Männerecke

Klaudia hat angerufen!

Von: Andreas Glumm, Foto: photocase.com

vom 22.05.07

In der Wohnung herrschen Temperaturen von über vierzig Grad, von der Sonne draussen und vom Kochen drinnen.

"Ich geh ein wie 'ne Primzahl!" röchelt die Gräfin.

Und was macht unsere Frau Moll? Liegt auf ihrer Schmusedecke unterm Tisch und hechelt uns die Bude zusätzlich heiss.


Beim Abendessen, es gibt Steinbutt auf goldgelben Kartoffeln, erzählt die Gräfin von Klaudia. Die beiden haben eine Weile bei einem Steinmetz gearbeitet und sind Freundinnen geworden.

"Die Klaudi hat eine Antenne für die Strömungen, die von anderen Menschen ausgehen, normal ist das nicht."

Der Hund, unterm Tisch, miekt.

"Halt die Klappe", sag ich.

"Kann schon mal passieren, dass sie einen Meter zurückschreckt, wenn jemand vor ihr steht, der ein Problem hat. Das spürt die Klaudi einfach, auch wenn derjenige das zu überspielen versucht."


Klaudia und die Gräfin haben heute Mittag miteinander telefoniert. Unser Telefon steht in der Küche und ist so ein vorsintflutliches Teil ganz ohne Fotofunktion. Da kann man sich selbst gar nicht knipsen beim Sprechen in die Leitung! Das muss man sich einmal vorstellen! Ich wusste ja gar nicht, dass es so etwas noch gibt, bis ich es in unserer Küche entdeckt hab. Das ist ja das Schöne im Haushalt: wenn sich plötzlich Gerätschaften auftun, mit denen man so nicht mehr gerechnet hat!


"Weisst du schon das Neueste, die Klaudi läuft in ihrer Wohnung nur noch mit Kopftuch rum."

"Och", sag ich mit vollem Mund, "Hat sie die Haare nass?"

"Haare nass, Quatsch, daran ist ihr neuer Arbeitskollege schuld, dieser Johannes. Der kommt aus Russland."

Von dem Hund geht wirklich eine Hitze aus, Mann, als würde unterm Esstisch ein Kaminfeuer prasseln.


"Der muss eine Ausstrahlung haben auf Frauen, die werden ganz kribbelig in seiner Nähe."

"Häh, wer?"

"Na, der Johannes. Der Russe. Auf Frauen. F-r-a-u-e-n! Kennst du doch, oder?!"

Die Gräfin legt eine kurze Pause ein. Um mir Gelegenheit zu geben für eine Revanche, nehm ich mal an. Es schmeckt aber gerade lecker. Was soll ich sagen? Ich halt den Rand. Man hört nur leise mein Mampfen, und, noch leiser, den Sabber, der dem Hund aus dem Maul getropft kommt, unterm Tisch, er sabbert auf meine nackten Füsse, das ist seine Standardnummer, wenn er uns bei einem Essen zuhört, von dem er zunächst nicht profitiert.


"Zwei Frauen haben sogar schon gekündigt, weil es ihnen zu viel wurde mit dem Russen und seiner Anbaggerei. Na, da hat er bei Klaudi natürlich auf Granit gebissen. Da hat er keine Schnitte, aber das kann er natürlich erst recht nicht verknusen. Seitdem macht er sie blöde an. Will sie verwirren. Droht ihr."

Der Hund junkert.

"Klappe!" sag ich.

"Und von den vielen schlechten Strömungen, die sie von dem Kerl empfängt, kriegt Klaudi schon Kopfschmerzen."

"Ja, Russen sind von Grund auf böse", find ich einen freien Moment zwischen zwei Bissen für eine blöde Bemerkung.


"Also was macht Klaudi? Klebt sich im Betrieb einen Streifen Alu-Folie auf die Stirn, um seine negativen Wellen abzuwehren. Und wenn sie zu hause ist, steigt sie aufs Kopftuch um, weil sie selbst da noch seine Strömungen empfängt, nur schwächer."

"Dumme Sache", sag ich. "Bin ich satt. Puh!"

Der Teller der Gräfin dagegen ist noch voll Gold und gelb.

"Ist ja ganz kalt geworden!" schimpft sie.

Und das alles nur, weil die Klaudia den Johannes nicht mag. Weil sie sowieso nur auf Frauen steht. Das sollte man dem Typ vielleicht mal sagen, dass die Klaudia lesbisch ist.


"Wenn sie so metaphysische Fähigkeiten hat, kann sie den Russen dann nicht verhexen, in eine rassige Russin" schlag ich vor. "Dann wär die Sache doch geritzt zwischen den beiden."

Die Gräfin holt auf, am Teller.

"Mann, ist das heiss unterm Tisch. Mir rinnt der Schweiss die Beine runter."

Na, da hat der Hund wenigstens was zu saufen.

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "500Beine" über sich und sein Lebensgefährtin, genannt die "Gräfin, und den Hund "Frau Moll".

 

 

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