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Kopflos

In ihrem Buch "Kopflos" geht es Charlotte Kerner um ein medizinisches Experiment, das bis an die Grenzen geht – der Medizin, der Ethik und menschlicher Liebe.

Zwei Männer sterben – fast. Der eine ist Hirntod, der Körper des anderen ist unheilbar geschädigt. In ihrer Verzweiflung entscheiden sich die Frauen der beiden Männer für eine neuartige Operation: Die Transplantation des Kopfes des Unfallopfers auf den Körper des Hirntoten. Die Operation gelingt, zumindest medizinisch. Doch wer ist dieser Mensch? Ein neu geschaffenes Wesen? Wessen Leben soll dieser Mann führen? Welche von beiden Frauen soll er lieben – und welchen Mann lieben die beiden Frauen, den Körper, den Kopf oder die bloße Illusion, dass der Mensch, den sie liebten, irgendwie noch da ist.

Es ist ein packendes Szenario, das die Journalistin und Buchautorin Charlotte Kerner in ihrem neuen Roman beschreibt. Ihr Buch „Kopflos“ handelt von einem kontroversen medizinischen Experiment, das bis an die Grenzen der Medizin, der Ethik und der menschlichen Liebe geht. Kerner schildert packend und facettenreich eine Beziehungsgeschichte unter extremen Bedingungen. Der wissenschaftliche Background ist dabei exzellent von der Lübecker Journalistin recherchiert – medizinisch wäre eine solche Transplantation in naher Zukunft möglich. Doch ist sie auch ethisch vertretbar?

Die fünf ProtagonistInnen in ihrem Roman – der hirntote Student Josef, seine schwangere Freundin, das Unfallopfer Gero und seine Ehefrau Yvonne und die Transplantationmedizinerin Lena, die mit der Operation Menschheitsgeschichte schreibt – sind vielschichtig. Der Text ist fein komponiert, wie eine Sinfonie sind die verschiedenen Textelemente miteinander verwoben. Der Roman geht über einen Wissenschaftsroman hinaus, vermischt sich mit philosphischen Gedanken, flankiert von Erkenntnissen aus der Wissenschaft. Wo befindet sich der Sitz unseres Bewusstseins, was macht uns aus – und sind wir mehr als unser Gehirn? Kleines Schmankerl am Rande: Die medizinischen Objekte, mit denen die Ärztin Lena experimentiert, sind Männer – die handelnden Akteurinnen in dem Roman sind Frauen. Eine spezifisch weibliche Sicht, ganz unaufdringlich zwischen den Zeilen, macht den besonderen Charme an diesem Werk aus. Und natürlich die Kernfrage, denn die Autorin stellt die Frage nach der menschlichen Identität völlig neu und einzigartig.

Die 58-jährige Charlotte Kerner hat schon einmal mit einem Wissenschaftsroman Aufsehen erregt. „Blueprint. Blaupause“ gewann den Deutschen Jugendliteraturpreis, wurde in elf Sprachen übersetzt und mit der Schauspielerin Franka Potente verfilmt. Auch das neue Buch „Kopflos“ verdient das Prädikat unbedingt lesenswert.