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"Königskinder"

"Schicksal und Wille stets in Fehden, sodass der Wille sich am Schicksal bricht. Nur der Gedank' ist dein, das Schicksal nicht." Mit diesem Zitat von Shakespeare beginnt Gernot Gricksch sein Buch. Und damit ist der Hinweis gegeben, worum es geht.

Die Suche nach der großen Liebe – einmal aus männlicher, einmal aus weiblicher Sicht geschildert. Und zwar nicht das angenehme Wohlgefühl bei einem Couchabend zu zweit, nein. Das große Feuerwerk, der einzige nur für mich bestimmte Seelenverwandte soll es sein, ob man sich jetzt traut, das Wort auszusprechen oder nicht. Das klingt soweit wenig neu und innovativ als Stoff für einen Roman – und ist es auch nicht. Und doch macht es einfach Spaß, Gernot Gricksch, beziehungsweise seinen beiden Helden Simone (französisch ausgesprochen, benannt nach Simone de Beauvoir, weil das Standesamt in Hamburg Wandsbek „Saraswati“ als Namen eines weiblichen Säuglings nicht akzeptieren wollte) und Mark (einfach nur Mark) dabei zuzusehen. Sie verpassen sich immer wieder um Haaresbreite: auf der Entbindungsstation, im Gewirr einer Demonstration zum Schutz der Lederschildkröte oder in der Datenbank einer Online-Partneragentur.

 

Mit diesem Buch hat Gernot Gricksch es, nach langer Pause, endlich wieder geschafft, sich in mein Herz zu schreiben. Sein großartiges Buch „Die denkwürdige Geschichte der Kirschkernspuckerbande“ bekam ich 2001 als Auszubildende zur Buchhändlerin auf der Frankfurter Buchmesse geschenkt, und bis heute zählt es zu den absoluten Favoriten in meinem Bücherregal: Ich habe laut gelacht, weshalb ich in der Bahn mitunter irritierte Blicke erntete, und eine Seite später dicke Tränen geweint. Das habe ich bei seinen anderen Büchern, die ich daraufhin ausnahmslos gelesen habe, immer vermisst. Erst bei den Königskindern war es wieder da: Sarkastisch-selbstkritischer Humor, skurrile Situationen, bei denen man sich erst dann fragt, wie man da wohl reingeraten ist, wenn es schon zu spät ist und melancholische, leise Momente, wie man sie sonst nur mit sich allein hat.

 

Geboren in den 70er Jahren in Hamburg, begeben sich Simone und Mark auf eine Suche, von der sie eigentlich nie so recht wissen wonach. Diverse Schul- und Jobwechsel, Umzüge, beide lassen sich treiben und warten darauf, dass ihr Leben so richtig losgeht. Und doch sind sie eher in der Warteschleife, während Freunde und Bekannte zielstrebig wissen wohin, viel Geld verdienen und eine Familie gründen.

 

Gernot Gricksch, der sich selbst als „unheilbaren Romantiker“ bezeichnet, gibt Einblick in das Seelenleben der beiden Protagonisten: Simone, aufgewachsen mit einer chaotischen alleinerziehenden Hippie-Mutter in einem Esoterik-Laden für Tee, indische Kleider und Räucherstäbchen, und Mark, mit einer Begabung für Logik und Zahlen, der ab der zweiten Klasse in eine Schule für Hochbegabte geht, sich immer wieder wundernd, wie er da gelandet ist. Beide wachsen heran, verlieben sich, finden heraus, dass Liebe und Sex nicht immer zwangsläufig zusammengehören und führen ein meistens ziemlich glückliches Single-Leben, immer wieder durchbrochen von kürzeren und längeren Phasen der Zweisamkeit. Als beide auf die Vierzig zugehen, beginnen sie zu zweifeln, ob er wirklich existiert: Der Mensch der zu ihnen gehört, der oder die Eine, mit der sich alles einfach richtig anfühlt. Und ob das nicht eine schrecklich antiquierte, unemanzipierte Vorstellung und ein veraltetes Rollenmodell ist. Aber ob veraltet oder nicht, die Sehnsucht bleibt.

 

Und der eine oder die andere mag sich ertappt vorkommen bei den ironisch-witzigen Beschreibungen von aussichtslosen Urlaubsflirts, verheißungsvollen Blind Dates oder ersten Schritten im Dschungel der Online-Liebe. Denn das ist die große Stärke des Buches: absolute Identifikation mit den Hauptfiguren. Mögen sich andere mit den Krisenherden der Welt beschäftigen, mit Vergangenheitsbewältigung und gesellschaftlichen Umwälzungen – Gernot Gricksch schreibt über die Liebe- und das entwaffnend gut.

 

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Anne Leichtfuß ist Buchhändlerin und somit leidenschaftlich mit allem verbandelt, was Bücher angeht. Derzeit befindet sie sich im Studium zur Online-Redakteurin in Köln.

 

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