Wissenswertes

Kinderkram

Eine gute Betreuung für Kinder ist außerhalb der gewöhnlichen Öffnungszeiten von Kindergärten und Kitas nur schwer zu bekommen. Das war einer der Gründe für Olaf Neitzel, zusammen mit seiner Frau Beate den Wichtelclub zu gründen. Ein Gespräch über die Probleme, mit denen (nicht nur) ein Tagesvater zu kämpfen hat.

Olaf, was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Kita und eurem Wichtelclub?
In Berlin können Eltern mit einem Gutschein vom Jugendamt die Betreuungsform und –einrichtung auswählen. Kitas bzw. Kindergärten arbeiten mit einem Betreuer-Kind-Schlüssel von 1:15. Als alternatives Angebot können Eltern aber auch die Kindertagesbetreuung wählen. In diesem Bereich sind wir tätig. Unser Schlüssel liegt bei 1:4.

 

Wie wird man denn ein Tagesvater?
Tagesmutter oder -vater kann jeder werden, der ein Interesse an Kindern hat und gewisse Voraussetzungen mitbringt. Es ist natürlich von Vorteil, wenn man eigene Kinder hat. Für die Pflegeerlaubnis ist erforderlich, dass man bestimmte Grundlagenseminare absolviert und somit den theoretischen Unterbau für die Betreuertätigkeit erwirbt. Dort werden fundierte Kenntnisse zur Kindererziehung vermittelt. Dazu finden auch laufend Fortbildungen statt, die sehr hilfreich sind. Somit bekommen die Eltern eine qualifizierte Betreuung für ihr Kind.

 

Wie kamen du und Beate darauf, eine Firma zu gründen? Dass jemand sich entscheidet, mal ein Tagespflegekind aufzunehmen, das hört man ja öfter, aber ihr seid ja voll eingestiegen, auch mit großen finanziellem Aufwand und viel Arbeit.
Das ist entstanden aus unserem eigenen beruflichen Erleben. Wir haben selbst mitbekommen, wie schwierig es für Eltern ist, die im Dienstleistungsbereich tätig sind, eine qualifizierte Betreuung für ein Kind zu bekommen. Oftmals werden die Kinder herumgereicht zwischen Oma und Opa, Freunden und Bekannten, damit die Betreuung auch außerhalb der normalen Öffnungszeiten von Kindergärten und Kitas gewährleistet ist. Das war der Hauptgrund für die Gründung des Wichtelclubs. Und natürlich, dass ich lange ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit tätig war und uns die Arbeit mit Kindern einfach Spaß macht.

 

Allerdings braucht man Zeit dazu. Das heißt, wer wie ihr Kinder betreut, kann keinen anderen Beruf mehr ausüben, muss also sein Einkommen aus der Kinderbetreuung erzielen. Kann man das überhaupt?
Man wird nicht reich. Es hilft aber, dass meine Frau und ich eine kaufmännische Ausbildung haben. Das betriebswirtschaftliche Denken ist ja leider bei den öffentlichen Kitas nicht sehr ausgeprägt. Wir wissen, wie man Kosten optimieren kann, und haben dadurch schon einen Vorteil.

 

Aber ihr habt doch zuerst eine Menge Geld reingesteckt. Ihr habt Spielgeräte angeschafft, habt Räume angemietet, aufwändig renoviert, Küche und Sanitärräume eingebaut – sogar mit Sondermaßen. Das sind ja nicht gerade kleine Beträge. Das wird sich amortisieren?
Langfristig ja. Es dauert natürlich ein bisschen.

 

Ihr seht euch also als kleines Unternehmen, das in Betriebsmittel investiert hat.
Genau. Wenn man nur Geld reinsteckt, würde es keinen Sinn machen. Aber es ist schon erstaunlich, dass es sich wirklich rechnet, im Gegensatz zu vielen Kitas. Die können viel mehr Kinder betreuen, und trotzdem arbeiten sie meist völlig unwirtschaftlich.

 

Ihr lebt aber von der Kinderbetreuung. Wie geht das? 
Ich habe sozusagen eine Kinderbetreuungsfirma gegründet. Mit allen rechtlichen und steuerlichen Konsequenzen. Funktionieren kann das nur, wenn wir immer voll belegt sind. Der Garant dafür ist, dass unser Leistungsangebot weit über dem der Kitas liegt. Die Eltern stehen bei uns Schlange.

 

Was genau ist das Besondere an eurem Angebot?
Wir betreuen Kinder von Montag bis Samstag, 24 Stunden - rund um die Uhr. Daher machen Eltern, die aus Berufen mit flexiblen Arbeitszeiten kommen, einen Großteil unserer Kundschaft aus, also Gastronomen, Krankenschwestern, Bäckereiverkäuferinnen, Handelsreisende usw. Wenn es erforderlich ist, betreuen wir Kinder auch an Sonn- und Feiertagen. Dazu kommt noch die Individualität durch die kleine Gruppe, musikalische Früherziehung, die starke Einbindung in das hier vorhandene soziale Umfeld und das leckere Essen, das meine Frau kocht.

