Reizthema

Kunst? Oder keine feine ART?

Sie täuschte eine Psychose vor und entzündete so eine Kunstdebatte – nach allen Regeln der Medien. Wochenlang wurde in Schweden über Anna Odell gestritten. Die junge Studentin gab vor, von einer Brücke springen zu wollen – für ein Kunstprojekt. Nun muss auch vor Gericht geklärt werden, ob sie damit nicht zu weit ging.

Passanten holten die Polizei, als ihnen die junge Frau auffiel. Sie schien verwirrt, beugte sich wieder und wieder über das Geländer der Brücke, auf der sie stand. Für die Polizisten, die schnell zur Stelle waren, sah es nach akuter Selbstmordgefahr aus, und sie brachten Anna Odell in die Notaufnahme der Psychiatrie. Eine Nacht verbrachte die 35-Jährige dort, um am nächsten Morgen Ärzte und Pfleger zu verblüffen: Sie sei gar nicht krank, erklärte die Studentin, die an der Stockholmer „Konstfack“-Hochschule kurz vor einer Abschlussarbeit stand. Sie sei nur dabei, für ihr Examen zu recherchieren. 

Was Anna Odell tat, hat nun ein juristisches Nachspiel: Über den Fall, der in Schweden heftige Reaktionen auslöste, soll bald vor Gericht verhandelt werden. Dabei wird es vermutlich auch dort nicht leicht fallen, mit der Frage umzugehen, die über Monate schon das schwedische Feuilleton nicht wirklich klären konnte: Was darf Kunst? Und wo liegen die Grenzen ihrer Freiheit

Anna Odell mag ihre Kunstaktion lange und gut geplant haben. Mit dem Rampenlicht, im dem sie seit einigen Monaten steht, will sie angeblich dennoch nicht gerechnet haben. Es sei ihre Intention gewesen, etwas mehr Licht in jene Räume zu bringen, in denen unsere Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen umgeht: „Die geschlossene Psychiatrie ist der wohl machtvollkommenste Teil unser Gesellschaft. Als Patient kann man aller Rechte beraubt werden. Bisweilen ist das ja gewiss auch nötig. Dennoch muss es möglich sein, diesen Teil der Gesellschaft zu beleuchten“, erwiderte sie auf die Vorwürfe, die man ihr nun macht. 

Und das sind nicht wenige: Sie habe falschen Alarm ausgelöst, Behörden irregeführt und obendrein auch noch Widerstand geleistet, als andere versuchten, ihr zu helfen. So lauten die Punkte der Anklage. Tatsächlich musste die Polizei sogar zu Handschellen greifen, um die junge Frau ins Krankenhaus befördern zu können. Und auch dort hörte Anna Odell noch nicht auf, zu toben und um sich zu schlagen, bis man sie mit Medikamenten ruhig stellte. Kunst? Unsichtbares Theater? Oder was? 

Nichts von alledem, findet der Oberarzt David Eberhard zumindest. Als Chef der Notaufnahme im St. Göran-Krankenhaus, in das Anna Odell in jener Nacht im Januar eingeliefert wurde, kritisierte er die Aktion gleich sehr scharf und erstattete Anzeige. Das Projekt habe zeigen wollen, wie man zum Opfer der Mittel werden kann, mit denen die Psychiatrie arbeitet, so erklärte der Arzt in den schwedischen Medien. Aber die eigentlichen Opfer in dieser Nacht seien doch die anderen gewesen, die hier getäuscht wurden: Passanten, die helfen wollten, Polizisten und Ärzte, die gezwungen waren, sich um die verwirrte Frau zu kümmern – trotz der ohnehin schon großen Überbelastung, unter der man in der Psychiatrie heute zu arbeiten hat. Personal, Betten, Zeit und Kraft seien hier äußerst knapp. Darf man sie also in Anspruch nehmen, einfach so und grundlos? 

David Eberhard ist nicht der einzige, der sich dagegen verwehrt. Auch viele andere fanden, dass Odells Aktion nichts mit Kunst zu tun habe und entsprechend auch nicht in ihrem Namen zu entschuldigen sei. Allerdings hat ja auch Odell nie behauptet, dass ihr simulierter psychotischer Anfall selbst schon Kunst sei – er sollte ihr nur Erfahrungen verschaffen, die sie später dann weiterverarbeiten wollte. Im Mai dieses Jahres war es nun soweit: Die Installation „Unknown, woman 2009-349701“ wurde erstmals öffentlich gezeigt. Und nach der Ausstellung, die an der Konstfack-Hochschule stattfand, wollten zumindest einige den Fall Odell doch noch einmal in einem anderen Licht sehen und nicht mehr nur als „kleinkriminell“. 

