CD des Monats

Kylie Minogue – göttlich oder sich gleich?

Warum nicht wagemutiger?

Vor knapp vier Jahren veröffentlichte das in München und Hamburg ansässige Künstlerinnenkollektiv Chicks on Speed den Sampler „Girl Monster“, in dessen Booklet sie den Fembot und das Girl Monster als Archetypen des weiblichen Popstars definierten. Zum Girl Monster erklärten Chicks On Speed unangepasste, individualistische Musikerinnen wie die junge Courtney Love. Als Beispiele für den Fembot (eine Wortschöpfung aus Feminine und Robot) dienten perfekt gestylte, auf Erfolg und Funktionalität ausgerichtete Glamourdiven wie Kylie Minogue und Madonna.

 

Antike Liebesgöttin

 

Auf ihrem aktuellen Album „Aphrodite“ inszeniert sich Kylie Minogue nicht als weiblicher Roboter, sondern als antike Liebesgöttin: Mit ausgebreiteten Armen ziert Kylie das in griechischem blau-weiß gehaltene Cover. Die huldvolle Geste wirkt auf den ersten Blick ein wenig befremdlich, doch im Booklet räkelt sich die 42-jährige Australierin wieder im gewohnt knappen Minidress.

 

Es wird deutlich: Man muss das Produkt Kylie Minogue immer als Gesamtpaket aus Styling, Coverdesign, Show, Tanz und ein bisschen Musik denken. Wir unterstellen sogar, dass niemand Kylie Minogue nur wegen ihrer Musik mag, auch wenn sie zweifelsohne großartige Hits wie „Can´t Get You Out Of My Head“ und „Slow“ im Portfolio hat. Seit Beginn ihrer Pop-Karriere im Jahre 1988 zehrt Kylie von einem immensen Sympathiebonus.

 

Ewige Konkurrentinnen

 

Die ewige Konkurrentin und Marktführerin Madonna mag den größeren Erfolg haben, Kylie ist die Dance-Floor-Queen der Herzen. Sie ist sexy, aber nicht ordinär, die Maße ihres Hinterteils gelten dank hochwissenschaftlicher Untersuchungen als perfekt. Selbst wenn sie außer goldenen Hotpants kaum etwas am Leib trägt, wirkt sie noch immer so süß und unverdorben wie in der australischen TV-Serie „Neighbours“, in der sie als Teenager mitspielte. Seit ihrem Duett mit Nick Cave („Where The Wild Roses Grow“) ist sie auch für Independent-Fans keine Unperson mehr, im Gegenteil, man „darf“ Minogue ganz ohne ironisches Augenzwinkern gut finden.

 

Die Schwulenszene feiert Kylie ebenfalls. Und dass der Tod in Gestalt einer Brustkrebserkrankung bereits an ihre Tür klopfte und sie diesen Schicksalsschlag tapfer überstand, machte sie noch beliebter. Aus all diesen Gründen möchte man „Aphrodite“ gut finden, aber ach, irgendwie geht es nicht.

 

Auch wenn die Frankfurter Rundschau das Album zunächst ein wenig zaghaft als „ihr wohl bestes“, dann alle Skrupel über Bord werfend als „großartige Pop-Platte“ bezeichnet: Premium-Produzent Stuart Price, der unter anderem für Madonnas 2005'er-Album „Confessions on a Dancefloor“ verantwortlich zeichnet und mit seiner eigenen Band Zoot Woman Tanzmusik für denkende Menschen macht, traut Kylie Minogue ganz offensichtlich keine Weiterentwicklung zu – und sie sich selbst auch nicht. Zwar schreibt sie einige ihrer Texte selbst („Too Much“, „Looking For An Angel“), das Sounddesign liegt aber wie immer komplett in den Händen (meist männlicher) anderer Leute.

 

Austauschbarer Discopop

 

Interessant wäre doch mal, wie Kylie sich selbst klingen lassen würde – die zwölf neuen Songs jedenfalls hören sich kaum anders an als die Vorgängerplatten „X“, „Fever“ oder „Body Language“: austauschbarer, hochgepitchter Discopop im unsensiblen 4-to-the-Floor-Marschrhythmus, der eher auf den Rummelplatz als in coole Clubs passt. Auch wenn Price sonst ein Garant für Hipness ist, hört sich „Aphrodite“ ziemlich outdated an – keine Spur von Innovation.

 

Dass Kylie Minogue (bzw. der starke Mann hinter ihr) auf Retroeffekte baut, ist nicht verwerflich, Siebziger- und Achtziger-Referenzen sind en vogue und soll schließlich  „Aphrodite“ auch Leute ansprechen, die vor über zwanzig Jahren „I Should Be So Lucky“ gekauft haben. Aber was den Scissor Sisters mit ihrer neuen Platte „Night Work“ so unverschämt gut gelingt, nämlich den Zauber der sagenumwobenen New Yorker Discothek Studio 54 und der hedonistischen Achtziger in die Nuller Jahre zu transportieren, also das Gestern mit dem Heute zu verknüpfen UND dabei witzig, intelligent und sexy zu sein, verpufft beim Gespann Minogue/Price. Die Single „All the Lovers“ will Grandezza verströmen, ist eingängig und charttauglich, aber dabei ziemlich plump.

 

Dass Minogue keine besonders ausdrucksstarke Stimme hat, war noch nie ein Grund für Kritik, auch Madonna ist keine begnadete Sängerin, sondern baut auf die „Gesamtpaket“-Wirkung. Aber weil Minogue noch  2010 wie eine 18-jährige klingt, kommen inhaltlich interessante Songs wie „Closer“ und „Everything Is Beautiful“ letztlich flach und belanglos 'rüber.

 

Was bleibt im Ohr?

 

Richtig gut dagegen ist „Too Much“ geraten, geschrieben von Kylie und Calvin Harris: Die Bässe wummern saftig, die Synthesizer jubilieren euphorisch, und das Ganze zielt direkt auf Bauch und Tanzbein – so soll es sein! In „Cupid Boy“bastelte Stuart Price eine New Order-Indie-Gitarre hinein, die einen angenehm warmen Sound verströmt, aber inmitten des bis zur Fadenscheinigkeit polierten und gebügelten Umfelds seltsam unvermittelt wirkt.

 

Was bleibt im Ohr von „Aphrodite“? Leider kaum etwas. Neben dem mutmaßlich kostspieligen Producer Price blieb nicht mehr viel für gute Songschreiber übrig, einprägsame Hooks und Melodien oder einfach gute Ideen sucht man vergeblich. Im Frühsommer trat Kylie Minogue überraschend mit den Scissor Sisters beim Glastonbury Festival auf – der Auftritt soll umwerfend gewesen sein, und man glaubt es unbesehen. Vielleicht sollte Kylie künftig nur noch Konzerte geben und keine Alben wie „Aphrodite“ mehr aufnehmen. Oder die nächste Platte endlich mal von wagemutigen Frauen produzieren lassen: Wie wär´s mit den Chicks on Speed?

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend schreibt sie für das Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine. 

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