Reizthema

Krass, extrem und unsexy?

Der Feminismus steckt in einer Imagekrise. Selbst die Deutsche Bahn habe heute einen besseren Ruf, meinte die Berliner Autorin Thea Dorn unlängst. Woran das liegt? Auch an den Vorurteilen und Klischees, die von jeher rund um das „böse F-Wort“ geschürt wurden. Ein Buch lädt nun dazu ein, alte Missverständnisse über Bord zu werfen und einen nahezu ad acta gelegten Begriff neu zu entdecken – unter dem Titel „Das F-Wort. Feminismus ist sexy“.

Im Grunde scheint der Emanzipationsgedanke von einst in den Köpfen heute ganz gut angekommen. Frauen halten es mittlerweile für selbstverständlich, dass sie über ihr Leben selbst bestimmen. Von den alten Geschlechterrollen wollen sich jedenfalls nur noch wenige vereinnahmen lassen. Vom Feminismus allerdings ebenso wenige. Denn die Ideale von damals – sie scheinen vielen Frauen heute, kurz gesagt: der reinste Krampf!

 

Zu Unrecht, so möchte der Sammelband zeigen, den die Frankfurter Autorin Mirja Stöcker gerade zum Thema herausgebracht hat. Zwölf Autorinnen und Autoren kommen hierin zu Wort und analysieren auf espritreiche und intelligente Weise, was Feminismus alles nicht ist und was er dennoch alles hervorbringen kann. Dabei gehen die Beiträge vor allem einer Frage nach: Wie kommt es eigentlich dazu, dass in der aktuellen Geschlechterdebatte der Feminismus als so überholt und „aus der Zeit gefallen“ gelten kann. Dass er assoziiert wird mit unsinnigen Zwängen – mit Männerhass und Emanzenwahn, Lippenstiftverbot und lauter Dingen, die Frauen vermeintlich in ein freudloses Leben ohne Kinder und Partner treiben. Und zu Karrieren – erfolgreich, aber einsam und unglücklich dazu.

 

Derzeit scheint es in Mode, alles Mögliche, was schief läuft, kurzerhand dem Feminismus in Rechnung zu stellen. Ob marodes Rentensystem oder Kinderarmut im Lande, der Untergang der Familie oder ein bröckelndes Selbstbewusstsein von Männern – das böse F-Wort ist schuld. In Mirja Stöckers Sammelband finden sich Stimmen, die hier ganz erfrischend Widerrede leisten. So wie etwa die Politologin und Journalistin Antje Schrupp, die in ihrem Beitrag „Die Deutschen sterben aus – und die Frauen sind schuld?“ darauf hinweist, dass es nicht der Feminismus ist, der dem Kindersegen hierzulande schadet. Sondern vielmehr eine Familienpolitik und Arbeitskultur, die auf die Bedürfnisse von Eltern noch immer zu wenig Rücksicht nimmt – und ganz nebenbei auch Männern die Lust auf Nachwuchs gehörig raubt.

 

„Geburten scheitern nicht an feministischen Ideologien, sondern an fehlenden Kindergartenplätzen, Geldproblemen, unflexiblen Arbeitszeiten – und zunehmend auch an den Männern. Fast die Hälfte der Frauen, die ein Kind möchten, findet schlichtweg keinen passenden Erzeuger – die Lust auf Vaterschaft ist in den letzten Jahren besorgniserregend zurückgegangen: 26 Prozent der jungen Männer wollen keinen Nachwuchs, gegenüber nur 11 Prozent der Frauen, wobei sich die ‚Kinderunlust’ der Männer seit 1992 mehr als verdoppelt hat, während sie bei den Frauen kaum gestiegen ist.“

 

Die Gegen-Lesarten, die in Mirja Stöckers Sammelband geboten werden, sind aber vielfältig und gelten insbesondere auch noch einer anderen Frage: Wie es eigentlich dazu kommt, dass der Feminismus immer wieder in den Verdacht gerät, für und von Frauen etwas zu fordern, was diese gar nicht wollen. Oder besser noch: Gar nicht leben können, weil entweder ein Schöpfungsauftrag (Eva Hermann & Co) oder die Natur (neurobiologische Liga & Co) nicht mitspielen. Tatsächlich bedienen uns die Medien tagtäglich mit Nachrichten, die uns einreden wollen, dass Männer und Frauen von Grund auf verschiedene Wesen sind – seit Steinzeitgedenken und quasi mit allem, was das Gehirn damals speichern konnte, als endgültigem Schicksal. Muss er der Held sein, der das Mammut nach Hause zerrt, und sie die Quasselstrippe, die Nest und Brut und Feuer hütet – bis in alle Ewigkeit?

 

Natürlich nicht. Denn wie verschiedene Beiträge betonen, ist diese „Höhlenidylle“ von einst ein Zerrbild, das recht spät entstanden ist – im ausgehenden 19. Jahrhundert, in dem die Rede von der „Natur“ der Geschlechter der bürgerlichen Gesellschaft helfen sollte, sich neu zu ordnen. Merkwürdigerweise finden Hinweise wie diese im Rummel um die Fragen, warum Prinzessinnen nicht zuschlagen und Indianer nicht weinen, nur wenig Gehör. Da mag die seriöse Wissenschaft noch so winken und mit Zwischenrufen andeuten:

 

„Die Unterschiede innerhalb der Geschlechter, also zwischen Anton und Alexander, sind weitaus größer als die zwischen den Geschlechtern, zwischen Anton und Alexandra. Anders gesagt: Männer und Frauen haben viel mehr gemeinsam, als sie trennt.“

 

Was Männer und Frauen mit dieser Gemeinsamkeit anfangen können? Vielleicht vor allem den eigenen Wunsch nach Gleichberechtigung, den die meisten haben, ernst nehmen – und darüber hinaus auch die Fakten und statistischen Zahlen, die zu erkennen geben, dass der Weg dorthin noch weit ist. Frauen verdienen im gleichen Job im Schnitt 20 bis 30 Prozent weniger als Männer. 40 Prozent der Frauen geben nach der Geburt eines Kindes ihren Beruf auf, obwohl 60 Prozent sich eigentlich ein Arbeitsleben auch außerhalb der Familie wünschen. 35 Prozent der Menschen, die in diesem Land unter der Armutsgrenze leben, sind allein erziehende Mütter. Mit anderen Worten: die Zahlen, die das Buch „Das F-Wort. Feminismus ist sexy“ präsentiert, stimmen nicht gerade überein mit dem Gefühl vieler Frauen heute, doch im Grunde nur das eigene Leben zu leben – und nicht das klassische Muster.

 

Natürlich gibt es daneben auch viele weibliche Lebenswege und Lebensweisen, die den alten Zwängen nicht mehr folgen. Die Welt der Mode und Schönheitsindustrie aber sorgt dafür, dass der Druck, in vorgegebene „weibliche“ Formen zu passen, dennoch nicht weniger wird. Auch hierzu finden sich in Stöckers Buch kluge Beiträge über Barbies und andere Beauties, über Model-Casting-Shows und Schönheitsideale, die mittlerweile bei der Kleidergröße „zero“ angekommen sind. Eine Welt zwischen Silikon-Starlets und ultradünnen Role-Models, die der feministischen Kritik mehr denn je bedarf. Wie auch die Autorin Elke Buhr betont, die hier vieles, was der Emanzipationsgedanke von einst versprach, auch in Sackgassen gelandet sieht: „Unsere Bäuche gehören uns. Aber jetzt tragen wir sie zum Fettabsaugen“? Mal ehrlich: Feminismus, ob mit oder ohne Sexappeal, macht mehr Spaß.

 

 

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