 

Die Installation „Unknown, women 2009-349701 besteht zum größten Teil aus Interviews, die mit Psychologen, Juristen und Pflegepersonal im Vorfeld geführt wurden. Darin geht es der Studentin stets um die gleiche Frage: Ist das, was ich vorhabe, juristisch und moralisch anfechtbar? Die Antwort der meisten Befragten: Ja. Nur ein Psychologe meint, es sei eine gute Idee, den Blick der Öffentlichkeit in die geschlossenen Räume der Krankenpflege auf diese Art zu lenken. 

In einem zweiten Teil der Arbeit ist dann das Video zu sehen, das das Geschehen damals im Januar auf der Brücke dokumentiert. Der Film ist 15 Minuten lang und wurde heimlich gedreht. Danach: ein Krankenhausbett aus der Psychiatrie – mit geöffneten Zwangsfesseln, groß im Bild. Um dieses herum sind Stimmen zu hören. Auch sie wurden heimlich mitgeschnitten und geben wieder, wie Ärzte und Pfleger ungläubig und zornig reagieren, als sie von Odell erfahren: Das Ganze sei Kunst.

Und das sei es auch, meinen einige Kritiker, die hier nun beobachten: Odell gehe in ihrer Arbeit durchaus geschickt mit Mustern um, die man von alten Altarbildern her kenne. Nur dass die zentrale Gestalt bei ihr eine junge Frau sei, die im Kreise von gesellschaftlichen „Lichtgestalten“ (Juristen, Medizinern, Menschen in weißen Kitteln) agiere und dabei immer wieder den Rat bekomme: Sie solle nichts riskieren und sich doch nicht für eine „höhere“ Idee, eine Kunstidee am Ende zum Opfer machen. Odell ist diesem Rat nicht gefolgt. Sie hat ihre Idee dennoch umgesetzt. Ob sie nun auf „Erlösung“ hoffen darf (ein Motiv, das im letzten Bild der Arbeit anklingt), steht als Frage aber auf einem völlig anderen Blatt. 

Denn selbst wenn diese Arbeit überraschend berührende und bewegende Momente hat, so sind damit die wichtigen Einwände gegen sie nicht aus der Welt. Allerdings gibt es auch Stimmen, die meinen, die künstlerische Qualität sei sowieso nur Nebensache. Denn schließlich habe Anna Odell eine Debatte entzündet, noch bevor es überhaupt ein Werk gab, das man hätte ästhetisch beurteilen können. Damit sei doch klar, dass es die Idee war, auf die es hier ankam – und nicht die Qualität ihrer Ausführung. Ein wichtiger Faktor seien hier so auch die Medien. Ist ihre Wahrnehmung des Projekts eigentlich nur eine förderliche? Oder auch eine völlig verdrehte?

Manche Kritiker sehen das so und meinen: Brisant sei doch der Fall Odell nicht, weil mit ihm gezeigt würde, dass die Psychiatrie heute noch die Macht hätte, einen Menschen einfach so wegzusperren. Das Gegenteil treffe viel eher zu: Anna Odell führe uns deutlich vor Augen, dass eine Institution sich für eine Nacht, die jemand in einer Zwangsjacke verbringt, heute zu rechtfertigen hat, zur Not mit einer Anzeige, die klären muss, was denn nun Recht ist und was Betrug. Genau hier aber sei man bei dem eigentlichen Schauplatz, den diese Kunstaktion herausfordere – bei den Medien. In ihnen nämlich fielen schon Urteile, noch bevor überhaupt irgendein Gericht sich der Sache annehmen konnte. Anna Odell habe so zeigen können, wie sich Machtstrukturen heute ändern, wie sie auf der einen Seite bröckeln (Psychiatrie) und auf der anderen Seite wiederum stärker denn je wirken. 

 

Als Anna Odell im Mai ihre Examensarbeit an der Kunsthochschule präsentierte, wurde sie auch von Journalisten umlagert, die zuvor noch keine einzige Zeile über zeitgenössische Kunst geschrieben hatten. Auch wenn nun das Gericht entscheiden sollte, dass die Studentin zu weit gegangen ist – einen Namen mit ihrer Aktion hat sie sich dennoch gemacht.  

 

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

 

Bildnachweise: 

 

1. ohneski (via photocase.com) 

2. Yvonnes_photos (via ohotocase.com)

3. kallejipp (via photocase.com)