Cool Tour

Kühe im Großstadtrevier

Wo finden gefährliche Frauen, gefährliche Männer und geheimnisvolle Kühe zusammen? Zum Beispiel in den Liedern der Berliner Band „Mathilda“, die sich gerade musikalisch ein ganz eigenes Revier gesichert hat. Denn so poetisch, so mysteriös, so zwischen Landluft und Mordlust, Chanson und Pop hat schon lange niemand mehr über die Wechselfälle gesungen, die das Leben so mit sich bringt. Allemal in einer großen Stadt.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: mathilda-musik.de und plaene-records.de

vom 22.04.07

„Mathilda ist das Schönste, das Ihren Ohren, Hirn und Herz in diesen Tagen begegnen kann“, schreibt die Berliner Krimiautorin Thea Dorn in einem kurzen Feature, das auf dem zweiten Album der Band abgedruckt ist. „M wie Mord“ heißt dieses zweite Album, und dass Thea Dorn diesem eine kleine Liebeserklärung widmet, mag mit dem Stil zusammen hängen, der hier zelebriert wird. Denn Mathilda ist nicht nur eine Band. Mathilda ist viel mehr eine Haltung. Wäre Mathilda ein Mädchen (so wie Thea Dorn sie beschreibt), sie könnte nirgendwo anders leben als in den großen Städten, die sie „angemessen einsam durchstreift“ und „nur im Notfall verlässt“. Der Alltag hier – er ist mit den Augen Mathildas betrachtet ein Krimi in endloser Serie, voller schrulliger Wendungen, ordinärer Phrasen und kunstfaseriger Muster. Aber Mathilda ist eben so: Sie mag Kunstfaser. Sie mag Aufregung. Und sie versteht es, die Dinge niemals so zu nehmen, wie sie scheinen.

 

„M wie Mord“ lädt zu 14 neuen Songs ein, die aus der Feder des Bandgründers Florian Bald stammen.  Jahrelang arbeitete der Gitarrist im Kämmerlein vor, schuf Texte und Musik, bis er im Frühjahr 2003 zum ersten Mal die Stimme der Schauspielerin Anika Mauer zu hören bekam – ungekünstelt, herb und voller Wärme. Für Florian Bald stand sofort fest: Er war auf die Stimme Mathildas gestoßen – auch wenn das entsprechende siebenköpfige Bandprojekt erst noch ins Leben gerufen werden musste. Gedacht, getan und der Erfolg kam auch: Bereits im Sommer 2004 hatte sich die Band einen ersten wichtigen Nachwuchsförderpreis für junge Songpoeten eingeheimst, ein halbes Jahr später erschien dann unter dem Titel “Supersexy Rational“ ein Debütalbum.

 

Aber dem Titel dieses Debüts zum Trotz ist es nicht die Vernunft, die in der Musik Mathildas die Oberhand hat. In dem Song „My Fulda-Boy“ wird etwa eine Liebesgeschichte erzählt von zweien, die in verschiedenen Städten leben und sich mit ein und demselben Himmel trösten müssen („Wir haben denselben Mond“). Sehnsucht  ist angesagt („Ich dachte an dich vor und nach dem Essen/Und war zwischendrin meist schon satt“). Weltgeschehen im Hintergrund, kreuzsentimentale Liebesbriefe im Vordergrund und als Mittlerin dazwischen – diese lakonische Stimme Mathildas („Wir machten, was man so macht, wenn man sich mag/Und du fuhrst nach Fulda zurück“).

 

Aber Mathilda kann natürlich auch ganz anders: Auf dem Album finden sich auch Stücke in schönster Panikstimmung („Ich rauch noch eine Lord/Das Ende ist nah!“ oder  „Eltern-Kurzbesuch/Das Ende ist nah!“). Es finden sich Lieder, in denen ganz logisch über völlig absurde Fragen nachgedacht wird („Die Kuh frisst Gras/Wieso tut sie das?/ Nur zum Spaß/frisst die Kuh kein Gras“) und natürlich Verbrechergeschichten, in denen der „Tatort“ ebenso seine Spuren hinterlassen hat wie Brechts Moritat von „Mackie Messer“.  

 

Kurz und gut: Mathilda ist ein kleiner Geniestreich und schafft es, der Seele des Chanson hierzulande eine ganz eigene Bühne zu geben – mit einer selbstbewussten Stimme aus dem Hier und Jetzt einerseits und vielfältigen musikalischen Mitteln andererseits. Welche das sind? Man sollte vorsichtig sein mit Nachfragen dieser Art. Mathilda findet solche nämlich schon mal klein kariert. Und das gibt sie auch gerne in einem Bandinfo auf ihrer Website zu verstehen: „Ist es Chanson? Pop? Soul? Jazz? Kunstlied? Selbstverständlich.“