 

Was erschwert Euch die Arbeit?
Unser größtes Problem ist, dass die jeweils vier Plätze an vier bestimmte Kinder gebunden sind.

 

Warum?
Nehmen wir einmal an, ich betreue Max, Paula, Anne und Klaus. Das sind vier Plätze. Max kommt Montag bis Freitag von 8 – 13 Uhr. Damit wäre sein Platz ab 13 Uhr frei. Den darf ich aber nicht weiterbelegen. Es gibt Eltern, die würden gern ihr Kind genau dann betreuen lassen, übrigens privat finanziert. Eine Idee von mir, die leider am Jugendamt und den starren gesetzlichen Bestimmungen scheitert.

 

Neulich war ein Fernsehteam des NDR im Wichtelclub und hat euch und die Kinder 24 Stunden lang begleitet. Die Sendung wird am 15. August um 21:45 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Ist dieses Problem in der Sendung auch Thema?
Das hoffe ich mal. Ich weiß nicht, ob es so verständlich wird. Es ist ja schwer zu erklären.

 

Eigentlich ist es ganz einfach zu erklären. Nur nicht, warum das Gesetz so ist.
Was kostet es die Mutter oder die Eltern, ein Kind in Tagespflege zu geben?

Der finanzielle Beitrag der Eltern ist einkommensabhängig. In Berlin beginnt er bei ca. 38 € pro Kind und kann bis zu 466 € pro Kind im Monat betragen. Die Höhe der Zuzahlung ist bei Kindertagespflege und Kita gleich. Diese Sätze unterscheiden sich in den einzelnen Bundesländern.

 

Ihr habt soeben erst noch Räume hinzu gemietet und damit eure „Betriebsfläche“ verdoppelt?
Ziel der Erweiterung ist es, uns mit anderen Tagesmüttern zusammenzuschließen und somit weitere Plätze anzubieten. Damit können wir den Anmeldestau, der bis ins Jahr 2009 hineinreicht, zumindest etwas reduzieren. Eine weitere Verbesserung der Wirtschaftlichkeit wäre auch gegeben.

 

Ab 2008 werden die Tagesmütter den Freiberuflern (Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler) gleichgestellt und somit besteuert. Dich als Unternehmer, der ja regulär Steuern zahlt, trifft das ja weniger. Woher kommt die Aufregung in letzter Zeit?
Tagesmütter haben jahrelang für die Anerkennung ihrer Tätigkeit als Berufsbild gekämpft. Der Bundesfinanzminister hat daraus gefolgert: „Wer anerkannt sein will, der kann auch Steuern zahlen“.

An sich richtig. Die geplante Steuerlast aus den bisherigen Festlegungen ist jedoch unausgewogen. So werden Betreuungsstellen mit Sonderzeiten, wie wir, steuerlich stärker belastet. Das größte Problem sind jedoch, die aus der Besteuerung resultierenden entstehenden Sozialabgaben, die auch meine Frau treffen. Tagesmütter, die bisher bei ihrem Ehemann krankenversichert waren, müssen sich nun selbst versichern. Dazu kommt noch die gesetzliche Rentenversicherung mit 19,1%, wobei seit 2006 den Tagesmüttern der Abschluß einer privaten Rentenversicherung schmackhaft gemacht wurde. Die Verträge sind natürlich mit Laufzeiten bis zum Rentenalter abgeschlossen worden. Ich schätze, das sind staatliche Belastungen von bis zu 500 €/ Monat mehr. Das Verrückte dabei ist, dass ein normaler Selbstständiger die Chance hat, mehr Umsatz zu produzieren. Womit wir bei uns wieder bei der Begrenzung der Platzzahl wären. Es handelt sich also um eine völlig unausgegorene Schreibtischtäteridee.

 

Über den Daumen gerechnet müsste eine Tagesmutter ab 2008 also mindestens drei Kinder betreuen, um kein Minus zu machen. 
Ja, und das ist gleichbedeutend mit dem Wegfall vieler Tagespflegeplätze. Der Staat wird dann wieder mit hohem finanziellen Aufwand gegensteuern müssen, genannt seien hier die Krippenplätze. Übrigens: Ein Kindergartenplatz kostet den Staat ca. 800 €/ Monat. Ein vergleichbarer Tagespflegeplatz ca. 350 €/ Monat.

 

Was sagt denn unsere Familienministerin dazu?
Frau von der Leyen kämpft hoffentlich derzeit noch gegen die generelle Besteuerung.



Anfang Juli habt ihr mit vielen Kolleginnen vor dem Roten Rathaus in Berlin gegen die Besteuerung und für den Erhalt der Kinder-Tagespflegestellen demonstriert. Wie seht ihr eure Chancen?
Wir bleiben auf jeden Fall am Drücker. Ich werde die gesamte Rechtslage durchleuchten und zur Not auch klagen.

 


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