Women only

Kreativworkshops

Wenn Frauen Krisen haben, besuchen sie Kreativworkshops. Unglücklicherweise erfuhr ich das erst, nachdem ich meinen Mann für einen solchen angemeldet hatte.

Ich hielt es für eine Superidee, ihm zum dreißigsten Geburtstag einen Rhetorikkurs im Kreativhaus zu schenken. Er nicht. Das Geschenk bewirkte, dass mein Mann einen Tag lang gar nicht mehr mit mir sprach.

Schließlich tat er mir den Gefallen und besuchte den Kursus dann doch. Er dachte sich, es kann so schlimm nicht sein, doch es war schlimmer! Zwanzig Frauen auf dem Selbstfindungstrip irgendwo im Nirgendwo zwischen Midlife-Crisis und pädagogischem Weiterbildungswunsch – und dazwischen mein Mann! Leider fiel der Kurs „Rhetorik“ mangels Teilnehmerzahl aus, sodass mein Mann einfach in den Kurs „Theater“ gestopft wurde, was ja ungefähr das Gleiche sei, weil da ja auch ein Teil Sprechtraining drin vorkomme.

„Und?“, fragte ich neugierig, nach der ersten Stunde, „was habt ihr so gelernt?“ „Heute haben wir erst mal über unsere Motivation gesprochen, warum wir den Kurs besuchen und uns gegenseitig gestreichelt“, antwortete mein Mann. Ich blickte erstaunt auf: „Aha! Und? Was hast du gesagt? Warum besuchst du den Kurs?“ „Weil meine Frau das so will!“ Ich rollte mit den Augen, elender Verräter. „Nein, ich habe natürlich gesagt“, log er „weil ich so eine ganz tiefe, ganz unbestimmte innere Leere fühle, weil ich meine kreative und sensible künstlerische Seite all die Jahre unterdrückt habe und mich als Mann jetzt neu definieren, mich selbst finden will und einfach mal meine Gefühle zulassen und offen darüber sprechen möchte, und ja, meine Gefühle einfach auch mal ganz körperlich ausdrücken will, vor allem Frauen gegenüber.“ Ich habe danach nicht mehr gefragt, wie das gegenseitige Streicheln verlief, malte mir vor meinem geistigen Auge aber schon einen rhetorischen Swingerclub aus.

Die zweite Stunde verlief besser, zumindest aus meiner Sicht. Es wurde nicht mehr gestreichelt, mein Mann durfte stattdessen Toaster spielen. Toaster und Toastbrot. „Toaster?“, fragte ich, „wie geht denn das?“ Mein Mann erklärte mir diese schauspielerische Glanzleistung: Zwei Schauspieler stehen sich gegenüber, breiten die Arme nach vorne aus und bilden so den Toaster, indem sie mit ihren nach vorne gestreckten Armen den Toasterschlitz darstellen. In den Toasterschlitz stellt sich sodann ein weiterer Akteur, der nun auf Kommando in dem Schlitz auf und ab springt. „Toll“, sagte ich, „Und? Wie warst du so als Toast?“ Mein Mann sagte, Toast hätte ihm jetzt nicht so viel gegeben, so rein gefühlsmäßig, er hätte lieber ein Partywürstchen gespielt.

In der Stunde danach war der Mixer dran, der schauspielerisch ungefähr genauso anspruchsvoll war wie der Toaster. Das Method-Acting „Mixer“ verlangte meinem Mann das Letzte ab. Tagelang versuchte er, sich in einen Rührstab hineinzuversetzen und sich vorzustellen, er drehe sich wie ein Derwisch in Eischnee, Sahne oder Schokopudding. Doch zum Glück kam nach dem absurden Mixerthema schnell die Denkmütze.

„Denkmütze?“, fragte ich ebenso neugierig wie erstaunt. Mein Mann erklärte mir, die Denkmütze stimuliere über vierhundert Energiepunkte am Außenohr, die mit wichtigen Gehirn- und Körperfunktionen in enger Verbindung stehen. Die sanfte Massage dieser Punkte mache frisch und entspanne ,und man kann sich wieder toll konzentrieren. Die Denkmütze ist super. Im Gegensatz zu den anderen erlernten Techniken nutzen wir die Denkmütze auch ganz praktisch im Alltag. Zum Beispiel wenn mein Mann sagt: „Ich sehe hier aber keine Unterhosen in meinem Schrank!“ Dann brauche ich einfach nur zu rufen: „Dann setz doch mal deine Denkmütze auf!“ Und schwups, auf einmal liegen zwanzig Unterhosen direkt vor seiner Nase!

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Ute Hamelmann wurde 1975 in Münster geboren. Sie lebt mit ihrem Mann in einem kleinen Dorf im Münsterland und zeichnet, schreibt und bloggt neben ihrem Hauptberuf bei einer Lotteriegesellschaft. Seit 2006 trägt sie den Künstlernamen Schnutinger, der aber mehr ein Zufallsprodukt ist, weil ihr Mann sie so genannt hat und das ihr erstes und letztes Bloggerpseudonym war. Ute Hamelmann hat zwei Cartoonbücher im Carlsen-Verlag veröffentlicht, produziert kabarettistische Beiträge für DerWesten und Sevenload und arbeitet an einem Buch für den Eichborn Verlag.

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