Anderswo

Kuckuckskinder, Kuckuckseltern

Ist es meins – oder seins? Ein Vaterschaftstest kann zwar Gewissheit verschaffen, wenn die Zweifel plagen. Aber damit ist noch lange nicht alles geklärt. Denn wenn das Geheimnis um ein „Kuckuckskind“ in einer Familie gelüftet wird, geht es mit den Fragen eigentlich überhaupt erst los. Was macht Vaterschaft aus? Und wie können Männer, Frauen und Kinder mit einer Wahrheit umgehen, die oft sehr schmerzhaft ist? Ein Buch von Simone Schmollack greift das emotional brisante Thema auf.

Ist Offenheit wichtig? Oder Schweigen das einzige Mittel, um einen Familienfrieden zu wahren, der zum Teil auch auf einer Lüge beruht? Schätzungen zufolge sind hierzulande fünf bis zehn Prozent aller Neugeborenen so genannte „Kuckuckskinder“ – sie wachsen mit Vätern auf, die sie für ihre leiblichen halten, die es aber nicht sind. Eine Situation, die eine Familie auf die Zerreißprobe stellen kann, wenn die Wahrheit dann doch an den Tag kommt.

Meist sind es dabei die Väter, die Klarheit haben möchten, sobald an der eigenen Erzeugerrolle Zweifel aufkommen. Die Frauen dagegen tun sich verständlicherweise eher schwer, an dem großen Tabu zu rühren – und offen über einen Seitensprung mit Folgen zu reden. 40. 000 Männer sind es jährlich, die in Deutschland ihre Vaterschaft testen lassen: Jeder vierte ist dann tatsächlich nicht der Erzeuger des Kindes, um das es geht.

Was fängt man mit einem solchen Ergebnis an? Wie geht man mit ihm um? Simone Schmollak hat mit „Kuckuckseltern“ und „Kuckuckskindern“ gesprochen und ein Buch herausgebracht, das sich behutsam mit dem Thema auseinandersetzt. Dabei zeigt sich, wie facettenreich die Gefühle, Gedanken und Reaktionen sind, die ausgelöst werden, wenn in einer Familie die vertrauten Rollen plötzlich ins Wanken geraten und vieles hinterfragt werden muss.

Da sind zum einen die Männer, die sich verraten und hintergangen fühlen und nicht selten um ein „Lebensglück“ betrogen. Wobei für manche Väter nach dem Abschied von der biologischen Rolle nur noch eines bleibt: der Wunsch nach einer schnellen Befreiung vom so genannten „Unterhaltsjoch“. Andere dagegen sehen gar nicht ein, auf die bisher gelebte Vaterrolle verzichten zu sollen, nur weil diese nun nur noch sozial und nicht genetisch bedingt sich zeigt. Dazwischen kommen aber auch die Kinder zu Wort, denen verschwiegen wurde, wo sie (auch) herkommen, und die Frauen, die ebenso unter der „Lüge“ zu leiden haben: Oft ist es die Angst, den Partner zu verlieren, aus der heraus zur Wahrheit nicht gestanden wird. Oft aber auch die Angst, nicht nur sich selbst, sondern auch anderen einen Traum von „heiler Familie“ zu zerstören.

Simone Schmollacks Buch plädiert hier für mehr Offenheit. In einem Artikel, den die Autorin kürzlich im „Tagesspiegel“ veröffentlichte, erklärt sie, warum wir uns von unserer Sehnsucht nach Familienglück nicht ins Bockshorn jagen lassen sollten und die Realität im Blick behalten:

„Das Tabu, in der eigenen Familie offen über ein Kuckuckskind zu reden, steht im krassen Gegensatz zur Welt, in der wir heute leben. Noch nie scheiterten so viele Ehen wie in den letzten Jahren (jede dritte Ehe wird geschieden), noch nie gab es so viele Kinder, die mit verschiedenen Vätern und Müttern aufwachsen. Der Auseinanderfall von biologischer und sozialer Vaterschaft wurde selten so stark thematisiert wie jetzt. Und die wachsende Zahl von Zweitehen mit weiteren Kindern zeigt, dass es nicht in jedem Fall das Gen ist, das zusammenschweißt. Warum also ist es so schwer, darüber zu reden?“

Simone Schmollack hat in den Gesprächen, die sie mit Betroffenen führte, nach Antworten gesucht. Und offenbar ist es so: Gewissheit lässt sich im Genlabor zwar schon finden, eine Patentlösung für den Umgang mit dieser aber nicht. Und auch der Gesetzgeber kann hier nur die Rahmenbedingungen schaffen, über den eigenen Weg müssen aber Paare (und jeder und jede für sich auch allein) selbst entscheiden. Immerhin: Seit dem 1. April 2008 ist ein neues Gesetz in Kraft, das bessere Spielräume hierfür bieten soll. Männer können nun künftig ihre Vaterschaft klären lassen, ohne dass sie damit auch zugleich juristisch diese anfechten müssen, wie bisher.

Die neue Regelung soll die sozialen Bindungen stärker schützen. Denn bis dato galt der Grundsatz: Wer unbedingt – und auch gegen den Willen der Mutter – herausfinden wollte, ob ein Kind auch wirklich das leibliche ist, der musste in Kauf nehmen, am Ende gleich alles zu verlieren: mit der biologischen Vaterrolle nämlich auch alle rechtlichen Bindungen zum Kind, falls der Test negativ ausfiel. Nicht alle Männer wollen das.

Wer mehr über das Thema lesen möchte, kann entweder hier klicken und gleich zu Simone Schmollacks Buch „Kuckuckskinder, Kuckuckseltern“ finden. Oder Sie klicken hier und gelangen zu dem längeren Artikel, den die Autorin kürzlich in der Zeitung „Der Tagesspiegel“ veröffentlichte.

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Fotos:

1. dancerP (via photocase.com)
2. Buchcover, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag