Männerecke

Kloputztag

Die modernen Zeiten meiner Mutter...

Von: Claudius Holzwarth, Foto: stock.xchng

vom 12.02.07

Neulich beim Kloputzen hatte ich endlich mal wieder die Zeit, mir Gedanken zu machen, aber vielleicht waren es ja auch die giftigen Dämpfe, die mich dazu verleiteten nachzudenken. Wobei ich ja zugeben muss, schon vor dem Kloputzen überrascht worden zu sein.

Mein Handy klingelte, was ja so eigentlich nichts besonderes in der heutigen Welt ist, vorausgesetzt man besitzt ein Handy, weil wenn man kein Handy besitzt und es klingelt trotzdem, muss man sich noch mehr Gedanken machen - aber was ich eigentlich sagen wollte, mein Handy klingelte, und ich sah, dass mich meine Mutter erreichen wollte - jetzt kommen wir zu dem eigentlich besonderen – da stand:

 

MAMA HANDY auf dem Display meines Handys. Das daran besondere ist, dass ich zwar wusste, dass meine Mutter ein Handy besitzt, doch bis zum Klingeln meines Handys war ich davon überzeugt, dass sie nicht mal weiß, wie man dieses moderne Gerät eigentlich einschaltet bzw. benutzt. Zu meiner weiteren Überraschung war dieser Teil der Überraschung nur der kleinere Teil der eigentlichen Überraschung, die jetzt zu meiner Überraschung folgen sollte (wow, kann ich verwirrende Texte schreiben, kommt das vom Kafka lesen?).


Meine Mutter, die bisher in einer Welt lebte, in der der Videotext das modernste ist, was sie sich vorstellen kann, und selbst den konnte sie bisher nicht bedienen... (Sie fragt mich auch jedes Mal wenn sie mich anruft und ich die Nummer erkenne, woran ich denn sehen und wissen würde, dass sie es ist...) jetzt habe ich den Faden verloren – ach ja meine Mutter - sie erzählte mir von ihrem neusten Möbelstück in ihrer Wohnung, einem Computertisch.... Bevor ich fragen konnte, was sie denn mit einem Computertisch anfangen will, erzählte sie mir auch schon von dem Computer, der sich darauf befindet, und davon, dass sie ins Internet will und nur noch eine Unterschrift ihres Vermieters dazu braucht, weil sie über das Kabel ins Netz will....


Ein Anruf!
Ein Anruf meiner Mutter von ihrem Handy!
Ein Anruf meiner Mutter von ihrem Handy, bei dem sie mir mitteilt, dass sie über das Kabel ins Internet will.


Ein Anruf, der MICH schlagartig in ein etwas versetzt, das weniger modern ist als meine Mutter... Mich, der beleidigt ist, wenn jemand aus dem Freundeskreis ein neueres Handy hat als ich, ich, der glaubt, ohne Internet und ohne Handy nicht überleben zu können, ich, der in virtuellen Chat-Räumen mehr Frauen kennen gelernt hat als im wahren Leben, ich werde jetzt von meiner Mutter überholt! Was kommt morgen? Bekomme ich morgen eine Email von meiner Mutter, in der sie mir Tipps gibt, auf welcher Chatseite es die besten Singles gibt, und übermorgen simst sie mir die Adresse von ihrer neuen Homepage...?


Einige Tage später, ich hatte mich etwas erholt über die so plötzlich aufgetreten modernen Zeiten meiner Mutter, klingelte mal wieder das Telefon. Es war eben jene, die verzweifelt versuchte, ins Internet zu gelangen, um nach ihren Emails zu schauen (ich hatte ihr eine SMS geschrieben, in der ich ihr mitteilte, dass ich ihr gemailt hatte, ich wunderte mich, dass sie anrief, das hieß, sie war in der Lage die SMS zu lesen).  Jedenfalls saß sie gerade vor ihrem Computer und versuchte verzweifelt ihre Mails zu lesen. Normalen Computer- und Internet-Benutzern erklärt man ganz schnell, dass man oben in der Adresszeile die Adresse seines Emailanbieters eintragen soll, dann muss man nur noch seine Namen und Code eintragen, auf LOG IN klicken und dann kann man im Normalfall seine Emails lesen.

 

Alles total einfach eigentlich. Normale Internet- und Email-User stimmen mir an dieser Stelle bestimmt zu. Aber die eigentlichen Probleme begannen jetzt erst. Hier ein kleiner Auszug der Fragen, die ich von ihr in einem 45-Minuten-Telefongespräch gestellt bekam.

 

Woran erkenn ich denn, dass ich schon im Internet bin?
Wer ist mein Emailanbieter?
Wo ist die Adresszeile?
Muss ich das groß oder klein schreiben?
Mit der linken oder mit der rechten Maustaste?
Wie komme ich an dieses komische A? (Sie meinte das @.)
Wie lautet denn eigentlich meine Emailadresse?
Und mein Code?
Wo trage ich den Code ein?
Aber hier stehen jetzt nur Sternchen!
Muss ich das groß oder klein schreiben? (ja, das kam tatsächlich mehrmals)


An dieser Stelle möchte und muss ich mal erklären, dass ich die cholerische Art meines Vaters geerbt habe. Ich habe wirklich mein Bestes getan, aber als es nach 45 Minuten immer noch keinen Fortschritt gab, gestand ich meiner Mutter, dass ich ihr nun so am Telefon leider wirklich nicht weiterhelfen kann und ich beendete das Gespräch. Als ich auflegte, musste ich erst mal laut schreien! Übrigens rief sie eine halbe Stunde später noch mal an und erklärte mir, dass sie es nun endlich geschafft hatte und mir auch eine Email geschrieben hatte. Die hatte ich schon längst gelesen. Sie bestand aus einem einzigen Wort!
HILFE!