Sonderschau soll nun über ein Jahr lang gezeigt werden, wie die moderne Kunst aussähe … nur mit weiblichen Werken.

„Weniger als 5 Prozent der Künstler im Metropolitan Museum sind Frauen, aber 85 Prozent der Aktmodelle sind weiblich“, ist auf einem Riesenplakat der Guerilla Girls zu lesen. Für die anonyme New Yorker Künstlerinnengruppe sagen die Zahlen schon alles: „Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?“ setzten die Worte auf dem Plakat nach, das 1989 entstand und derzeit in Paris zu sehen ist.

Natürlich müssen Frauen nicht nackt sein, um ins Museum zu kommen. Hilfreich war es lange Zeit aber schon: Denn wer zumindest schon mal als Motiv auffallen konnte, hatte bessere Chancen, der Nachwelt später in jedem Fall in Erinnerung zu bleiben. Viele Künstlerinnen hatten noch zu Beginn des 20. Jahrhundert ihre liebe Not, als eigenständige Akteurinnen anerkannt zu werden – im Kreise von Männern, die vornehmlich Kunstgeschichte schrieben. Man denke etwa an die Fotografin Dora Maar: „Sie ist ein gutes Beispiel für eine Frau, die lange Zeit nur als Muse der Surrealisten wahrgenommen wurde und als eine Frau, die von Picasso und anderen gemalt wurde,“ erklärt Camille Morineau in Interviews. „Erst vor kurzem entdeckte man, dass sie auch eine Künstlerin war“.  

Camille Morineau ist Kuratorin der großen Sonderschau, die gerade im Centre Pompidou ihre Türen öffnete: Für „elle@centrepompidou“ hat das Museum seine ständige Sammlung, die größte für moderne und zeitgenössische Kunst in Europa, neu sortiert: Über ein Jahr lang sollen nun alle Wände und Räume des Hauses den Frauen allein zur Verfügung stehen – 500 Exponate von 200 Künstlerinnen werden so präsentiert. 

Mit diesem ungewöhnlichen Konzept möchte das Museum den Blick auf die Mittel und Ausdrucksweisen freigeben, mit denen Frauen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ein Zeichen setzten. Sind Techniken und Themen, die von Fotografinnen und Malerinnen, Designerinnen und Architektinnen befördert wurden, ganz andere als die, die ihre männlichen Kollegen wählten? Eine Frage, für die nur eine Antwort nicht ausreichen würde. Camille Morineau aber verriet dem Kunstmagazin „art“ schon mal so viel: 


„Viel zu oft glaubt man, Kunst von Frauen sei feminin, hübsch und dekorativ. Wir beweisen das Gegenteil, unter anderem weil Künstlerinnen oft freier und unabhängiger von modischen Strömungen arbeiteten.“ Ließe man die letzten 100 Jahre Revue passieren – nur mit der Kunst von Frauen vor Augen –, so fiele dieser Überblick viel „extremer, radikaler, in der Performance auch gewalttätiger“ aus, als man annehmen möchte. 

Wer die Ausstellung also besucht, wird vermutlich danach um einige gut gepflegte Klischees ärmer sein. Als eine explizit feministische Kunstschau soll das Ganze aber dennoch nicht zu verstehen sein: Dafür sei ihre Idee dann doch zu sehr in die Weite zielend, wie die Kuratorin gerne betont: „Wir wollen einfach zeigen, dass es inzwischen genug Künstlerinnen gibt, die allein die Geschichte der Gegenwartskunst transportieren können.“

Das Spektrum der Arbeiten, die so präsentiert werden, ist groß: Gemälde von Frida Kahlo und Sonia Delauny sind zu sehen, Möbeldesign von Eileen Gray und Charlotte Perriand und auch Fotos, auf denen Valie Export mit ihrer berüchtigten Aktionskunst „Genitalpanik“ zu provoziert. Neben zahlreichen Videos und Installationen stößt man auf Skulpturen von Niki Saint Phalle oder die Fotografinnen Gisele Freud und Diane Arbus. 

Und mittendrin: die kreisrunden, bunten Buttons, die die französische Künstlerin Agnes Thurnauer entworfen hat. Viel zu riesig und überdimensioniert sind sie, als dass man sie tatsächlich sich an einen Kragen oder eine Jacke  heften könnte – obwohl das toll wäre! Allein schon die Namen, die auf den Buttons zu finden sind: Josephine Beuys, Annie Warhol, Jaqueline Pollock und viele andere. Namen, die es nicht gibt. Von Frauen, die es ebenso wenig gibt!? 

Oder spielt hier die Geschlechterfrage, die bei der Anerkennung von Kunst lange, zu lange entscheidend mitbestimmte, hinein? Für Camille Morineau ist zumindest eines sicher: Eine Ausstellung, die sich nach den „elles“ auch den mit den „ils“ befasst, sei überflüssig: „Ils haben wir seit Jahrhunderten im Louvre. Da gibt es nur männliche Meister, und keinen kümmert das, niemand bemerkt es.“

 

„elles@centrepompidou“

Ausstellung im Museum Centre Pompidou, Paris 
27. Mai bis 24. Mai 2010

 

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Bildnachweise: 

 

1. Matali Crasset: „MIXtree Salon d'interface musicale“, 2005

 2. Dorothea Tanning: „Chambre 202, Hôtel du Pavot“, 1970

 3. Ausstellungsplakat, Museum Centre Pompidou